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Bad Hersfelder Festspiele : Ein Vater, ein Dorf und viele Probleme

  • -Aktualisiert am

Weise aus Erfahrung: Michael Schanze als Tevje (links), hier mit Ansgar Schaefer als Lejser Wolf. Bild: Freese/drama-berlin.de

Tevje leidet, der Himmel weint dazu: Die Bad Hersfelder Festspiele zeigen das Musical „Anatevka“.

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          Armer Tevje. Muss der liebe Gott ihm das Pferd wirklich lahmen lassen? Was hat der Alte da oben davon, dass der Milchmann seinen Karren jetzt mit eigener Muskelkraft durch das ukrainische Schtetl Anatevka schieben muss? Oder diese Liebe seiner Tochter Hodel zu dem aufrührerischen Studenten Perchik. Warum lässt der Herr im Himmel es zu, dass der Schwiegersohn in spe nach Sibirien verbannt wird und Tevjes mittlere Tochter ihm in die kalte Ödnis folgt? Und weshalb öffnet der Bestimmer über die Naturgewalten ausgerechnet dann die Schleusen des Himmels, wenn der Milchmann in der Stiftsruine in Bad Hersfeld seinen Träumen vom glücklichen Leben einmal Lauf lässt und „Wenn ich einmal reich wär“ singt?

          Armer Michael Schanze. Er, der Darsteller des Tevje, hat in Hersfeld die Güsse von oben mehr als alle anderen abbekommen. Einmal so stark, dass die Regie die Premierenvorstellung des Musicals „Anatevka“ für eine Viertelstunde unterbrechen lässt, weil die Wasser sogar den Orchestergraben zu überschwemmen drohen. So ist Hersfeld. Die Zuschauer sitzen im Trockenen, seit der Architekt Frei Otto 1968 sein avantgardistisches Zeltdach über die Ruine gespannt hat. Allerdings nur über das Langschiff der romanischen Kirche mit seinen Besucherreihen, nicht aber über das Querschiff, wo Theater gespielt wird. Die Darsteller sind deshalb weitgehend den Naturgewalten ausgesetzt - und trotzen diesen in der Regel.

          Schanze hätte wohl auch im Wolkenbruch weitergespielt, wäre da nicht die Spielleitung eingeschritten, die nicht zulassen durfte, dass die Instrumente der Musiker unter ihrem zupackenden neuen Dirigenten Kai Tietje in Mitleidenschaft gezogen wurden. Es zeugt von Schanzes darstellerischen Qualitäten, dass er auch unter schwierigen äußeren Umständen Statur zeigt. Der Fernsehstar ist mehr als Moderator und Entertainer, er vermag sehr wohl, auf der Bühne in die Rolle eines anderen zu schlüpfen, in diesem Fall in die des gewitzten und schlagfertigen Milchmanns, der sich und seine Familie durch das ewig gefährdete Leben in feindlicher Umgebung zu bringen versucht. Tevjes Stützen sind sein jüdischer Glaube, seine Verbundenheit mit den Traditionen seines Volkes, sein wacher Verstand, der ihn in einer Art sokratischen Fragespiels das Einerseits und Andererseits der Dinge abwägen lässt, sowie nicht zuletzt seine Frau Golde, die recht eigentlich das Sagen im Haus hat. Keinen Moment denkt man bei der Aufführung unter der Regie Stefan Hubers sehnsuchtsvoll an Shmuel Rodensky, der im Deutschland der siebziger Jahre auf den Tevje abonniert war. Schanze, der beliebte Showmaster, zeigt seine andere, durchaus starke Seite als Bühnendarsteller. Er besitzt das richtige Alter, die richtige Leibesfülle und die richtige Souveränität für die Rolle des Milchmanns, in Marianne Larsen findet er obendrein eine ihm ebenbürtige Partnerin.

          Die Kalkulation des Intendanten Holk Freytag, der unbedingt einen aus Funk und Fernsehen bekannten Star in der Stiftsruine sehen wollte, ist aufgegangen. Er hat in Schanze einen Mann bekommen, der das Anforderungsprofil „populär“ erfüllt und obendrein noch singen und spielen kann. Überhaupt sind die Darsteller durchweg ordentlich besetzt, von Ansgar Schäfer als Fleischer Lejser Wolf über Rasmus Borkowski als Student Perchik bis zu Rolf Sommer als Mottel und den drei Töchtern Zeitel (Franziska Lessing), Hodel (Milica Jovanovic) und Chava (Lea Isabel Schaaf), deren diverse Liebesleiden die Handlung vorantreiben.

          Den Schwung bis heute nicht verloren

          Anatevka ist in Bad Hersfeld ein Ort der Lebensfreude, die aus dem Wissen seiner Bewohner rührt, dass die Juden zwei Jahrtausenden der Verfolgung getrotzt haben und das Leben auch unter den schwierigsten Umständen weitergeht. Das Musical malt ein romantisches Bild des osteuropäischen Schtetl, Huber malt es fort, deutet aber die latente Pogrom-Bedrohung durch die russischen Mitbürger und den russischen Staat durchaus an, etwa wenn in der Kneipe Juden und Russen aufeinandertreffen. Stephan Prattes hat in die Mitte der Riesenbühne in stilisierter Form Tevjes Haus gesetzt, um das sich andere Häuser gruppieren. Sie könnten aus der Hand des chinesischen Künstlers Ai Weiwei stammen, der vor fünf Jahren nicht weit entfernt von Hersfeld auf der Kasseler Documenta einen Turm aus alten Pekinger Türen gebaut hat. An dieses Werk erinnern die aus Versatzstücken zusammengesetzten Anatevka-Katen.

          Das 1964 am Broadway uraufgeführte Musical von Joseph Stein (Buch), Jerry Bock (Musik) und Sheldon Harnick (Songtexte) hat seinen Schwung wie auch seine Aktualität bis heute nicht verloren. Wenn die Musik sich vom Broadway entfernt und dem Klezmer nähert, klingt sie am besten. „Anatevka“ ist Unterhaltung, aber Unterhaltung mit Tiefgang. Genau das Richtige für die Bad Hersfelder Festspiele.

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