https://www.faz.net/-gzg-9uwat

Nach Finanzskandal : „Die alte Awo-Führung muss komplett abtreten“

Der Widerstand wächst: Die Ortsvereine der Awo fordern Konsequenzen. Bild: dpa

In den Ortsvereinen der Arbeiterwohlfahrt wächst der Widerstand gegen die verbleibenden Vorstandsmitglieder in Frankfurt. Nun werden juristische Schritte erwogen.

          3 Min.

          Die ehrenamtlich organisierten Ortsvereine der Arbeiterwohlfahrt in Frankfurt erwägen, juristische Schritte einzuleiten gegen die bisherigen Funktionsträger im Präsidium und Vorstand des Awo-Kreisverbandes Frankfurt. Das bestätigte auf Nachfrage Klemens Mielke, Vorsitzender der Awo Nied, des mit 300 Mitgliedern größten Ortsvereins des Wohlfahrtsverbands in Frankfurt. „Die Ortsvereine werden sich juristisch beraten lassen“, kündigte Mielke an. Der Neunundvierzigjährige, der auch stellvertretender Vorsitzender der SPD Nied ist und sich als Stadtbezirksvorsteher engagiert, organisiert in diesen Tagen die Opposition gegen die weiter amtierende Geschäftsführung der Awo Frankfurt.

          Bernd Günther

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Trotz der aufgedeckten skandalösen Vorgänge beim Kreisverband führen dort noch immer Panagiotis Triantafillidis und Jasmin Kasperkowitz als stellvertretende Awo-Vorstände hauptamtlich die Geschäfte. Der bisherige Awo-Vorsitzende Jürgen Richter war am 12. Dezember in Kenntnis eines unmittelbar bevorstehenden Berichts der F.A.Z. über seine Beteiligung an zweifelhaften Geschäften in der früheren Awo-Tochtergesellschaft Somacon zurückgetreten. Prüfer des Awo-Bundesverbandes, die Mitte Dezember in die Frankfurter Geschäftsstelle an der Henschelstraße gekommen waren, hatten sich erschüttert gezeigt, Wilhelm Schmidt, Präsident des Awo-Bundesverbandes, sprach von „unerträglichen Zuständen“ und davon, „dass Prinzipien einer ordnungsgemäßen Geschäftsführung grundlegend verletzt“ worden seien.

          Aufklärung und Konsequenzen weiterhin notwendig

          Der Vorsitzende der Awo Nied ist vor diesem Hintergrund „fassungslos“, dass die Geschäftsführung immer noch im Amt ist. Mielke will nun die Ortsvereine auf die Kreiskonferenz am 18. Januar vorbereiten, bei der das Präsidium neu gewählt werden soll. Das bisherige, von Ansgar Dietmar geführte ehrenamtliche Präsidium war nach dem vernichtenden Urteil der Awo-Revisoren aus Berlin wenige Tage vor Weihnachten geschlossen zurückgetreten. „Wir Ortsvereine müssen nun mit einer Stimme sprechen“, sagt Mielke. Aufklärung und Konsequenzen seien weiter notwendig. Mielke ist seit Tagen mit Vertretern anderer Ortsvereine im Gespräch. Immer mehr Mitglieder und Vorsitzende der stadtweit 34 Awo-Gliederungen würden sich melden. Mielke kündigt für Anfang Januar ein Treffen der Ortsvereine an. Ziel sei es, dabei aus den eigenen Reihen Kandidaten für die Wahl des Präsidiums zu benennen. „Die alte Führungsriege muss komplett abtreten.“

          Die Vorgänge rund um die Awo-Geschäftsstellen der Kreisverbände Frankfurt und Wiesbaden haben die Basis aufgewühlt. Die Berichte über personelle, geschäftliche und parteipolitische Verflechtungen von hauptamtlichen Awo-Mitarbeitern, über Günstlingswirtschaft, PS-starke Dienstwagen, luxuriöse Dienstreisen, astronomische Gehälter, dubiose Tochtergesellschaften und Mobbing von kritischen Mitarbeitern machen Mielke noch immer fassungslos. Der Präsident des Awo-Bundesverbandes, Wilhelm Schmidt, hatte nach der Prüfung der Awo-Geschäftsstelle appelliert, „den Vorstand bei der Kreiskonferenz nicht zu entlasten“. Auch Frankfurts Sozialdezernentin Daniela Birkenfeld (CDU) hatte das in einem Brief an die Ortsvereine empfohlen.

          Unverständlich für viele Mitglieder und Mitarbeiter der Awo bleibt, warum nicht alle involvierten Funktionsträger aus ihren Ämtern weichen. Zu diesen muss auch Jasmin Kasperkowitz gezählt werden, der die Awo einen 450 PS starken Dienstwagen finanzierte. Kasperkowitz ist viele Jahre persönliche Referentin von Jürgen Richter gewesen, bevor sie im Juni ins Amt der stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden gehievt wurde. Die Siebenunddreißigjährige gehört zum Kreis der Teilnehmer von luxuriösen Dienstreisen des Kreisverbands. Auch Vorstandskollege Panagiotis Triantafillidis hat an solchen Reisen teilgenommen, etwa einem Studienreise genannten zweiwöchigen Aufenthalt in einem Vier-Sterne-Hotel am Strand von Tel Aviv. Der Rechtsanwalt, der als Stellvertreter von Jürgen Richter berufen wurde, war zudem als ehrenamtlicher Kassenprüfer für den Awo-Kreisverband Wiesbaden zuständig, ohne dort die zweifelhaften Geschäfte entdeckt und moniert zu haben.

          Laut Mielke ist es unvorstellbar, dass beide Funktionsträger im Amt bleiben, wie es in der Erklärung des Kreisverbandes anlässlich des Rücktritts des Präsidiums empfohlen wurde. So hieß es, dass für eine einjährige Übergangszeit ein neues Präsidium gewählt werden solle, dass die hauptamtlichen Vorstandsmitglieder Kasperkowitz und Triantafillidis bei der Aufklärung der im Raum stehenden Vorwürfe begleiten solle. Um dieses Szenario zu unterbinden, müssten die Ortsvereine eigene Kandidaten für das Präsidium ins Rennen schicken, die nach ihrer Wahl einen neuen geschäftsführenden Vorstand ernennen könnten.

          Weitere Themen

          Dröhnend und sensibel

          Finanzminister Thomas Schäfer : Dröhnend und sensibel

          Der hessische Finanzminister Thomas Schäfer war ein Mann für Strategie und festes Schuhwerk. Er galt als Kronprinz von Ministerpräsident Volker Bouffier. Jetzt ist er tot.

          Topmeldungen

          Segelboote bei einer Regatta in Antigua

          Deutsche Segler in Gefahr : Geleitzug aus der Karibik?

          Hunderte Deutsche sitzen wegen der Corona-Pandemie zwischen Antigua und den Bahamas auf ihren Segelschiffen fest. Eine Gruppe von ihnen plant deshalb, in zwei großen Verbänden zurück über den Atlantik zu segeln. Ein riskantes Unterfangen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.