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„Babylotsen“ für überforderte Eltern : Frühe Hilfe für „Schwelleneltern“

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Große Verantwortung: Laut Roland Kaehlbrandt brauchen manche Mütter und Väter schon Hilfe dabei, überhaupt Hilfe zu suchen. Bild: dpa/dpaweb

Viele Eltern sind mit ihren Neugeborenen überfordert. Um ihnen so früh wie möglich helfen zu können, bringen zwei Stiftungen „Babylotsen“ an die Geburtskliniken. Sie sollen schaffen, wozu sich die Stadt außerstande sieht.

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          Stefan Schäfers Liste ist lang. Armut, Arbeitslosigkeit, Suchtprobleme, Krankheiten und viele andere Probleme könnten dazu führen, dass Eltern ihren Neugeborenen nicht gerecht werden könnten, sagt der Geschäftsführer des Deutschen Kinderschutzbundes in Frankfurt. „Nur wenn wir diese Faktoren früh erkennen, können wir den Eltern und damit den Kindern helfen.“ Die Betonung liegt dabei auf dem Wort „früh“. Es ist vor allem die Zeit direkt vor und nach der Geburt, in der die Mütter offen sind für Unterstützung, „emotional erreichbar“, wie Schäfer sagt. Wichtig sei aber, den Eltern weder Vorwürfe zu machen, noch sie als unfähig zu stigmatisieren. Stattdessen müsse ihnen passgenaue Hilfe vermittelt werden. Doch leider fänden bisher zu wenige Familien den Weg zum richtigen Angebot.

          „Schwelleneltern“ nennt Roland Kaehlbrandt diese Mütter und Väter, die schon Unterstützung dabei brauchen, überhaupt Hilfe zu suchen. Der Vorstandsvorsitzende der Stiftung Polytechnische Gesellschaft will genau diesen Eltern helfen. Zusammen mit der Crespo Foundation bringt er unter dem Dach des Kinderschutzbunds das Projekt „Babylotsen“ nach Frankfurt, das vor einigen Jahren in Hamburg entwickelt worden ist. Von September an sollen zunächst am Klinikum Höchst und am Bürgerhospital Pädagoginnen ihre Arbeit als Lotsen beginnen.

          50.000 Euro als Startinvestition

          Ihre Aufgabe wird es sein, Probleme früh zu erkennen und die Eltern an die richtigen Stellen zu vermitteln. Denn an der Hilfe an sich mangele es in Frankfurt nicht, meint Kaehlbrandt. Er schätzt, dass es mehr als 400 Angebote gibt, die sich an die Eltern von Neugeborenen richten, seien es Elterntreffs oder intensivere Formen der Betreuung. Schon dass es für das „Babylotsen“-Projekt eine Datenbank mit allen derartigen Angeboten geben werde, sei ein riesiger Fortschritt, sagte Kaehlbrandt gestern bei der Vorstellung des Programms.

          11.000 Kinder werden jedes Jahr in Frankfurter Kliniken geboren, 40 Prozent von ihnen schlagen im Klinikum Höchst und im Bürgerhospital zum ersten Mal ihre Augen auf. Mittelfristig sollen „Babylotsen“ an allen Frankfurter Geburtskliniken arbeiten. Die Stadt begleitet das Projekt. Als Anschub schießt sie 50.000 Euro als Startinvestition zu, die laufenden Kosten – die Rede ist von zunächst 300.000 Euro im Jahr – übernehmen aber die beiden Stiftungen. „Als Stadt könnten wir das niemals finanzieren“, sagte Sozialdezernentin Daniela Birkenfeld (CDU). Schon vor Jahren habe die Stadt aber neue Teams im Sozial- und Gesundheitsamt aufgebaut, um mehr für überforderte Familien zu tun, als es laut Gesetz nötig sei. Erste Erfolge seien schon sichtbar. „Ich bin sicher, dass wir damit Kinder vor der Verwahrlosung gerettet haben.“

          30 Prozent der Eltern mit Beratungsbedarf

          Damit möglichst gar kein Kind mehr Opfer von Vernachlässigung oder Missbrauch wird, sollen die „Babylotsen“ eng mit den Kliniken zusammenarbeiten. Melden die Eltern ihr Kind zur Geburt an, erheben Krankenhäuser Daten, die sie anonymisiert an die Lotsen weiterleiten. Auf Basis der Informationen aus dem Bogen entscheiden die Lotsen dann, wem sie ein Beratungsgespräch anbieten. Erfahrungen aus Hamburg zufolge hätten zumindest 30 Prozent der Eltern Bedarf für Rat und Unterstützung, sagt Schäfer vom Kinderschutzbund. Die „Babylotsen“ könnten ihnen die passenden Angebote vermitteln. So sinke das Risiko, dass die Eltern negative Erfahrungen machten, weil sie zunächst Kontakt zur falschen Stelle suchten.

          Für Aslak Petersen, den Geschäftsführer der Crespo Foundation, ist es wichtig, dass sich die Partner langfristig für bedrohte Kinder engagieren wollen. „Unser Ziel ist es, in absehbarer Zeit alle Eltern zu erreichen, die unsere Hilfe brauchen.“ Beide beteiligten Stiftungen sehen ihr Engagement als Beitrag zur Bildung. Ein guter Start ins Leben sei die wichtigste Phase jedes Menschen, sagt Petersen. Kaehlbrandt rechnet vor, dass jeder investierte Euro in die frühen Hilfen später hohe Kosten vermeiden könne. Die systematische Früherkennung helfe dabei, Probleme gar nicht erst entstehen zu lassen. Mit den Babylotsen begleite die Stiftung Kinder nun von der Geburt bis zum Abschluss ihres Studiums.

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