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Künstlerkolonie Dachau : Wanderung ins weiße Moos

Raus aufs Land und rein in die blühende Natur: Die Künstlerkolonie Dachau ist zu Gast in Kronberg. Und zeigt neben biedermeierlichen Szenen auch einige Überraschungen.

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          Wie sich die Bilder gleichen. Hier wie dort hielt es die Maler Mitte des 19. Jahrhunderts nicht mehr brav in ihren Ateliers und in den Städten, da hieß es raus aufs Land und in die blühende Natur, und suchte man – ganz ähnlich wie die Künstler 20, 30 Jahre vorher vor den Toren von Paris – in Kronberg gerade wie in Dachau, in Schwalenberg und schließlich in Worpswede Licht und Leuchten der Natur in seinen Bildern einzufangen. Und doch, so zeigt die aktuelle, ganz der Künstlerkolonie Dachau gewidmete Ausstellung im Museum Kronberger Malerkolonie, war wenigstens im Taunus offensichtlich manches anders als draußen im Dachauer Moos.

          Christoph Schütte

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Landschaft naturgemäß. Das Wetter und das Licht und mithin alle Farbe. Das Publikum womöglich und nicht zuletzt die handelnden – und malenden – Personen. Nicht nur waren Maler wie Adolf Hölzel, Ludwig Dill oder Arthur Langhammer nach einer gemeinsamen Ausstellung in Berlin als „die Dachauer“ – anders als die meisten Kronberger – auch überregional bald ein Begriff. Hölzel, der ähnlich wie Anton Burger in Kronberg, zahlreiche Schüler um sich scharte, bevor er ab 1906 in Stuttgart lehrte, ließ, nimmt man die Arbeiten etwa Martha Cunz’ oder Emilie Mediz-Pelikans zum Maßstab, den jungen Künstlern die Freiheit, ihren eigenen Stil und ihre eigene Handschrift zu entwickeln, statt, wie der Kronberger Malerfürst, die Bilder seiner Schüler zu „verburgern“, wie einst Philipp Franck das notorische Hineinmalen des Lehrers in die eigenen Werke nannte.

          Malerisch vor der Natur erkundet

          Entdeckt freilich wurde die Gegend um Dachau schon Jahre vorher von dem Münchner Landschafter Georg von Dillis. Und noch bevor Hölzel, Dill und Langhammer zu ihren gemeinsamen Wanderungen ins weiße Moos aufbrachen, hatte Eduard Schleich die weite Landschaft malerisch vor der Natur erkundet. Schleich dürfte es denn auch gewesen sein, der seinen Freund Carl Spitzweg um 1850 aus München ins nahe Dachau lockte, wo er die folgenden Jahre bleiben sollte und keineswegs bloß pittoreske Genrebildchen schuf, wie man es bei diesem Maler vornehmlich erwarten würde.

          Sicher, unter den gut und gern 55 Exponaten finden sich auch für Spitzweg typische anekdotisch-biedermeierliche Szenen wie der strickende „Vorposten“ oder der um 1854 entstandene „Geiger auf dem Dach sitzend“. Die eigentliche Überraschung unter den meist aus der Dachauer Gemäldegalerie stammenden Leihgaben aber sind Arbeiten wie die auf den Deckel einer Zigarrenkiste gemalte „Niederländische“ oder auch die bezaubernde, zwanzig Jahre später entstandene „Voralpenlandschaft“ in Öl auf Malpappe, die einen ungleich weniger bekannten Spitzweg als jenen des „Armen Poeten“ zeigen. In die Zukunft aber und voraus auf eine dezidiert malerisch charakterisierte Reflexion der Natur weisen zunächst andere, im Ausstellungsbetrieb vergleichsweise selten zu entdeckende Positionen.

          Max Feldbauer zum Beispiel oder der Münchner Sezessionist Leo Putz, der etwa mit einer ebenso schlichten wie reizvollen „Landschaft bei Dachau“ vertreten ist; Dills „Am Waldesrand“ in Tempera oder, nass in nass in Öl gemalt, „Im weißen Moos“. Von den fraglos mit Abstand prominentesten – wenngleich nicht wirklich den Dachauern zuzurechnenden – Künstlern der Schau wie dem gelegentlich aus Berlin anreisenden Max Liebermann oder Lovis Corinth, der 1892 Langhammers Hund Hipp mit leichter Hand in Kohle porträtierte, ohnehin zu schweigen. Und doch sind es am Ende die Arbeiten Langhammers, Dills und insbesondere jene des seit 1888 in Dachau ansässigen Hölzel, die im Rahmen der Ausstellung deutlich machen, was hier möglich war – und was man bei den Kronbergern um den alten Burger schon einmal vermisst.

          Eine vergleichbare, auf der Höhe der Zeit sich bewegende Entwicklung vom Realismus des „Paars an der Amper“ über den 1904 entstandenen „Nebligen Morgen“ auf ungrundierter Leinwand bis zu den mehr und mehr der Abstraktion zuneigenden Gemälden des Spätwerks, wie sie die Schau anhand von einem halben Dutzend Ölbildern und Pastellen Hölzels dokumentieren kann, war vor den Toren Frankfurts offenbar nicht möglich. Zur sich längst schon ankündigenden Moderne jedenfalls blieben die Kronberger dann doch lieber auf Distanz.

          Die Ausstellung im Museum Kronberger Malerkolonie, Kronberg, Heinrich-Winter- Straße 4a, ist bis 8. März mittwochs von 15 bis 19 Uhr, samstags von 12 bis 18 Uhr sowie an Sonn- und Feiertagen von 11 bis 18 Uhr geöffnet.

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