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Ludwig-Landmann-Preis : Saul Friedländer für sein Lebenswerk ausgezeichnet

Setzt sich für die Menschlichkeit ein: Saul Friedländer Bild: Jonas Wresch

Saul Friedländer gilt als besonderer Historiker und Zeitzeuge, der sich stets gegen Antisemitismus und Fremdenhass eingesetzt hat. Nun ist er in Frankfurt mit dem Ludwig-Landmann-Preis für Mut und Haltung geehrt worden.

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          Der Historiker und Zeitzeuge Saul Friedländer hat den Ludwig-Landmann-Preis für Mut und Haltung erhalten. Den mit 10.000 Euro dotierten Preis, der aus Anlass der Wiedereröffnung des Jüdischen Museums ins Leben gerufen wurde, verlieh die Gesellschaft der Freunde und Förderer des Jüdischen Museums zum ersten Mal. Aufgrund der Corona-Pandemie musste die Preisverleihung, die am Sonntag im Schauspielhaus Frankfurt stattfand, um eineinhalb Jahre verschoben werden.

          Theresa Weiß
          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Friedländer konnte nicht anreisen, seine Tochter Michal Friedländer nahm die Ehrung, eine Miniatur der Skulptur „Untitled“ von Ariel Schlesinger, die einen entwurzelten und einen verwurzelten Baum zeigt und im Original vor dem Museum steht, an seiner Stelle entgegen.

          „Zeitzeuge der Grauen des Holocaust“

          „Saul Friedländer ist ein herausragender Historiker, aber auch ein Zeitzeuge der Grauen des Holocaust“, sagte der ehemalige Außenminister Joschka Fischer (Die Grünen), der die Laudatio auf den Preisträger hielt. Er habe eine „Kindheit im Völkermord“ erlebt und wurde in einem katholischen Internat versteckt. Dass es heute wieder Antisemitismus in Deutschland, dem Land, das Auschwitz zu verantworten hat, gebe, dürfe nicht sein. „Die historische Verantwortung wiegt hier schwerer“, sagte Fischer. Zudem sei sie ein direkter Angriff auf die deutsche Demokratie, die auf dem Versprechen „Nie wieder“ gründe.

          In seinem wichtigen Werk „Das Dritte Reich und die Juden“ arbeitete Saul Friedländer die Verbrechen der Nationalsozialisten gegen die Menschlichkeit auf. Er erzählt dabei die Geschichte aus drei Perspektiven, wie der Vorstandsvorsitzende des Fördervereins Andreas von Schoeler sagte: die der Täter, die der Opfer und die der „bystander“, die Ereignisse beobachtet haben. Dabei, so Schoeler, habe er Haltung und Mut bewiesen. Den ersten Ludwig-Landmann-Preis erhalte er darum zu Recht.

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          Der Preis, der nach dem letzten demokratisch gewählten Oberbürgermeister der Stadt Frankfurt vor der Gewaltherrschaft der Nazis benannt ist, wird künftig alle zwei Jahre Menschen verliehen, die sich wie Friedländer gegen Antisemitismus und Rassismus einsetzen.

          Stets Mut und Haltung bewiesen

          Landmann, der viel für Frankfurt tat – sei es der Ausbau von Messe und Flughafen, oder das neue Frankfurt in Zusammenarbeit mit Ernst May –, habe stets Mut und Haltung bewiesen, auch als er als Jude verfolgt wurde und verarmt im Exil starb, sagte Schoeler. Dennoch wurde seiner bisher zu wenig erinnert. Der Förderverein habe daher eine Biografie über den wichtigen Frankfurter in Auftrag gegeben, die Wilhelm von Sternburg verfasst hat.

          Da Antisemitismus noch immer ein Thema sei, da noch immer auf Schulhöfen „du Jude“ als Schimpfwort benutzt werde, müssten die Kräfte der Gesellschaft gestärkt werden, die sich dagegen einsetzten, sagte Schoeler. Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD), der ein Grußwort an die Festgesellschaft richtete, bezeichnete den Preis als „Zeichen für das Wachsein“. Saul Friedländers Lebenswerk habe dazu einen wichtigen Beitrag geleistet.

          Der Preisträger sprach in einer Videobotschaft aus seinem Zuhause in Los Angeles. Der Chefredakteur des ZDF, Peter Frey, hatte ihn dafür interviewt. Friedländer sagte, er habe anfangs gar nicht verstanden, warum er den Preis erhalte, denn mutig sei er nicht. Doch es ist offensichtlich, dass sein Einsatz gegen Antisemitismus und Fremdenhass den 88 Jahre alten Historiker noch immer bewegt. Im Gespräch mahnt er, die Erinnerungskultur zu bewahren, damit Deutschland weiter ein „Bollwerk“ gegen Judenhass bleibe. Dafür brauche es Erinnerungsorte und wissenschaftliche Aufarbeitung, wie sie etwa im Jüdischen Museum geschehe, sagte er. Erinnerung sei zentral, um gegen Antisemitismus und Hass vorzugehen. Dass sie lebendig bleibe, sei seine Hoffnung, sagte Friedländer.

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