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Jung-Musiker mit Autismus : Wie eine riesige Wundertüte

  • -Aktualisiert am

Gitarre, Klavier, Schlagzeug: Mika Mai beherrscht mehrere Instrumente virtuos Bild: Pauline Stahl

Der neun Jahre alte Friedberger Mika Mai ist ein musikalisches Ausnahmetalent. Trotz und wegen seiner mehrfachen Behinderung.

          Jeden letzten Dienstag im Monat steht Mika Mai abends bei einer Jam-Session im Friedberger „Pastis“ auf der Bühne. Dann ist er Teil der Band, tauscht sich mit den anderen Musikern aus, legt sich an Klavier oder Schlagzeug ins Zeug. Er ist erst neun Jahre alt. Und mehrfach behindert. Hat eine Form von Autismus.

          Der Jazzkeller ist auch dieses Mal mit Zuhörern prall gefüllt. Mikas Finger fliegen über die Klaviertastatur, jedem guten Einfall folgt ein Lächeln auf dem Gesicht des Pianisten. Er gibt den Takt vor, macht Vorschläge, welches Lied die „Tuesday Night Band“ als Nächstes spielen könnte. Gemeinsam mit einem weiteren Pianisten, Andreas Müller, sitzt Mika Mai am Klavier. Begleitet von der Saxophonistin Corinna Danzer, dem Kontrabassisten Jonas Lohse, dem Gitarristen Vincent Rocher und Martin Kowollik am Schlagzeug, füllen sie den Keller der Kneipe mit Jazzmusik. Neben Mika steht kein Bier, sondern Orangenlimonade, im Publikum sitzt seine Mutter.

          „Wenn er spielt, ist das wie eine riesige Wundertüte“, sagt Minou Mai. „Da kommt Jazz raus, da kommt Blues raus, da kommt aber auch Heavy Metal raus.“ Dabei wechselt Mika zwischen Klavier, Schlagzeug und Gitarre. Auch wenn er am liebsten Klavier spielt, übernimmt er bei der Jamsession im „Pastis“ doch auch gelegentlich den Part des Drummers. Dann wirbelt er die Drumsticks durch die Luft, lässt sie genau im richtigen Moment auf dem Becken landen.

          Mika hat das absolute Gehör

          „Ich könnte in der einen Pause noch die Kuhglocke einbauen“, schlägt Mika vor. Auch wenn es sich die Saxophonistin zunächst nicht so recht vorstellen kann, passt das Geräusch doch perfekt in das Stück. Mika besitzt das absolute Gehör. Er weiß genau, welcher Ton passt und was harmonisch klingt. „Mika hat ein sehr empfindliches Gehör, da muss alles stimmen“, sagt seine Mutter. Er habe sozusagen ein ganzes Orchester im Kopf und könne Musik „mehrspurig denken“. Jedes Instrument und jede einzelne Tonart kann er aus noch so komplexen Stücken heraushören.

          Was ihm beim Musizieren hilft, macht Mika den Alltag schwer, kann sogar zu physischen Schmerzen führen. „Es ist, als wenn man mich an einen Verstärker anschließen würde“, erklärt der Neunjährige seine autistischen Züge. Wenn ein Krankenwagen vorbeifährt, sei das die Hölle für ihn. „Da habe ich dann fünf Minuten lang ein schmerzerfülltes Kind“, sagt seine Mutter. Für die Radiomoderatorin ist es wichtig, mit ihrem Sohn auch mal einen Schritt zurückzugehen und genau zu überlegen, was er wirklich braucht, „und vor allem, was er gerade überhaupt nicht braucht“. Dazu gehören auch Kleinigkeiten, wie darauf zu achten, ob auf öffentlichen Toiletten ein Handföhn ist. „Geht der plötzlich an, ist das zu laut.“

          Dass Mika sehbehindert ist, merkt man ihm nicht an, solange er in seiner gewohnten Umgebung ist. Selbstbewusst bewegt er sich durch sein Zuhause in Rockenberg oder das „Pastis“, sitzt mal am Flügel, mal am elektrischen Schlagzeug oder tanzt zu seinem Lieblingslied durch das Wohnzimmer. Der Drittklässler einer Blindenschule hat auch eine septo-optische Dysplasie, ihm fehlt die Trennwand zwischen der linken und der rechten Hirnhälfte. Weil sein Hirnwasser nicht abfließt, eine Behinderung namens Hydrocephalus, musste er operiert werden. „Ich habe ein kleines Shunt-Gerät im Kopf“, erklärt Mika, „das leitet das Hirnwasser ab.“

          Lieblingsfach Mathematik

          Jeden Morgen holt ihn ein Schulbus ab und bringt ihn in die Blindenschule. „Mein Lieblingsfach ist Mathematik“, erzählt Mika. Kommt er mittags zurück, schmeißt er seine Sachen auf den Boden und setzt sich sofort ans Klavier. „Und dann ist da ganz viel Emotion“, sagt Minou Mai. „Da merkt man, wie er sich selbst sortiert.“ Oft seien die Töne anfangs dunkel und durcheinander, werden mit der Zeit fröhlicher und harmonischer. „Musik ist ein Ventil für ihn.“ Vor allem abends blühe ihr Sohn richtig auf, „da spielt er wirklich sensationelle Sachen“. Was er dann spontan komponiert, kann Mika zu einem anderen Zeitpunkt nicht wieder abrufen. Jedes Stück ist somit neu und einzigartig.

          „Musik ist sein Ding, seine Linie, sein Halt, an dem er sich entlanghangelt“, sagt Mai. Als Mika ein Baby war, sang sie ihm zum Einschlafen oft „Killing Me Softly“ vor. Mit gerade einmal neun Monaten habe er das Lied komplett mitgesummt. Mika konnte noch nicht allein sitzen, da klimperte er schon auf seinem ersten Tasteninstrument herum. „Das hat nie falsch geklungen“, erinnert sich Mai. Den ersten Klavierunterricht bekam er schließlich mit dreieinhalb Jahren.

          Um sein Talent zu fördern, fliegt die Familie regelmäßig nach London zu Adam Ockelford, einem Professor an der Universität Roehampton. Seine Mutter erinnert sich, als er zum ersten Mal mit ihm Klavier spielte: „Es gab einen Moment, da hat Mika sich zu uns gedreht und gestrahlt, als würde er sagen wollen: ,Endlich jemand, der mich versteht.‘“ Jemanden wie diesen Professor, der viel Erfahrung mit musikalisch hochbegabten Kindern wie Mika hat, wünschen sie sich auch in ihrer Heimat. Denn „normaler“ Klavierunterricht wird dem Neunjährigen nicht gerecht. Einmal im Monat kommt der Pianist der „Tuesday Night Band“ zu ihnen nach Hause, spielt und komponiert mit Mika nach Lust und Laune auf dem Klavier. „Dann sind wir komplett abgeschrieben“, sagt Mai.

          Auf die Jazzband, zu deren Gastmusikern Mika zählt, ist sein Vater zufällig im Internet gestoßen, da war Mika sechs Jahre alt. „Das ist schon ungewöhnlich jung“, findet die Saxophonistin der Band. „Das Besondere an Mika ist, dass er immer Lust hat zu spielen, er hat so eine immense Spielfreude.“

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