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Streit um Skulptur-Standort : Große Kunst auf der hohen Kante

Abgehoben: Auf einem Podest und Stelzen steht der „Big Half Foot“ im Bad Homburger Stadtteil Dornholzhausen. Bild: Lando Hass

Die zuletzt erworbene Blickachsen-Skulptur ist an ihrem neuen Standort in Bad Homburg angekommen. Der gefällt dem Bildhauer allerdings nicht.

          3 Min.

          Wie es Bad Homburger Art ist, hat sich die Stadt nicht lumpen lassen. Der Betonsockel ist ordentlich gegossen, rundherum ein noch pflanzenloses Beet angelegt und sauber eingerahmt. Auf dem Sockel steht ein sehr großer Fuß. 2,40 Meter hoch ist er und aus Bronze gegossen. Er ruht auf stählernen Abstandshaltern, die wiederum in einer dünneren Betonplatte stecken. Deren Plazierung ist etwas irritierend: Sie ist auf dem unteren Sockel in die Diagonale verschoben. So wie früher das kleine Deckchen auf dem Wohnzimmertisch, das ja auch nie parallel zu den Kanten ausgerichtet war.

          Bernhard Biener

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Hochtaunuskreis.

          Voriges Jahr stand die Großplastik als Teil der Blickachsen-Ausstellung auf einer Wiese im Kurpark. Barfuß im Park statt auf der hohen Kante – diese Art der Präsentation sei offensichtlich die angemessene. Das meint Fredrik Wretman, und der muss es wissen. Der schwedische Bildhauer, der sich antike Skulpturen zum Vorbild nimmt, hat sein Werk allerdings mit einer Bruchkante versehen. Daher der Name „Big Half Foot“. Als ihn jüngst eine nach eigenen Worten entsetzte Bad Homburgerin über die jetzige Aufstellung des Kunstwerks informierte, war er, vorsichtig ausgedrückt, irritiert.

          Der „Big Half Foot“ steht auf einem Parkplatz vor dem Vereinshaus des Stadtteils Dornholzhausen. Derzeit bildet eine provisorische Feuerwehrgarage den Hintergrund. Weil es zu klein geworden ist, wird das Dornholzhausener Feuerwehrhaus neu gebaut. Publikum ist dem Fuß gewiss, denn direkt nebenan liegt die vielbefahrene Peters-Pneu-Renova (PPR)-Kreuzung. Ortsfremde kennen den Parkplatz vielleicht vom Weihnachtsbaumverkauf im Advent. Den Standort hat im Sommer eine knappe Mehrheit der Stadtverordneten aus CDU und AfD beschlossen.

          Streit um den richtigen Platz der Skulptur

          Aus finanztechnischen Gründen gehört die Skulptur der Kur- und Kongreß-GmbH, die sie im Auftrag der Stadt gekauft hat. Es ist inzwischen guter Brauch, dass ein „Blickachsen“-Kunstwerk nach dem Ende der Biennale in der Kurstadt bleibt. Sorgte die Auswahl früher für Diskussionen, waren jetzt schon zum zweiten Mal die Bürger gefragt. Sie konnten zwischen vier Werken wählen und entschieden sich mit großer Mehrheit für Wretmans Skulptur. Damit war die Politik aber trotzdem nicht außen vor, denn nun stritt man sich um den richtigen Platz dafür.

          Der Ortsbeirat von Dornholzhausen war schnell und brachte den Parkplatz ins Spiel. Dem Wunsch aus dem Stadtteil, in dem die CDU besonders stark ist, mochte sich die Union nicht verweigern. Der Koalitionspartner SPD bevorzugte zwar eine Grünfläche am Hindenburgring, ebenso wie die Bürgerliste Bad Homburg. Doch einen Koalitionsbruch war die Kunst trotz unterschiedlichen Abstimmungsverhaltens dann doch nicht wert. FDP und Grüne sprachen sich im Juni für eine neue Grünanlage unterhalb des Gotischen Hauses aus. Der noch zu schaffende „Philippsgarten“ erlangte kurz darauf als möglicher Standort für eine Landesgartenschau Berühmtheit. Die von der CDU forcierte Idee des Großereignisses war schnell zu den Akten gelegt, als sich Widerstand formierte – im Stadtteil Dornholzhausen.

          Keine Hoffnung auf einen grünen Standort

          In diesem steht jetzt „Big Half Foot“. Das Foto, das die Bad Homburgerin dem schwedischen Künstler zusammen mit einer Beschreibung der aus ihrer Sicht unmöglichen Plazierung schickte, hat ihn womöglich auch wegen der mobilen rosa Bautoilette daneben nachhaltig beeindruckt. Die ist inzwischen verschwunden. Wretman ist dennoch verstört. Er sei natürlich glücklich, dass die Stadt sein Werk erworben und ihrer Kunstsammlung hinzugefügt habe. Und weil er mit Bad Homburg nicht vertraut sei, habe er auch keine Vorliebe für einen bestimmten Ort, um es aufzustellen, schreibt er auf Anfrage. Dass die Skulptur aber ähnlich wie bei der Blickachsen-Ausstellung vorzugsweise in einen Park gehöre, damit der Fuß auf einer Wiese stehe, sei für ihn offensichtlich gewesen. „Ich habe mir nichts anderes vorstellen können.“ Wenn es denn schon ein Podest sein müsse, dann zumindest keins, bei dem man die metallene Befestigung sehe.

          Seine in der Antwort ausgedrückte Hoffnung, der Standort sei nur vorübergehend und „Big Half Foot“ werde ohne viel Aufhebens einen passenderen Platz finden, wird sich allerdings nicht erfüllen. Die Ortswahl sei nun einmal eine Stadtverordnetenentscheidung, sagte ein Sprecher der Stadt. Normalerweise habe die Verwaltung den Standort festgelegt. Jetzt habe der Ortsbeirat für Dornholzhausen geworben, und es sei eine politische Willensbildung erfolgt. Die Künstler seien bei der Aufstellung der angekauften Werke noch nie einbezogen worden.

          Ganz ohne Spuren ist die umstrittene Entscheidung aber nicht vorübergegangen. Der Kulturausschuss hat im August einstimmig beschlossen, der Magistrat solle ein Konzept erarbeiten, wie künftig mit den Aufstellungsorten der anzuschaffenden Skulpturen umgegangen werden soll. Wenn die Bürger ein Werk wählen, soll auch der Standort klar sein. Der Sprecher der Stadt hatte noch einen kleinen Trost parat: Das Beet um den Sockel werde noch mit Rasen und Lavendel bepflanzt.

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