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Bad Homburg : Ursula Jungherr legt jedes Wort auf die Goldwaage

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Sie hat wohl gelernt, die Worte im Kopf zweimal hin und her zu drehen, ehe sie auf eine bedächtige, etwas zurückgenommene Art auch nur eine Silbe von sich gibt. Ursula Jungherr (CDU), promovierte Juristin, ...

          Sie hat wohl gelernt, die Worte im Kopf zweimal hin und her zu drehen, ehe sie auf eine bedächtige, etwas zurückgenommene Art auch nur eine Silbe von sich gibt. Ursula Jungherr (CDU), promovierte Juristin, ehemalige Richterin und Mutter zweier erwachsener Söhne, ist keine Frau, die ihr Herz auf der Zunge trägt. Und schon gar nicht pflegt die neue Frau an der Verwaltungsspitze der Stadt Bad Homburg Überlegungen, die tief in ihrem Innersten schlummern mögen, mit Journalisten zu teilen. Mag es hinter den Kulissen in der Bad Homburger CDU noch so knirschen, steigt der oberbürgermeisterliche Puls vor Aufregung ob der neuen Aufgabe vielleicht doch um zwei bis drei Schläge - von den Fährnissen der Homburger Kommunalpolitik, parteiinternem Zwist bis an die Grenze der Spaltung ist am ersten Tag nach der Oberbürgermeisterwahl nichts zu spüren.

          Ursula Jungherr präsentiert sich zwischen einem Blumenmeer in ihrem Büro trotz saunaklimatischen Verhältnissen wohltemperiert: Auf genau jene sachliche, freundliche und vermittelnde Art bewältigte die Sechsundfünfzigjährige von der Stadtverordnetenvorsteherin über die Kämmerin/ Sozialdezernentin, Bürgermeisterin und nun zur Oberbürgermeisterin alle Stufen der Macht und zeigt nun - auch wenn sie das Wort überhaupt nicht mag - jene Contenance, die niemand in die Wiege gelegt bekommt.

          Für die nächsten sechs Jahre hat sie sich viel vorgenommen: Der städtische Haushalt soll ausgeglichen bleiben, die Schulden niedrig, die Louisenstraße eine attraktive Einkaufsmeile werden, die Stadtbibliothek und das Archiv angenommen werden, die Probleme um Gotisches Haus und das alte Landratsamt nicht mehr auf der Tagesordnung stehen. Des weiteren will Jungherr mehr für das Betreuungsangebot und die Balance zwischen modernem Wirtschaftsstandort und historisch-traditionellem Anspruch einer Kurstadt bewältigen.

          Diese Aufgaben lassen sich freilich nur mit Partnern in Stadtverordnetenversammlung und Magistrat schultern. Aber von Mißtönen, einer Fehde, ja gar Spaltung ihrer Partei will die gewählte Oberbürgermeisterin, die privat weder Krimis noch Kartenspiele mag, ohnehin nichts wissen. Die Auseinandersetzungen zwischen Fraktion und Partei bei der Aufstellung der Kommunalwahlliste oder zuletzt bei der Besetzung des Bürgermeisteramtes seien nicht so groß, wie dies allgemein behauptet werde: "Da wird viel in uns hineingeredet." Alle, wirklich alle, ob aus Fraktion oder Partei, hätten im großen Team hinter ihr gestanden. Es gebe überhaupt keinen Grund, dieses harmonische Miteinander aufzugeben. Daß es gehe, habe sie doch als Interims-OB in den vergangenen Wochen schon bewiesen.

          Tatsächlich gab es aus den Chefetagen des Rathauses erstmals seit langem keine Dissonanzen, und der Grünen-Stadtrat Michael Korwisi zeigt sich geradezu begeistert von der Zusammenarbeit mit der neuen Magistratschefin. Diese Zustimmung soll nach den Wünschen von Jungherr auch anhalten, wenn ihr per Gerichtsbeschluß aus dem Oberbürgermeistersessel beförderter Vorgänger Reinhard Wolters (CDU) am 18. September endgültig seinen Stuhl als Baustadtrat räumt. Sie strebe eine einvernehmliche Dezernatsverteilung an, hebt Jungherr hervor. Die Arbeit müsse gleichwertig auf drei Schultern verteilt werden. Gemeinsam mit Korwisi werde sie sich nach dessen Rückkehr aus dem Urlaub besprechen, wobei klar sei, daß sie die Finanzen für sich reklamiere und jeder obendrein wisse, "daß mein Herz schon am Sozialen hängt". Die Frage, wer der dritte Hauptamtliche im befriedeten Bunde sein könnte, zaubert indes wieder jenes sibyllinische Lächeln auf das Gesicht der Rathauschefin: Diese Frage habe doch die Stadtverordnetenversammlung zu entscheiden, sagt sie gelassen, läßt sich aber nach Hinweis auf den natürlichen Führungs- und Entscheidungsanspruch von Oberbürgermeistern doch entlocken, daß sie ein "gewichtiges Wort" mitreden werde.

          Und weil dies der nächste Stolperstein für die vielbeschworene Eintracht der Union sein könnte, wird sich die Liebhaberin von historischen Sachbüchern und passionierte Porzellansammlerin wohl wieder einmal am Wahlspruch des Vaters - ebenfalls Jurist - orientieren, der ihr auf lateinisch nahebrachte, immer zunächst andere anzuhören, bevor man sich selbst zu Worte meldet. Allein dieses Motto dürfte aber als Rüstzeug für die Kommunalpolitik nicht ausgereicht haben. Ihr Lehrgeld mußte auch Jungherr in der Kommunalpolitik zahlen: Als Richterin entscheide man, und dies sei es dann gewesen, in der Kommunalpolitik fange nach der Entscheidung erst die eigentliche Arbeit an. Sie habe an Mißerfolgen erst lernen müssen, die Interessen der anderen bei der Verwirklichung eigener Ziele miteinzubeziehen, und lernen müssen, auf eine ruhige Art kämpferisch zu sein.

          Daß die Gelassenheit, mit der die 19 und 21 Jahre alten Söhne ihre Wahl aufgenommen haben, nicht immer ganz dem Wesen der Mutter entspricht, räumt Jungherr ungewöhnlich offen ein. Ungerechtigkeiten könne sie nur schwer ertragen. Da fehle ihr dann manchmal schon der nötige Gleichmut. Wie sich ein solcher Gemütsausbruch dann äußere? "Aber bitte - das verrate ich doch nicht."

          HEIKE LATTKA

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