https://www.faz.net/-gzg-abq50

Autorin Macedo Weiß : Tropisches Temperament

Sie ist unter anderem Präsidentin der Stiftung Museum Angewandte Kunst: Paula Macedo Weiß im Frankfurter Richard-Meier-Bau Bild: Dominik Mentzos

Paula Macedo Weiß hat ein Buch über ihre Kindheit und Jugend unter der Militärdiktatur in Brasilien geschrieben. Dabei herausgekommen ist ein Plädoyer für die Demokratie und das farbenfrohe Porträt einer Familie.

          4 Min.

          Als die Wahlniederlage verkündet wird, explodiert der Farbfernseher, ein Gerät aus den frühen siebziger Jahren, ein brasilianisches Fabrikat, eines der ersten Exemplare aus der Farbfernseher-Produktion des Landes. Es gibt just zu dem Zeitpunkt feuerspeiend seinen Geist auf, in dem auch Osvaldo Macedos Ambitionen auf das Amt des Bürgermeisters von Londrina zusammenfallen. Eine Duplizität der Ereignisse, die von der Autorin als „symptomatisch“ bezeichnet wird. Auch die Dinge scheinen nicht gefeit gegen die Emotionen, die in der Familie des knapp gescheiterten Kandidaten wie in Politik und Gesellschaft des größten südamerikanischen Landes hoch wogen. Das tropische Temperament macht vor nichts halt. Es liegt immer etwas in der Luft. 1982 war es auch schon eine Hoffnung auf Freiheit, die sich in die Atmosphäre mischte. Das Zweiparteiensystem war gelockert worden. Noch aber sollte es drei Jahre dauern, bis die Militärdiktatur, die seit 1964 herrschte, ihr Ende fand. Und Macedo als Abgeordneter im Parlament in Brasilia wesentlich an der demokratischen Erneuerung beteiligt war.

          Michael Hierholzer
          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Aber auch während der Regierung der Generäle war er schon als Parlamentarier tätig, für die einzige zugelassene Oppositionspartei PMDB. Die Idee einer demokratischen Zivilgesellschaft verfolgten er und seine Familie auch zu politisch widrigen Zeiten. Seine Tochter Paula hat sich nun viele Jahre später entschlossen, ein Buch über ihre Kindheit und Jugend zu schreiben.

          Es machte in Brasilien Furore. Auf Deutsch ist es nun im axel dielmann-verlag erschienen. Die Verfasserin war von klein auf auch von der Politik geprägt, die sie über ihren Vater und andere Familienmitglieder mitbekommen hat. Und führte dabei ein privilegiertes Leben zwischen Stadt und Land, geräumigen Häusern und einem Landgut, das Schauplatz aller möglichen Kindheits- und Jugendabenteuer war.

          Schonungslos offen

          Wer diese Kapitel liest, kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass es hier unter anderem um das Paradies der Kindheit geht, aus dem wir alle vertrieben wurden, sobald das Erwachsenenalter uns ereilte. Aber es ist ein besonderes, für Mitteleuropäer gar leicht exotisches Eden, von dem Paula Macedo Weiß erzählt. Mit kontrastreichen Farben.

          Und keineswegs ohne die Konflikte zu erwähnen, die immer wieder aufbrachen. Eine Strecke weit ist das autobiographische Werk der realistische Roman einer komplizierten Vater-Tochter-Beziehung. Gewiss wählte die Autorin die Perspektive des Kindes, das sie einmal war. Aber sie ordnet das Geschehen stets ein.

          Abgeordneter Osvaldo Macedo im Parlament (Mitte links)
          Abgeordneter Osvaldo Macedo im Parlament (Mitte links) : Bild: privat

          Sie erklärt etwa bestimmte Verhaltensweisen ihres Vaters mit der Schwierigkeit ganzer Generationen von Männern, einen Zugang zu ihren eigenen Gefühlen zu finden. Und im Zorn zu verharren. Wie in jener Episode, als Paula von ihrem Erzeuger um Mitternacht vom Kino abgeholt werden soll, der Wachmann sagt, alle Zuschauer seien schon gegangen, was aber nicht stimmte, und er wütend allein nach Hause fährt.

          Nachdem die Freunde, mit denen sie sich den Film anschaute, sie dort abgeliefert hatten, setzte es ein Donnerwetter, das Mädchen drang mit seiner Erklärung nicht durch, ging wütend zu Bett, weil ihr Vater dem Wachmann glaubte. Dieser erläuterte tags darauf seinen Irrtum, aber der Vater, ein ungemein belesener und gebildeter Mann, brachte keine Entschuldigung über die Lippen.

          Weitere Themen

          Eintracht darf nur vor 5000 Fans spielen

          Heute in Rhein-Main : Eintracht darf nur vor 5000 Fans spielen

          Die Eintracht Frankfurt darf am kommenden Samstag doch nur 5000 Zuschauer einlassen. In Hessen beschweren sich viele Fitnessstudio-Mitglieder. Die Mathildenhöhe in Darmstadt wurde in die Unesco-Welterbeliste aufgenommen. Die F.A.Z.-Hauptwache blickt auf die Themen des Tages.

          Die Botschaft ist die Botschaft

          Deutsche Botschaftsgebäude : Die Botschaft ist die Botschaft

          Aushängeschilder des Landes: Christiane Fülscher studiert den deutsch-deutschen Bau von Auslandsvertretungen. Während anfänglich schüchterne Verwaltungsbauten dominierten, wurden die Architekten von den sechziger Jahren an selbstbewusster.

          Topmeldungen

          Der schottische Staatsphilosoph David Hume (1711 bis 1776) war einer der ersten, der sich zur Staatsverschuldung geäußert hat.

          Staatsverschuldung : Zerstörerischer Staatskredit

          Das Für und Wider von Staatsverschuldung ist ein wichtiges Thema unter bekannten Philosophen wie David Hume und Ökonomen wie Lorenz von Stein. Heutzutage geraten aber vor allem die Einwände in Vergessenheit.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.