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Autobahnverkehr : Fachleute erwarten lange Staus zum Start der Maut

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Mit erheblichen Verkehrsbehinderungen auch im Rhein-Main-Gebiet rechnet der ADAC, wenn am Samstag die Maut für Lastwagen auf deutschen Autobahnen eingeführt wird. Die erste Geduldsprobe werde am Montag ...

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          Mit erheblichen Verkehrsbehinderungen auch im Rhein-Main-Gebiet rechnet der ADAC, wenn am Samstag die Maut für Lastwagen auf deutschen Autobahnen eingeführt wird. Die erste Geduldsprobe werde am Montag mit dem Ende des sonntäglichen Fahrverbots beginnen, berichtet Jürgen Baer, Leiter der Abteilung Verkehr und Technik des ADAC Hessen. Immer noch seien nicht genügend Fahrzeuge mit den sogenannten On-Board-Units für die elektronische Abbuchung der Gebühren ausgerüstet. Manche Fahrer müßten deshalb an Terminals die Gebühr manuell abbuchen. An vielen Tankstellen, wo dies möglich sein wird, könne es zu langen Staus kommen - vor allem auf den Autobahnen. Um Wartezeiten zu vermeiden, dürften nach Baers Ansicht viele Kraftfahrer auf Bundesstraßen ausweichen. Dieses Phänomen werde sich aber wohl nach den ersten Wochen legen. Die Prognose, daß es auch langfristig zu einer Verlagerung des Lastwagenverkehrs auf die Bundesstraßen kommt, will Baer dagegen nicht wagen.

          Für das Maut-Konsortiums Toll Collect ist das Rhein-Main-Gebiet als Ballungsraum ein "Knotenpunkt" mit Automaten zur manuellen Eingabe. Nach Angaben von Harald Lindler, Sprecher von Toll Collect, können Lastwagenfahrer an 20 Terminals in der Region ihre Fahrt manuell einbuchen und bezahlen. Die meisten der an Tankstellen oder Raststätten eingerichteten Terminals hätten mehrere Automaten. Im Raum Frankfurt stehen die Mautstellen am Flughafen, an der A 66 und an den Frankfurter Ausfallstraßen.

          Für Spediteure stellt sich langfristig eine grundsätzlichere Frage als jene, ob es am Montag zu Staus vor den Terminals kommt: Sie müssen entscheiden, ob sich der Weg über die Autobahnen mit der Maut noch lohnt oder ob es wirtschaftlich sinnvoller ist, Güter über andere Straßen zu transportieren. "Natürlich werden einige ausprobieren, ob sie auch auf den Bundesstraßen gut vorankommen. Aber wir nehmen an, daß es allein aus zeitlichen Gründen zu den Autobahnen keine Alternative gibt", sagt Marc Köhler vom Speditions- und Logistikverband Hessen/Rheinland-Pfalz. Die Einhaltung der Lieferzeiten sei wichtiger als das über die Ausweichrouten eingesparte Geld. Doch sei es durchaus denkbar, so Köhler, daß bestimmte Zubringer wegen die Maut mehr belastet würden.

          Auch Claus Herzig, Vorsitzender des Fachverbandes Güterkraftverkehr und Logistik Hessen, hält Befürchtungen für übertrieben, daß Bundesstraßen als Ausweichrouten genutzt werden. "Allerdings kann es sein, daß Spediteure aus dem Ausland, die sich nicht rechtzeitig mit den On-Board-Units ausgestattet haben, notgedrungen über die Bundesstraßen fahren werden", meint Herzig.

          Um mögliche Schleichwege ausfindig zu machen, plant das Hessische Landesamt für Straßen- und Verkehrswesen eine Studie zum Verkehrsverhalten. Mehr als 40 Meßstellen werden vom 1.Januar an entlang potentieller Ausweichrouten in Hessen eingerichtet, um dort die Lastwagen zu zählen. Zu Ostern soll dann feststehen, ob sich die Annahmen der Behörde in der Realität bestätigt haben. Im Blick hat das Verkehrsamt unter anderem die B7 und die B27 zwischen Bad Hersfeld und Kassel, die parallel zur A7 verlaufen. Auch die B3 zwischen Kassel und Gießen sowie der Abschnitt zwischen Darmstadt und Heidelberg werden genau beobachtet. "Wir haben Strecken für die Studie ausgewählt, die schon jetzt als Umfahrung genutzt werden", erläutert Stefan Hodes vom Landesamt.

          Matthias Burger von der Verkehrszentrale Hessen bekräftigt, daß eine Einschätzung der Konsequenzen der Mauteinführung vorab kaum möglich sei. "Beispiele aus dem Ausland sind nicht übertragbar." In Frankreich seien viele Lastwagen zwar mit der Einführung der Maut auf die Nationalstraßen ausgewichen. Diese seien aber auch deutlich besser ausgebaut als die Bundesstraßen, da sie für das nationale französische Verkehrsnetz von großer Bedeutung seien, so Burger.

          Die Wahrscheinlichkeit einer möglichen Beeinträchtigung durch zunehmenden Lastwagenverkehr wird von den Kommunen in Hessen unterschiedlich eingeschätzt. Der Bürgermeister der Gemeinde Hahnstätten südlich von Limburg, Joachim Egert, bleibt beim Gedanken an die Maut ruhig: Seine Stadt liegt zwar an der B54 zwischen Limburg und Wiesbaden, diese Strecke sei jedoch für Lastwagen wegen der vielen Kurven und Steigungen entlang der Aar nicht als Schleichweg attraktiv. Auch Hans Saufaus, Leiter des Stadtbauamtes von Bad Camberg, glaubt nicht, daß es zu Schwierigkeiten kommen wird. "Wer einmal durch unsere Stadt über die B8 fährt, tut es nie wieder. Da ist die Hölle los." Täglich führen etwa 15000 Autos durch die Stadt. "Wenn auf der A3 ein Unfall passiert, geht hier gar nichts mehr", sagt Saufaus. Alles, was sich als Schleichweg nutzen lasse, werde schon jetzt befahren.

          Matthias Drexelius, Bürgermeister von Usingen, sieht die Einführung der Maut mit einem lachenden und einem weinenden Auge: "Die Befürchtung besteht, daß sich der Verkehr durch Usingen steigern wird. Schon jetzt wird die B275 als Abkürzung zwischen der A3 und der A5 genutzt." Allerdings werde mit dem Geld aus den Mauteinnahmen auch die Nordumgehung der Stadt bezahlt. Die werde wiederum für eine Entlastung sorgen, hofft Drexelius. Der Bürgermeister der Stadt Bensheim, Thorsten Herrmann, will sich die Entwicklungen nach der Mauteinführung "gut anschauen", wie er sagt. Im Augenblick ersticke seine Stadt nicht im Verkehr. Die B3 führe jedoch parallel zur A5 durch Bensheim und könne deshalb eine mögliche Ausweichroute sein.

          Für den Fall, daß tatsächlich viele Lastwagenfahrer die Autobahnen verlassen und andere Strecken nutzen, hat die Bundesregierung vorgesorgt: Nach dem Autobahnmaut-Gesetz kann der Bund die Nutzungsgebühr auch auf Bundesstraßen ausdehnen. Bürgermeister Herrmann ist nach den Schwierigkeiten der vergangenen Jahre allerdings skeptisch: "Wie die das machen wollen, ist mir noch nicht klar." (zand.)

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