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Autokinos in Rhein-Main : Wenn der SUV die Sicht versperrt

Neues Kinofeeling: Nicht bei allen Anbietern ist so viel Platz wie im Autokino auf dem Messegelände in Mainz. Bild: Marcus Kaufhold

In Zeiten von Corona erleben Autokinos eine Renaissance. Ihr Besuch ist immer noch ein ganz besonderes Erlebnis.

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          Snacks und Getränke gibt es in Bad Homburg bisher nicht, da die Bestätigung des Gesundheitsamtes noch fehlt. Aber selbst wenn es so weit ist – vom üblichen Geraschel und Geknusper wird dann nicht viel zu hören sein –, wir sind im Autokino. Und das lebt schließlich davon, einander nicht zu hören und zu sehen, weshalb die Protagonisten amerikanischer Filme ja auch oft ins Autokino fahren, um ausgiebig zu knutschen.

          Das Autokino in Bad Homburg bietet die Kulisse für romantische Treffen dieser Art: Hinter der Leinwand ragt, gelblich angeleuchtet, die Kulisse des Rathauses in den Abendhimmel.

          Der Grund, aus dem das Autokino und mit ihm viele andere in Hessen nun eröffnet haben, ist jedoch weniger romantisch: Nähe ist gerade gefährlich, viele Kinosäle sind nach der Corona-Zwangspause noch geschlossen oder nur eingeschränkt in Betrieb. Wer von Netflix und der eigenen Couch genug hat, dem bleibt oft nichts anderes übrig, als mit dem Auto vor eine Leinwand zu fahren.

          Die meisten Filme ausverkauft

          Das tun durchaus viele. Das Autokino, ein Relikt der Unterhaltungskultur der fünfziger und sechziger Jahre, erlebt gerade eine Renaissance. In Bad Homburg sind am vergangenen Donnerstag, einen Tag nach dem offiziellen Vorstellungsbeginn, schon die meisten Filme ausverkauft. An der Einfahrt zum Parkplatz des Technischen Rathauses muss Organisator Stefan Burger immer wieder Leute nach Hause schicken, die vorab keine Tickets reserviert haben. Karten gibt es auch bei anderen Veranstaltern nur im Vorverkauf.

          Wer rein darf in Bad Homburg, bekommt von „den Jungs in Gelb“ einen Platz zugewiesen. Der ist allerdings nicht bindend, so dass noch kurz vor Vorstellungsbeginn fleißig umgeparkt wird. Das Äquivalent zum Riesen mit Lockenpracht, den im Kino niemand vor sich sitzen haben möchte, ist im Autokino der SUV: Der versperrt die Sicht – das ist schlecht für denjenigen, der im kleinen Golf dahinter steht. Ganz gewiefte Besucher haben sich Holzböcke mitgebracht, auf denen sie die Vorderreifen aufsetzen, um noch besser zu sehen. Was die Autos dahinter wahrscheinlich schnell wieder zum Umparken veranlasst – solange eben noch Platz ist. Nicht nur Paare, auch Freunde sind an diesem Abend in Gruppen mit verschiedenen Autos gekommen. Vor dem Film unterhalten sie sich mit runtergelassenem Fenster über die Parkplätze hinweg. Laut den Vorschriften dürfen in einem Auto Personen aus maximal zwei Haushalten sitzen.

          Das Filmeschauen in Gemeinschaft kann im Übrigen auch draußen nervig sein. Zwar schlurft und schmatzt niemand und zieht dadurch böse Blicke auf sich. Dafür aber bekommen einige Gäste des Autokinos ihr Standlicht einfach nicht ausgeschaltet, so dass es die ganze Zeit grell leuchtet und Parkplatznachbarn zum Aussteigen und Meckern veranlasst. Andere reagieren stoischer und hängen den Seitenspiegel mit Tüchern ab, um den Scheinwerfer nicht permanent im Augenwinkel zu haben. Immer mal wieder steigt eine Frau aus, um neue Snacks aus dem Kofferraum zu holen, die offenbar in so großer Zahl vorhanden sind, dass sie dort gelagert werden müssen.

          Die Platzanweiser mit den gelben Westen geben eine Frequenz durch, mit der Kinobesucher den Ton über ihr Autoradio empfangen können. Mit Glück hat das Auto ordentliche Boxen mit einem guten Sound. Wie im Kino ist auch vor Vorstellungsbeginn etwas zu hören: The Andrew Sisters swingen „Bei mir bistu shein“. Die Filme beginnen im Mai um halb zehn, ab Juni erst um zehn.

          Eine besondere Atmosphäre

          Für ein gutes Bild muss es dunkel sein. Das ist es auch um halb zehn noch nicht vollständig, so dass der „Joker“, der gezeigt wird, mit Voranschreiten des Abends immer schärfer wird. Es dauert deshalb eine Weile, bis man gänzlich in die Geschichte eintauchen kann.

          Burger, der schon lange im Kinogeschäft ist und erst kürzlich sein erstes eigenes Lichtspielhaus in Langen eröffnet hat, sagt, die Leute hätten sich nach der Premiere begeistert bei ihm bedankt. Dafür, überhaupt wieder etwas unternehmen zu können. Sicher auch, weil ein Besuch im Autokino dann doch etwas Besonderes ist.

          Am deutlichsten wird das am Ende des Films: Während der Abspann läuft, parken die Autos langsam aus und fahren zum Ausgang. Es ist eine seltsame Choreographie, untermalt von der Musik aus den Boxen, sehr viel stimmungsvoller als das „Kann ich mal kurz durch“-Gedränge, das im Kino zwangsläufig immer dann entsteht, wenn einige früher nach Hause wollen als andere. Niemand versperrt den Blick auf die Leinwand, der Soundtrack übertönt das Starten der Motoren. Eine Atmosphäre, die mit einem Laptop-Stream im eigenen Wohnzimmer wohl kaum entsteht.

          Autokinos in der Region

          Bad Homburg: Bis auf weiteres donnerstags bis sonntags sowie vor Feiertagen auf dem Platz des Technischen Rathauses. Platz für 82 Autos. Filmstart im Mai 21.30 Uhr, im Juni 22 Uhr. Tickets einheitlich 10 Euro und 9 Euro (Kinder), ein Auto mindestens 20 Euro. kino-badhomburg.de.

          Bensheim: Bis auf weiteres täglich Filme auf dem Parkplatz des Luxor-Filmpalasts, Berliner Ring 22. Ein Auto mit zwei Erwachsenen 25Euro, ein Auto mit zwei Erwachsenen und drei Kindern 42,50 Euro. luxor-kino.de.

          Büdingen: Bis 1. Juni auf dem Festplatz am Kaiserweg im Ortsteil Düdelsheim. Platz für 140 Pkw. Ein Auto mit einem Erwachsenen 15Euro, weitere Erwachsene 6Euro, Kinder 4,50 Euro. kino-buedingen.de/programm.

          Gravenbruch: Ganzjährig Filme im ältesten deutschen Drive-in-Kino in Neu-Isenburg. Platz für 450 Autos. Pro Person 8 Euro. Täglich mehrere Vorstellungen, teilweise mit Beginn um 0:45 Uhr. autokinogravenbruch.de.

          Frankfurt: Bis auf weiteres Comedy, Konzerte und Kino im „Stage Drive“ auf dem Parkplatz der Jahrhunderthalle in Höchst. Platz für 300 Autos. Preise je nach Programm. jahrhunderthalle.de/stagedrive/programm.

          Mainz: Voraussichtlich bis August auf dem Mainzer Messegelände, Genfer Allee. Filme, Vorträge, Konzerte. Kinokarte einheitlich 10 Euro, mindestens 20 Euro pro Auto, maximal zwei Erwachsene pro Pkw plus eigene Kinder. autokino-mainz.de.

          Taunusstein: Bis auf weiteres auf dem Parkplatz am Sportgelände „Auf dem Halberg“ im Stadtteil Wehen (Alter Orler Weg); Platz für 120 Autos, 20 Euro je Pkw (zuzüglich Vorverkaufsgebühr), Kinder in Begleitung bis 14 Jahre frei, sonst 5 Euro. autokino-taunusstein.de.

          Gießen: Der Einlass beginnt frühstens 60 Minuten vor dem regulären Vorstellungsbeginn. Anfahrt: An der Hessenhalle 11, 35390 Gießen. Pro Fahrzeug dürfen höchstens vier Personen anwesend sein. Tickets kosten jeweils 6 Euro.  https://autokino-giessen.de/

          (hoff.)

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