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Kurpark Bad Homburg : Briten, Birdies, Blumentöpfe

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Schauplatz Bad Homburger Kurpark: das älteste Foto von einem Tennisspiel in Deutschland. Bild: Bad Homburger Stadtarchiv

Tennis, Golf, Reiten, Rad und Rallye: Ein sporthistorischer Spaziergang im Kurpark zeigt die ganze Bandbreite der Disziplinen.

          Wer im Sommer durch den Bad Homburger Kurpark flaniert, sieht auch Golf- und Tennisspieler in Aktion. Kaum jemand kommt dabei auf den Gedanken, dass einst englische Kurgäste diese Sportarten nach Deutschland importierten. Klaus-Dieter Metz, ein promovierter Gymnasiallehrer im Ruhestand, hat kürzlich Interessenten auf einem „sporthistorischen Spaziergang“ unter anderem geschildert, wie betuchte Briten im 19. Jahrhundert ihren vertrauten Sport in das „Spiel- und Kurbad“ mitbrachten. Auf den nach dem Vorbild englischer Landschaftsparks kurzgeschnittenen Rasenflächen spielten sie Golf und Tennis, Cricket und Krocket.

          Das älteste Foto von einem Tennisspiel in Deutschland und in Kontinental-Europa belegt, dass es im Sommer 1876 im Kurpark zu einem Match britischer Gäste im Gemischten Doppel kam. Am Rande des Bildes ist der Vermerk „First Tennis Game at Homburg“ zu lesen. Metz meldet Zweifel an und verweist darauf, dass schon im vorher erschienen „Homburger Fremdenführer“ von 1876 Lawn Tennis angeboten wurde. Der Historiker vermutet vielmehr, dass schon zwei Jahre vorher im Garten eines Hotels in der Louisenstraße das erste Tennisspiel auf Homburger und auf kontinentaleuropäischem Boden ausgetragen wurde. Denn dorthin hatte eine Londoner Firma im Sommer 1874 eine komplette Tennisausrüstung an englische Gäste geliefert.

          Britische Golfspieler im Kurpark

          Auf Dauer setzte sich in Deutschland statt des Rasentennis das Spiel auf rotem Belag durch, den der Homburger Gärtner und Platzwart Becker „erfunden“ hatte, indem er Blumentöpfe zu feinem Granulat zermahlte. Auf der Anlage des TC Bad Homburg fanden große Turniere wie die Internationalen Deutschen Meisterschaften (1898 bis 2001) sowie in den 1970er Jahren der Federation Cup der Damen sowie die Davis-Cup-Spiele gegen Dänemark und die Sowjetunion statt.

          Ende der 1880er Jahre zogen auch britische Golfspieler in den Kurpark ein, die 1891 zum ersten Golfturnier auf deutschem Boden antraten. Die Golfer praktizierten immer öfter statt des Short Golf, bei dem die Bälle flach gespielt wurden, das Long Golf, bei dem der Ball mit weiten Schlägen in Richtung Loch befördert wird. Der Kampf um den dafür nötigen Raum führte zu Konflikten. Der 1899 mit Beteiligung des späteren englischen Königs Edward VII. gegründete erste deutsche Golfclub, dem einflussreiche Mitglieder aus dem europäischen Hochadel angehörten, setzte sich durch und erweiterte die Golfanlage sogar auf achtzehn Löcher. Dieser Anspruch aber war nicht auf Dauer aufrechtzuhalten.

          Auf den Röderwiesen im Norden von Bad Homburg wurde im Jahre 1981 der „New Course“ mit achtzehn Löchern eingeweiht. Der historische, 1894 errichtete Golfplatz im Zentrum des Kurparks mutierte mit seinen neun Löchern zum „Old Course“. Seit 2013 darf der Club auf Geheiß des englischen Königshauses seinem Namen ein „Royal“ voranstellen.

          Mit dem Homburger Reitturnier fand zeitweise eine weitere noble Sportart ihr Domizil im Kurpark, zum ersten Mal 1923. Die Fernsehsendung von diesem Ereignis am 16. August 1953 gilt als erste Liveübertragung des Deutschen Fernsehens von dieser Sportart. Mit dabei Hans Günter Winkler auf Halla, die drei Jahre später ihren verletzten Reiter in Stockholm zum Olympiasieg trug und damit zur Legende wurde.

          Das erste Homburger Radrennen

          1892 kam es mit dem „Internationalen Velociped-Wettfahren“ im Kurgarten zum ersten Homburger Radrennen. Sechs Jahre später wurde sogar ein „Internationales Rad-Wettfahren“ organisiert, das auf der „Radfahrbahn“, dort, wo heute die „Taunus-Therme“ steht, ausgetragen wurde. Auf dieser schleifenförmigen Bahn durften sich ansonsten die Kurgäste an der Kunst des Hochradfahrens versuchen, das im Kurpark streng verboten war. Der Traum von einem Velodrom platzte freilich wegen des expandierenden Golfclubs schon im Jahr 1902. Seit 1979 knüpft das gut besetzte Rennen „Rund um den Kurpark“ an die alten Zeiten an. 1980 kämpften sogar die Asse der Tour de France auf der Kaiser-Friedrich-Promenade am Kurpark um eine Spurtwertung.

          Zwischen 1977 und 1989 dröhnten einmal im Jahr im Januar direkt an der Spielbank beim Start zur Rallye Monte Carlo die Motoren. Das Ereignis lockte die Motorsportfans in hellen Scharen an. Der idyllische Ort musste jedoch nach zwölf Jahren aufgegeben werden. Zu deutlich trat der Widerspruch zwischen Kur und Sport, zwischen Motorsport und dem Schutz der nahen Heilquellen zutage.

          Das schrillste Spektakel im Kurpark wurde im Sommer 1981 mit der „Gala-Box-Night“ in der Tennis-Bar geboten. Während die Boxer, darunter „der schöne René“ Weller, ihre Fäuste schwangen, dinierten rund um den Ring die Gäste in Abendgarderobe. Für das abstruse Geschehen hatten sie bis zu 200 D-Mark pro Eintrittskarte auszugeben. Auch der Publikumspreis für den Korbacher Boxer Manfred Jassmann fiel aus dem Rahmen: Ein Dachdecker spendete einen Dachstuhl. Noch einige Male wurde zum Dinner-Boxen gebeten, das wie so vieles im Sport britischen Ursprungs ist.

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