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Autorin Channah Trzebiner : Die dritte Generation

  • -Aktualisiert am

Als sie erst einmal angefangen hatte, konnte sie mit dem Schreiben nicht mehr aufhören: Channah Trzebiner, Juristin in Frankfurt. Bild: Röth, Frank

Channah Trzebiner hat ein bewegendes und ehrliches Buch über ihre jüdische Familie und deren Schicksal im Holocaust und in der Zeit danach geschrieben. Mit „Die Enkelin“ hilft die junge Frankfurter Juristin auch zu verstehen, weshalb die Überlebenden des Massenmordes ihr Trauma in einer Weise verarbeiten, die Fremde mitunter irritiert.

          Auf Seite 223 fällt einer jener Sätze, die man als Deutscher halt einmal schnell so äußert. Ein junger Mann spricht ihn aus, ein Rechtsreferendar, kein Unmensch, ein Liberaler. Der Satz lautet: „Aber Frankfurt behandelt seine Juden auch nicht schlecht, oder?“

          Channah Trzebiner, die das Buch „Die Enkelin“ geschrieben hat, lässt diesen Satz nicht auf sich beruhen. „,Behandeln’ ist für mich hierarisch. Wenn einer den anderen behandeln muss, hat derjenige, der behandelt, einen Wissensvorsprung, und der, der behandelt wird, steht in einem Abhängigkeitsverhältnis. Nein, so will ich nicht betrachtet werden, als eine, die einer Behandlung bedarf.“

          Keine verspannte Drama Queen

          Recht hat sie, denke ich. Aber ich glaube auch, so einen Satz hätte ich selbst auch sagen können. Und nun treffe ich mich mit der Autorin und befürchte, vielleicht auch etwas Falsches zu sagen.

          Aber die junge Dame, der ich in einem Lokal im Ostend gegenübersitze, hat gar nichts von einer verspannten Drama Queen. Sie ist eine junge Frau mit lackierten Fingernägeln, die schon eine Menge erlebt hat. Sie kann sehr freundlich sein und hat ein hinreißendes Lächeln, vor allem, wenn sie den Kopf dabei schief legt. Manchmal lacht sie so herzlich, als würde sie gekitzelt. Sie hat ein ehrliches, ein hartes Buch geschrieben. Ich habe es in drei Tagen gelesen und viel gelernt. Und ein paarmal brauchte ich ein Taschentuch.

          „Ganz gut“ heißt, alles ist in Ordnung

          Ein Film gab den Anstoß zu Channah Trzebiners Buch. Bei einer Bildungsakademie sah sie den Dokumentarstreifen über den Alltag eines jüdischen Ehepaars, das den Holocaust überlebt hatte. Vieles erinnerte die Autorin an ihre eigenen Großeltern: dass dauernd die Tür abgeschlossen wurde; dass man nicht in der Mitte der Straße, sondern am Rande gehen sollte; dass die Frau immer, wenn der Mann einkaufen ging, fragte: „Wann kommst du wieder?“

          Auch Channahs Opa wollte sie immer ungern auf die Straße lassen und fragte: „Wann wirst di zirek san?“ Übrigens sagt man in der Familie auf die Frage, wie es einem gehe, niemals „gut“, sondern bestensfalls „ganz gut“: „Ganz gut, das heißt, es ist alles in Ordnung bis auf das, was immer schlecht ist, und das ist ja immer da, das Schlechte.“

          Auf den Namen Hannah getauft

          Channah Trzebiner begann, nachdem sie den Dokumentarfilm gesehen hatte, andere junge Juden aus ihrem Umfeld zu befragen. Es stellte sich heraus, dass alle diese Angehörigen der dritten Generation ein besonders enges Verhältnis zu ihrer Familie haben, dass sie ihren Großeltern stolz ihre guten Noten präsentierten, dass sie Kinder bekommen wollen, solange Oma und Opa leben und sehen, dass es weitergeht mit ihrer Familie. Da begann Channah mit ihrem Buch.

          Channah ist 31 Jahre alt, eine Frankfurter Jüdin, die auf den Namen Hannah getauft ist, aber sich nach der ermordeten Schwester ihrer Großmutter „Channah“ nennt, jener Oma, die zur kleinen Hannah sagte: „Channale, Chanischi, ma taires maidele.“ Schon das Kind merkte, da war nicht nur sie gemeint, wenn sie so angeredet wurde. Am Tisch der Familie zeigten sich die Schatten der Verstorbenen, der ersten Frau des Großvaters und seines kleinen Sohnes, der gerade laufen gelernt hatte, um in die Gaskammer zu hüpfen.

          Jiddisch und sein ganz eigener Reiz

          Channah Trzebiner (sprich: Tschebiner) konnte, als sie erst einmal angefangen hatte, nicht mehr mit dem Schreiben aufhören: Drei Monate brauchte sie, bis das Manuskript fertig war. Und sie verstieß dabei gegen alle Regeln des Bücherschreibens, machte sich also keinen Plan, hatte keine Idee vom Umfang im Kopf, kannte das Ende nicht. Es ist dennoch ein gutes Buch geworden, eines, das einen mitnimmt im doppelten Sinne des Wortes: Es schnürt einem manchmal die Seele zusammen, und es führt einen ein in den Mikrokosmos einer jüdischen Familie in Frankfurt, in der vieles anders ist.

          So gefangen ist man von dieser Welt, dass man dem bei weissbooks herausgekommenen Erstling sogar das schlampige Lektorat verzeiht. Übrigens wurde bei Trzebiners Jiddisch gesprochen, die entsprechenden Passagen des Buches entwickeln ihren eigenen Reiz; man versteht alles fast mühelos, vor allem, wenn man beim Lesen laut mitspricht; für die ausgefallenen Begriffe wie „raiftl“ (Brotkanten) oder „koleschankes“ (Freundinnen) hilft ein Glossar.

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