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Frankfurter Bahnhofsviertel : Mehr Raum für Junkies

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Drogensüchtige hätten das gleiche Recht, im Bahnhofsviertel zu sein, wie jeder andere. Das sagt der Arbeitskreis Kritische Geographie Frankfurt. Bild: dpa

Eine etwas andere Sicht auf Prostitution, Drogenkonsum und Obdachlose im Bahnhofsviertel: Der „Alternative Drogenbericht“ hält provokante Vorschläge parat, wie man Junkies begegnet.

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          Zu Jahresbeginn haben die Geschäftsleute wieder einmal Alarm geschlagen. Schlimmer als je zuvor seien die Zustände an der Taunusstraße. Sie sei zur neuen Drogenmeile im Bahnhofsviertel geworden, schimpften die Einzelhändler und fragten: Wer kommt denn noch in unsere Geschäfte, wenn er zuvor an Junkies und Dealern vorbei muss? Auch Drogenhelfer berichteten von neuen, aggressiveren Dealer-Gruppen. Die Klagen waren Anlass, ein schärferes Vorgehen gegen Händler zu fordern, um die Straßenzüge zwischen Hauptbahnhof und Willy-Brandt-Platz wieder attraktiver zu machen.

          Im „Alternativen Drogen- und Suchtbericht“, der dieser Tage erschienen ist, findet sich eine etwas andere Sicht der Dinge. Im Bahnhofsviertel gebe es für Prostitution, Drogenkonsum und Obdachlose nicht zu viel Platz, sondern zu wenig, heißt es in einem Aufsatz des Sammelbands, der vom Arbeitskreis Kritische Geographie Frankfurt stammt. Hauseigentümer verscheuchten Obdachlose mit abgeschrägten Kanten an Hauswänden, Supermärkte verweigerten die Annahme großer Mengen Pfandflaschen, und sitzen könne man, wenn es so weitergehe, nur noch in Cafés, die den öffentlichen Raum vereinnahmten.

          Polemische Kritik an Politikern

          Die Autoren fürchten, dass „nun auch Taunusstraße und Kaisersack zu bereinigten Korridoren werden“, durch die Touristen gelotst werden sollten, ohne mit den sozialen Problemen Frankfurts in Kontakt zu kommen. Im gleichen Maß, wie die Mieten in dem Viertel stiegen und Bewohner verdrängt würden, wachse eine Interessengemeinschaft, die das Ziel habe, das Viertel von allen imageschädigenden Gruppen zu befreien. Dabei hätten Drogensüchtige, Prostituierte und Obdachlose das gleiche Recht, dort zu sein, wie jeder andere.

          Dass der wissenschaftliche Wind in dem Bericht von relativ weit links weht, zeigt schon die durchgängige geschlechterneutrale Schreibweise „Drogenkonsument_innen“. Die Kritik an Einzelhändlern und Politikern, die hartes Durchgreifen fordern, ist in manchen Teilen polemisch. Einen interessanten Blick auf die Bedingungen, unter denen Drogenabhängige leben, erlaubt sie dennoch. Letztlich wirft der Aufsatz, wie der komplette Band, die Frage auf nach der richtigen Balance zwischen Hilfe und Repression.

          Repression verlagere nur die Probleme

          Es ist eine Frage, die in Frankfurt oft gestellt wird. An den hiesigen Hochschulen gibt es viele Suchtforscher, die über eine neue Drogenpolitik nachdenken. Sie prägen auch den „Alternativen Drogenbericht“. Heino Stöver von der University of Applied Sciences und Bernd Werse von der Goethe-Uni gehören zu den Autoren des Sammelbands, der ein Gegengewicht sein soll zum Drogenbericht der Bundesregierung. In ihm vermissen die Autoren Lösungsansätze jenseits kurzatmiger und populistischer Äußerungen zu den Folgen bestimmter Drogen. Ein „Drogenverbotshammer“ sei angesichts der Zahl der Konsumenten legalen wie illegalen Rauschgifts realitätsfremd und anachronistisch, heißt es im Vorwort.

          Was nicht heißt, dass die Wissenschaftler die Drogen verharmlosen. Gleich zwölf Beiträge des Bandes beschäftigen sich damit, wie Drogenabhängigen geholfen werden kann und wie sich Jugendliche von Cannabis und härteren Stoffen fernhalten lassen.

          Letztlich setzen die Autoren aber durchweg auf die Mündigkeit der Bürger im Umgang mit den mehr oder weniger gesundheitsschädlichen Stoffen. Auch die kritischen Geographen sprechen sich für eine Liberalisierung der Drogengesetze aus und dafür, dass die Drogenhilfe den Abhängigen gerecht wird. Repression werde die Probleme jedenfalls nicht lösen, sondern nur verlagern – vielleicht vor die Läden anderer Geschäftsleute.

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