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Autofahren mit Behinderung : Per Handgas ins normale Leben

  • -Aktualisiert am

Was die linke Hand falsch macht, muss sie selbst wieder richten, denn die rechte hat anderes zu tun: Für Marwan Murad erfordert Autofahren Koordination besonderer Art. Bild: Wonge Bergmann

Marwan Murad sitzt im Rollstuhl. Was ihn nicht daran hindert, Autofahren zu lernen. Hinter dem Steuer zu sitzen, das bedeutet für ihn Unabhängigkeit.

          Marwan Murads Beine reichen nicht ans Gaspedal, aber seine schwachen Muskeln könnten es auch gar nicht herunterdrücken. Trotzdem will der 33 Jahre alte Iraker den Führerschein machen. Murad hat Kinderlähmung und sitzt im Rollstuhl.

          Es ist die achte Fahrstunde. Murad schaltet in den Rückwärtsgang und zieht zum Gasgeben einen Hebel in der Mittelkonsole neben der Gangschaltung. Er schaut in den rechten Außenspiegel, während er mit der linken Hand um ein parkendes Auto herum lenkt.

          „Schulterblick“, erinnert ihn Fahrlehrer Thomas Eichhorn, bevor Murad auf die Mainzer Landstraße rollt. Mit Schwung dreht er den Kopf und verreißt das Lenkrad. Weil er mit der rechten Hand den Gashebel halten muss, fällt ihm das Umdrehen schwer. Das Heck des Golfs steuert auf ein parkendes Auto zu. Schnell schlägt Murad das Lenkrad in die andere Richtung ein, übersteuert und korrigiert. Was Murads linke Hand falsch macht, muss sie selbst wieder richten, denn die rechte hat anderes zu tun: Sie gibt Gas, bremst oder setzt den Blinker.

          Fahrschule für Menschen mit Lähmungen oder Multipler Sklerose

          Der Familienbetrieb Eichhorn ist eine der wenigen Fahrschulen, die in Frankfurt Körperbehinderte ausbildet, auch wenn Thomas Eichhorn und seine Mutter Ulrike den Begriff „behindert“ vermeiden, weil er von manchen als kränkend empfunden wird. Zu ihren Fahrschülern gehören Menschen mit Kinderlähmung, Querschnittslähmung, multipler Sklerose, Kleinwüchsige, Contergan-Geschädigte und Menschen, die nach einem Schlaganfall halbseitig gelähmt sind.

          Schon Thomas Eichhorns Vater hat Körperbehinderten das Fahren beigebracht. Mitte der neunziger Jahre hatten ihn zwei Gehörlose überredet, Gebärdensprache von ihnen zu lernen, um sie ausbilden zu können. Sohn Thomas, der 2003 in das Familiengeschäft eingestiegen ist und es mittlerweile mit der Mutter führt, hat die Gebärdensprache in einem Kurs gelernt, um die Arbeit des Vaters weiterführen zu können.

          Kann sich auch in Gebärdensprache verständigen: Fahrlehrer Thomas Eichhorn

          Murad, stets sorgfältig rasiert und gekleidet in Hemd und Krawatte, will ein möglichst normales Leben führen. Er will arbeiten, verreisen, eine Familie gründen und für sie sorgen. Mit Führerschein und Auto werde das alles leichter gehen, sagt er. Das öffentliche Verkehrsnetz sei in Frankfurt zwar gut ausgebaut, aber nicht gerade rollstuhlfreundlich. Viele S- und U-Bahnhöfe kann er nicht benutzen, weil es dort weder Rolltreppe noch Fahrstuhl gibt. Oft ist die Lücke zwischen Bahnsteig und Bahn so breit, dass er sie ohne Hilfe nicht überwinden kann.

          Murad wohnt seit vier Jahren in Hessen. Die ersten zweieinhalb Jahre kam er als Asylbewerber in einem Heim in Liederbach unter. Seit sein Asylantrag bewilligt ist, lebt er von Sozialhilfe. Doch es geht voran in seinem Leben. 2010 hat er noch kein Wort Deutsch verstanden. Jetzt besucht er täglich einen Deutschkurs für Fortgeschrittene. Es gibt sechs Stufen. Wer die letzte davon schafft, spricht fast so gut wie ein Muttersprachler. Murad macht kaum Grammatikfehler, nur die Pünktchen auf dem „ö“ vergisst er manchmal mitzusprechen. Von den rund 400Euro Sozialhilfe legt er jeden Monat die Hälfte zurück, um sich Deutschkurs und Führerschein leisten zu können. Er sagt: „Im Asylheim habe ich gelernt, gut zu sparen.“

          Fahrstunde kostet fünf Euro mehr für Körperbehinderte

          Körperbehinderte müssen etwa 500 Euro mehr für den Führerschein einplanen als andere Fahrschüler. Ein Auto mit Lenkradknauf und Automatik samt Handgas auszustatten sowie den Hebel für den Blinker zu verlegen kostet rund 3000 Euro. Wegen der Anschaffung ist jede Fahrstunde für Körperbehinderte bei Eichhorn fünf Euro teurer. Hinzu kommt eine Gebühr von etwa 200 Euro für die kraftfahrtechnische Begutachtung. Darin stellt ein TÜV-Mitarbeiter fest, welche Einbauten der Fahrschüler braucht, um das Auto sicher fahren zu können.

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