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Frankfurter Bahnhofsmission : Letzte Rettung an Gleis 1

Eng getaktete Hilfe: Paul Hußlein (Mitte) bringt am zweiten Weihnachtsfeiertag eine gehbehinderte Reisende zum Zug nach Hamburg. Bild: Marcus Kaufhold

An den Festtagen ist die Bahnhofsmission oft die einzige Hilfe für Gestrandete und Vereinsamte. Manche werden dort Stammgäste. Rund 120.000 Menschen kommen jedes Jahr in die Mission.

          Sie wolle da etwas klarstellen, sagt die ältere Frau mit dem Rollator. Sie sei zum ersten Mal in der Bahnhofmission. Nur etwas Wasser habe sie gewollt, für die Tabletten, und kurz auf die Toilette. Sie brauche kein Brot, kein Geld, keine Hilfe. „Ich bin hier wegen der Freunde“, sagt die Kroatin. Neben ihr sitzen eine Serbin mit schlohweißem Haar und eine Bulgarin mit Haarnetz.

          Falk Heunemann

          Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Carsten Baumann kommt an den Tisch und begrüßt die Damen, die alle schon seit Jahrzehnten in Frankfurt wohnen. Die Serbin und die Bulgarin kennt er, sie kämen öfter, sagt der Leiter der Bahnhofsmission am Frankfurter Hauptbahnhof. „Echte Stammgäste.“

          Festtage sind die Hochsaison

          Alle paar Sekunden klingelt es an der Tür am Gleis 1. Obdachlose, Drogensüchtige, Diebesopfer, einsame Senioren, gestrandete Reisende. Ein Spender bringt eine Tasche voller Duschgel und Zahnpasta vorbei. In einem Zimmer liegt ein Marokkaner, der von seiner Frau hinausgeworfen wurde und nun sehen muss, wie er und seine Mutter in die Heimat zurückkommen. Ein 72 Jahre alter Mann fragt nach einem Bahnticket. In der Wärmstube brüllt eine Verwirrte die Helfer an und muss nach draußen gedrängt werden. „Also alles fast wie immer“, sagt Baumann.

          Fast. Denn die Festtage sind die Hochsaison für die 15 hauptamtlichen und 65 ehrenamtlichen Helfer, vier bis fünf je Schicht. Erst recht an Tagen wie gestern, wenn es nachts gefroren hat und viele einen Platz zum Aufwärmen suchen. „Die Menschen entdecken zu Weihnachten ihr Herz“, sagt Baumann. Gehäuft tauchten Spender auf und brächten Lebensmittel und alte Kleidung vorbei. Und viele im Leben Gestrandete werden mit ihrer Einsamkeit konfrontiert, während sie an Festschmuck und Weihnachtsmusik vorbeilaufen. In der Bahnhofsmission können sie sich an diesen Tagen kurz aufwärmen, körperlich wie emotional. Auf den Theken stehen Kaffee, Kekse und Weihnachtsstollen bereit. Wer will, kann mit einem Seelsorger sprechen. „Die Tränen sitzen derzeit ganz oben“, sagt Baumann. Vorhin erst habe er einen 28 Jahre alten Drogensüchtigen auf Entzug getröstet, der „fertig mit dem Leben“ gewesen sei.

          „Man weiß nie, was nachher passiert“

          Die Frankfurter Bahnhofsmission, eine der vier größten in Deutschland, wird gemeinsam von der evangelischen Diakonie und der katholischen Caritas getragen. Die Räume werden von der Deutschen Bahn gestellt. Man sei klar christlich motiviert, sagt der Missionsleiter und Diakon, „wir gehen damit aber niemandem auf den Keks“. Viel Zeit für den Einzelnen ist ohnehin nicht, vielen anderen muss schließlich auch geholfen werden. Wer weitere Unterstützung braucht, wird an andere Einrichtungen vermittelt, an Notunterkünfte, Kleiderkammern, die Drogenhilfe. „Wir bekommen oft den Anfang einer Geschichte mit, aber nie das Ende“, sagt Baumann bedauernd.

          Kaffee, Kekse und Weihnachtsstollen: Die Festtage sind die Hochsaison für die Helfer der Frankfurter Bahnhofsmission (Symbolbild).

          Paul Hußlein findet gerade das aufregend. „Man weiß nie, was nachher passiert“, sagt der junge Mann, der neun Monate Bundesfreiwilligendienst in der Mission leistet. Er hat sich die himmelblaue Missionsweste übergestreift und einen Rollstuhl geschnappt. Damit will er zur S-Bahn, einen Gehbehinderten abholen, um ihn dann zum ICE zu bringen. Diese Umsteigehilfe gehört ebenfalls zum Angebot der Mission und ist in diesen Tagen besonders gefragt. Alle paar Minuten geht einer der Helfer mit Rollstuhl zur Tür hinaus oder kehrt nach getaner Arbeit zurück. Andere Helfer fahren gerade als Begleiter im Zug mit Kindern, deren Eltern getrennt und weit voneinander entfernt leben.

          80.000 Getränke, 120.000 Menschen

          All das gebe es aber nicht nur zu Weihnachten, sondern das ganze Jahr über, betont Baumann. 80.000 Getränke würden jedes Jahr ausgeschenkt, 120.000 Menschen kämen in die Mission, 250 bis 300 am Tag, an 365 Tagen von 0 bis 24 Uhr.

          Die Aufmerksamkeit, die die Bahnhofsmission zu den Festtagen bekomme, wünscht er sich das ganze Jahr über. Schon aus logistischen Gründen. Wenn etwa die vielen Kleider- und Nahrungsspenden im Dezember eintreffen, müssen sie alle zunächst sortiert und auf ihre Haltbarkeit geprüft werden. Das bindet Arbeitskräfte. Für eine Kleiderkammer ist in den Räumen im Hauptbahnhof auch kein Platz. Und die Bedürftigen brauchten nicht nur zu Weihnachten Hilfe, sagt Baumann.

          Aber eben zum Fest ganz besonders. Für Stammgäste und viele andere richtet die Bahnhofsmission daher an jedem Heiligabend eine Weihnachtsmesse aus, in der Haupthalle des Bahnhofs zwischen Gleis 4 und 5. Gut 250 Menschen sollen es diesmal gewesen sein. Fast hätte es aber dieses Jahr nicht geklappt, irgendjemand hatte kurz zuvor die Jesus-Figur aus der Krippe gestohlen. Schnell musste ein Ersatz-Christkind her. Es kam per ICE und unter Polizeischutz aus Kassel angefahren. Pünktlich.

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