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Ausstellungen zu Hölderlin : Des Dichters Wort im Altarraum

Filigran: Die Textrauminstallation „o.T./Ariadnefaden“ von Corinna Krebber ist zum Hölderlin-Jubiläum in der Bad Homburger Schlosskirche zu sehen. Bild: Wolfgang Eilmes

Poetische Sphären hier, gut zu Fuß dort: Zwei Ausstellungen in Kirchen der Kurstadt Bad Homburg beschäftigen sich mit Friedrich Hölderlin.

          2 Min.

          Wie filigrane Girlanden schwebt die Installation von Corinna Krebber im Chor der Bad Homburger Schlosskirche. Bis hinauf in die zweite Empore schwingen sich Fragmente des Kunstwerks. Andere reichen an geöffnete Fenster der von innen beleuchteten Einbauten des Altarraums, die dadurch noch mehr als sonst an eine Bühnenkulisse erinnern. Eine denkmalgeschützte Kirche, deren Inneres im 18. Jahrhundert sein heutiges Aussehen bekommen hat: „Der Raum ruft nicht danach“, sagte Krebber über den Ort, an dem derzeit ihre Textrauminstallation „o.T./Ariadnefaden“ zu sehen ist. Man dürfe nichts anbringen, die Kronleuchter hätten sich nicht abhängen lassen. Letztlich aber war die Künstlerin nach eigenen Worten froh, dass sie auf den Altarraum ausweichen musste. Von den Orten, die sie sich im vergangenen Jahr in Bad Homburg angesehen hat, kam am Ende nur die Schlosskirche in Frage.

          Bernhard Biener

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Hochtaunuskreis.

          Die Frage nach Form und Inhalt, die sich bei einem Text stellt, bekommt bei Krebbers Arbeiten noch eine weitere Dimension. Die für „o.T./Ariadnefaden“ verwendeten Worte, aus langen Papierbahnen ausgeschnitten, bilden nicht die Sage über Theseus, der dank Ariadnes Geschenk den Weg aus dem Labyrinth findet. Die aus einem 300 Meter langen Band bestehende Installation beschäftigt sich mit Hölderlins Hymne „Mnemosyne“, einem seiner letzten Gedichte, bevor er wegen seines Gesundheitszustands von Homburg nach Tübingen gebracht wurde. „Ich verwende Texte, die danach rufen, etwas mit ihnen zu machen“, sagte Krebber bei der Eröffnung im Gespräch mit Julia Cloot vom Kulturfonds, Kuratorin des Hölderlinjahrs. „Dabei verselbständigen sie sich.“

          „Aneignungsprozess“

          Krebber schneidet die Worte mit der Hand aus. Eine fast meditative Arbeit, bei der sich eine Eigendynamik entwickle. Drei Monate dauerte dieser „Aneignungsprozess“ im Fall des Hölderlin-Gedichts.

          2013 war die Arbeit schon einmal in der Frankfurter Allerheiligenkirche zu sehen. Nicht nur die völlig andere Umgebung des Nachkriegsbaus nahm dabei auf die Wirkung Einfluss. Die Schriftbahnen bekommen bei jedem Aufhängen auch eine neue Form. Die Bad Homburger Schlosskirche sei dafür ein authentischer Ort, sagte als Hausherrin die Direktorin der hessischen Schlösserverwaltung, Kirsten Worms. Schließlich sei Hölderlin dort als Hofbibliothekar angestellt gewesen, wenn auch eher pro forma.

          Oberbürgermeister Alexander Hetjes (CDU) äußerte sich erfreut, dass das Jubiläumsjahr zum 250. Geburtstag Friedrich Hölderlins nach den anfänglichen Absagen wegen der Corona-Pandemie nun Fahrt aufnehme. So ist im Museum im Gotischen Haus an der Tannenwaldallee die Ausstellung mit Münzen und Medaillen wieder zu sehen.

          Auf Hölderlins Spuren

          Vor wenigen Tagen wurde in der Englischen Kirche am Ferdinandsplatz die Wanderausstellung „Wohl geh ich täglich andere Pfade“ eröffnet. An ihr haben 13 Hölderlin-Orte mitgearbeitet. Mit Pulten in Form eines aufgeschlagenen Buchs werden sie dort vorgestellt. Hölderlins Geburtsort Lauffen ist natürlich dabei und Nürtingen, wo er die Lateinschule besuchte. Ebenso seine weiteren Ausbildungsstationen, die Klosterschulen von Denkendorf und Maulbronn. Nach dem Studium in Tübingen wurde Hölderlin Hauslehrer in Waltershausen und später, nach seinem Aufenthalt in Jena, bei der Frankfurter Bankiersfamilie Gontard.

          Dass Hölderlin seiner Schwärmerei für die junge Bankiersgattin Susette bald von Homburg aus nachgehen musste, ist bekannt. Zwischendurch hatte er noch die Familie nach Driburg begleitet, als sich der Krieg gegen die französischen Revolutionstruppen Frankfurt näherte. Nach einem Aufenthalt in Stuttgart nahm Hölderlin weitere Hauslehrerstellen in Hauptwil in der Schweiz und in Bordeaux an. Wie schon bei seinen Wanderungen zwischen Homburg und Frankfurt bewies er Kondition. Auch die Fernwege legte er größtenteils zu Fuß zurück.

          Textrauminstallation „o.T./Ariadnefaden“

          Zu der Ausstellung ist ein Begleitbuch erschienen. Geöffnet ist die Englische Kirche donnerstags und freitags von 16 bis 19 und samstags und sonntags von 14 bis 18 Uhr. Die Installation der Schlosskirche ist donnerstags bis sonntags von 14 bis 18 Uhr zugänglich.

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