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Coldplay in Frankfurt : Schwarz-Weiß-Denken hat Sommerpause

Frankfurt liebt Coldplay: Jonny Buckland, Will Champion, Chris Martin und Guy Berryman (von links) dürfen sich der Zuneigung der Massen sicher sein. Bild: Helmut Fricke

Bunte Abende: Die britische Band Coldplay begeistert bei zwei ausverkauften Konzerten im Frankfurter Waldstadion. Das liegt aber eher an bewährten Hits, als an neuen Kompositionen.

          Als Chris Martin vor gut zwei Jahren an den Songs des jüngsten Coldplay-Albums „A Head Full Of Dreams“ schrieb, blickte er auf taubtrüben Ginst am Musenhain. Zumindest innerlich, galt es doch die Trennung von seiner Ehefrau Gwyneth Paltrow zu verarbeiten. Zwar durfte er endlich wieder etwas Vernünftiges essen, doch das hob die trübtaube Stimmung des Sängers noch nicht entscheidend. Daher mag sich Martin anfeuernd gesagt haben: „Auf der nächsten Tour, da treibe ich es so richtig bunt!“

          Christian Riethmüller

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Und genau dies tun Martin und seine Band derzeit auf ihrer über hundert Konzerte umfassenden Welttournee, die Coldplay nun auch an zwei aufeinanderfolgenden Abenden ins jeweils restlos ausverkaufte Frankfurter Waldstadion führte. Dort dominiert unter dem Jahr ja eher das Schwarz-Weiß-Denken, doch das hat derzeit Sommerpause und verspricht auch sonst nicht unbedingt Spektakel, jedenfalls nicht in dem Maße, was hier vier Engländer und ein entzücktes Publikum gemeinsam veranstalten.

          Feuerwerk zum ersten Song

          Gehören bei Stadion- und Arenakonzerten gewaltige Bühnen, riesige Videoleinwände und Lichtspielereien längst zur Grundausstattung, gelingt es Coldplay trotzdem, mit einigen Effekten für echte Überraschung zu sorgen. Nicht nur, dass die Band außer der Hauptbühne noch zwei kleinere Bühnen in der Stadionmitte sowie am anderen Ende des Felds hat errichten lassen, oder zu Beginn des Konzerts auf der Leinwand Grußbotschaften von Fans aus anderen Städten ans Frankfurter Publikum gezeigt werden, spielen die Besucher auch noch einen wichtigen Part bei der Lichtchoreographie der Show.

          Wer mochte, konnte sich am Eingang ein mit Leuchtdioden versehenes Armband aushändigen lassen, und weil ganz viele Konzertgänger mochten, erstrahlte die Arena immer wieder in den buntesten Farben, vor allem, wenn Chris Martin als begnadeter Dompteur die Massen springen und die Arme schwenken ließ und es sogar fertig brachte, inmitten des über zwei Stunden dauernden Konzerts das gesamte Publikum dazu zu bewegen, wenigstens für ein Lied, „Charlie Brown“, die Mobiltelefone auszuschalten oder im Säckel zu lassen.

          Über die beeindruckenden, stimmungsvollen und vor allem bunten Bilder, die zahllose blinkende Lichtlein erzeugten, hätte man manchmal fast vergessen können, dass ja auf der Bühne auch musiziert wird, was angesichts der überlebensgroßen Inszenierung des Programms möglicherweise sogar zum Kalkül gehört. Das beginnt nämlich mit der Puccini-Arie „O mio babbino caro“, die keine Geringere als Maria Callas vom Band singt, bevor Coldplay selbst mit dem Titelsong des letzten Albums einsteigen, der mit „Woo hoo“- und „Hey, yeah“-Chören nicht geizt und dessen Intro auch noch mit Ausschnitten einer Rede von Charlie Chaplin versehen ist. Wer hier im bunten Konfettiregen an „Overkill“ denkt, sieht sich zum Ende des Songs bestätigt, wird doch da schon Feuerwerk abgeschossen.

          Clubfeine Versuche

          Der Komposition kann es kaum gelten, ist vielleicht aber auch schon dem nächsten Song, „Yellow“, zugedacht, mit dem nicht nur an das bemerkenswerte Debütalbum „Parachutes“ aus dem Jahr 2000, sondern überhaupt an den Durchbruch einer Band erinnert wird, die einst im Fahrwasser von Radiohead und Travis schwamm, um nun selbst eines der letzten Dickschiffe unter den global erfolgreichen (Soft-)Rockgruppen zu sein.

          I Can Hear Music: Chris Martin lauscht den Fangesängen.

          Denen sieht das Publikum großzügiger nach, wenn das neue Material nicht recht überzeugen mag, solange genug bewährte Hits im Programm auftauchen. Tatsächlich sind die betont optimistisch gehaltenen neuen Songs wie „Hymn for a Weekend“ oder „Adventure for a Lifetime“ eher bizarre Versuche, Coldplay clubfein zu machen. Allerdings wollen Gitarrist Jonny Bucklands Disco-Licks, Guy Berrymans wenig pumpender Bass und Will Champions Schlagzeuggeklöppel sich hier nicht so geschmeidig zu Chris Martins Gesang fügen wie bei pathetischen Hymnen à la „Clocks“, „Paradise“ oder auch „God Put A Smile Upon Your Face“, das am Freitagabend eines zweiten Anlaufs bedarf.

          Gleichgewicht wieder gefunden

          Die Nebelmaschine hatte zu viel Dampf auf die Bühne geblasen, was Chris Martin auf seine Kappe nimmt: „Das mit dem vielen Nebel war meine Idee. Manchmal haben Sänger blöde Ideen“, scherzt er, wie er überhaupt bester Dinge zu sein scheint. Deutschland preist er an diesem Abend nicht nur wegen des „Ehe für alle“–Entscheids des Bundestags, sondern dass es generell den Fortschritt in Richtung Liebe und Zusammenhalt anführe. Ein spontan getextetes Liebeslied gilt dann aber Frankfurt, in dem es als beste aller Städte besungen wird.

          Diese Zuneigung dürfte zwar auch noch manch andere Stadt im weiteren Verlauf der Tour erfahren, doch als Geste ist solch eine auf den jeweiligen Auftrittsort abgestimmte Einlage keine Selbstverständlichkeit, ebenso wenig wie die spontane Erfüllung eines Zuschauerwunschs. Als Coldplay auf der kleinen Bühne vor der Tribüne ein Akustikset mit „In My Place“, das in den Oasis-Hit „Don’t Look Back In Anger“ übergeht, sowie den eigenen Klassiker „Don’t Panic“ spielen, verlangt ein Fan nach dem Lied „Green Eyes“, was umgehend angestimmt wird und so diesem bunten Abend eine weitere beachtliche Facette hinzufügt. Chris Martin hat also im Farbrausch sein Gleichgewicht wieder gefunden und alle sollen teilhaben: Viva la Vida.

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