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Bad Homburg im Taunus : Wenn das Casino zum Stadtmarketing gehört

Die Spielbankkonzession für das Casino in Bad Homburg soll verlängert werden. Bild: Wolfgang Eilmes

518 Gäste durchschnittlich kommen pro Tag ins Casino nach Bad Homburg – darunter viele „hoch spielende Gäste“. Für die Stadt ist das ein gutes Geschäft.

          Weil es gut läuft, sucht die Stadt Bad Homburg weiter ihr Glück im Spiel: Einstimmig hat der Wirtschafts- und Finanzausschuss den Magistrat beauftragt, sich um eine Verlängerung der Konzession für die Spielbank um weitere fünf Jahre zu bemühen. Seit dem 1. Januar 2013 ist mit der François-Blanc-Spielbank GmbH eine hundertprozentige Tochter der Kur- und Kongreß GmbH dafür verantwortlich, dass die Roulettekugel im Kurpark rollt – wobei das Blinken der Automaten im Kleinen Spiel nebenan längst den größten Anteil am Bruttospielergebnis hat. Die Betriebserlaubnis für das Casino läuft bis Ende 2022. Stimmt das hessische Innenministerium dem Bad Homburger Ansinnen zu, könnte sie bis 2027 verlängert werden. Mehr als 15 Jahre erlaubt das Gesetz nicht, dann muss neu ausgeschrieben werden.

          Bernhard Biener

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Hochtaunuskreis.

          In der Vorlage wird die „ausgesprochen positive Entwicklung der Spielbankergebnisse“ als Grund für den Schritt genannt. „Die Entscheidung, die Konzession in städtische Hände zu legen, hat sich als segensreich erwiesen“, sagt Oberbürgermeister Alexander Hetjes (CDU), Vorsitzender des Spielbank-Verwaltungsrats. „Deswegen wollen wir die Verlängerung frühzeitig in trockene Tücher bekommen.“ Kurdirektor Holger Reuter spricht von einer „prächtigen Entwicklung“. Er ist zugleich Sprecher der Casino-Geschäftsführung, während sich Spielbankdirektor Lutz Schenkel, der 2012 nach Bad Homburg gekommen ist, um das operative Geschäft kümmert.

          Am Freitag bekam der Verwaltungsrat die aktuellen Zahlen vorgelegt. Wie es heißt, stieg der Bruttospielerlös voriges Jahr auf knapp 34 Millionen Euro. Bei dieser mit dem Umsatz vergleichbaren Zahl handelt es sich um die Einnahmen abzüglich der ausgeschütteten Gewinne. 2017 waren es 26,7 Millionen Euro gewesen, während direkt nach der Übernahme der Bruttospielerlös 2013 und 2014 durch größere Umbauten bei lediglich 18,4 Millionen Euro gelegen hatte. Auch der Gewinn ist jüngst noch einmal leicht gestiegen, von 1,1 Millionen Euro im Jahr 2017 auf knapp 1,3 Millionen Euro im vorigen Jahr. Er fließt an die Kur- und Kongreß GmbH.

          Einlasskontrollen, Rauchverbot, Geldwäschegesetz

          Vom höheren Bruttospielergebnis profitiert hingegen die Stadt. Den größten Teil, nämlich 67,25 Prozent, muss die François-Blanc-Gesellschaft als Abgabe an das Land abführen. Ein Drittel davon fließt nach Bad Homburg zurück, für 2018 also mehr als sieben Millionen Euro. „Das war zuletzt vor 13 Jahren der Fall“, sagt Reuter. Danach war viel vom Niedergang der Spielbanken die Rede, weil ihnen das Rauchverbot, die Einlasskontrollen für das Automatenspiel und das Geldwäschegesetz zu schaffen machten. Auch Bad Homburgs „wärmste Quelle“ kühlte ab und brachte der Stadt 2010 nur 3,7 Millionen Euro ein.

          Seit einiger Zeit verzeichnen die staatlich konzessionierten Casinos wieder einen Aufwärtstrend. Nach Angaben des Deutschen Spielbankenverbands wuchs das Bruttospielergebnis 2018 um knapp 13 Prozent. Der Bad Homburger Anstieg lag also mit 27 Prozent weit über dem Branchenschnitt. Wie andernorts auch kam das Wachstum aus dem Kleinen Spiel. Mehr als 70 Prozent des Bruttospielerlöses erzielte das Casino mit den 163 Automaten.

          Durchschnittlich 518 Gäste am Tag

          Das 1841 gegründete, von den Preußen verbotene und vor 70 Jahren wiedereröffnete Casino in Bad Homburg bemüht sich nicht zuletzt wegen der langen Tradition um das Große Spiel an Roulette- und Kartentischen. Auch dabei kann man mit der Zeit gehen: Das Geschehen auf einem Roulettetisch wird mit Kameras an lizenzierte Anbieter übertragen. Nutzen dürfen es derzeit nur Spieler im Ausland. Dritte Säule neben Kleinem und Großem Spiel ist die Lounge mit ihren Veranstaltungen. Etwa 230 Mitarbeiter sind bei der Spielbank beschäftigt, geringfügig weniger als bei der Übernahme.

          Stolz ist Reuter darauf, dass sich die Zahl der Gäste auf durchschnittlich 518 am Tag gesteigert hat. „2013 waren es noch 350.“ Eine weitere Bad Homburger Besonderheit sind viele „hoch spielende Gäste“, wie es der Kurdirektor ausdrückt. Mit einem Spielerlös je Besucher von 187 Euro liegt Bad Homburg in Deutschland an zweiter Stelle. Durchschnittlich waren es bundesweit 120 Euro.

          Den Einfluss der Stadt hält Reuter auch deshalb für wichtig, weil die Spielbank ein wichtiger Bestandteil des Stadtmarketings sei. Deshalb sei die Entscheidung vor sieben Jahren richtig gewesen, sich über die Tochter Kur um die Konzession zu bemühen. Die damaligen Diskussionen hätten nicht zuletzt mit dem europaweiten Verfahren zu tun gehabt. „Deswegen konnten die Informationen nur sehr eingeschränkt fließen.“ Die Einlage von zehn Millionen Euro habe sich jedenfalls gelohnt.

          Gegen die städtische Beteiligung spreche auch nicht der jüngste „Compliance-Fall“. So nennt Reuter die im Mai bekanntgewordene Unterschlagung von 1,1 Millionen Euro. Ein Mitarbeiter musste deshalb in Untersuchungshaft, gegen zwei weitere wird ermittelt. Neue Erkenntnisse gibt es dazu nicht. „Das arbeitet die Staatsanwaltschaft ab und wir unterstützen sie dabei.“

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