https://www.faz.net/-gzg-8j3gs

Kunstverein Familie Montez : Metropolen des Leichtsinns

Ganz Österreich in einem Bild: Thomas Draschans Collage aus dem Jahr 2011 hing in der Wiener Hofburg, jetzt ist sie unter der Frankfurter Honsellbrücke zu sehen. Bild: Thomas Draschan

Was hat in dieser Kunst Platz? Die ganze Welt. Thomas Draschan baut sich eine eigene – und preist im Frankfurter Kunstverein Familie Montez die seiner Freunde.

          Staatskunst zu fabrizieren ist so ziemlich das Letzte, was man Thomas Draschan nachsagen könnte. Und der an diesem Wochenende aus dem Amt scheidende österreichische Bundespräsident Heinz Fischer hat wohl schon genau hinschauen müssen – so wie wir jetzt, um aus der bombastischen Idylle, die Draschan da auf elf mal sechs Metern collagiert hat, das Subversive herauszufiltern.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Das Land der Berge und am Strome, in der Wiener Hofburg in all seiner bildnerischen Pracht zum Nationalfeiertag des Jahres 2011 dargeboten, zeigt bei Draschan zwar, was es an Schönem hat. Wenn man aber das Schöne, die Berge und die Kühe, die Skilifte und die Lipizzaner, die schönen Damen und die feschen Herren, den Adler, das Murmeltier und die Strandbadsonnenschirme derart augenflimmernträchtig arrangiert, dann entlarvt sich das Schöne selbst als schöner Schein, als Augenzucker, der durchaus auch als Koks durchgehen könnte. Berauschend, beschleunigend auch, allerhand Versprechen sind darin aufgehoben, eingelöst wird, natürlich, keines davon.

          Viele Tage am Computer sind nötig

          Aber sie sind da, die Versprechen einer heilen Welt, die Draschan auf alten Bildpostkarten findet, auf herrenlosen Fotos, in Illustrierten, Kalendern und Werbematerialien der sechziger und siebziger Jahre. Vor fünfzehn Jahren hat er sie noch mit Klebstoff auf Pappen arrangiert. Heute braucht er am Rechner viele Tage, um seine oft großformatigen digitalen Bildwelten zu collagieren und hinterher auszudrucken, auf Lastwagenplanen, Papier oder hinter Glas.

          Lange Zeit hatte die kolossale Hofburgcollage nicht mehr gehängt werden können – wer hat schon eine derart große Wand? Der Frankfurter Kunstverein Montez hat sie, unter dem Bogen der Honsellbrücke, und so breitet sich jetzt Österreich dort aus, und überhaupt die Welt, mit der sich Draschan auseinandersetzt. Der 1967 in Linz geborene Künstler, der nach Jahren in Frankfurt, wo er in der Filmklasse bei Peter Kubelka an der Städelschule studiert hat, seit geraumer Zeit vor allem in Wien lebt, ist ein politischer Mensch, er macht sogar lokale Politik in seinem Bezirk. Ihn interessiert und beschäftigt die Welt, der Weltraum natürlich auch, und der ganze Irrsinn, mit dem wir unser Dasein bevölkern, unsere niedlichen Versuche, ihm trotzig so etwas wie Wunschtraumhaftigkeit abzuverlangen.

          Schnelligkeit, Schärfe und Leichtfüßigkeit

          All das spiegelt sich in Draschans Collagen, die Herrschaften besserer Wirtschaftswundertage mit Raubtieren und Pin-ups zusammenbringen, technische Errungenschaften von einst mit monumentalen Kulissen und Helden von B-Movies vereinen, Pornographie mit Anflügen von Romantik kombinieren. „Metropolen des Leichtsinns“ hieß einer der Experimentalfilme, die Draschan einst aus Found Footage zusammengestellt hat. Als Übertitel könnte das für seine gesamte Kunst gelten, und auch seine immer aufwendigeren Collagen haben, ebenso wie seine Filme, einen Drive, eine Schnelligkeit und eine Schärfe, die nie das Leichtfüßige und Spielerische ablegt, sogar dann nicht, wenn er sie, wie jüngst, aus Anzugstoffen näht.

          In eine seiner aus buntem Plastikspielzeug zusammengesetzten neuen Skulpturen, dreidimensionalen Collagen, hat Draschan einen Bildschirm eingebaut, in dem ein aus Pornos zusammengesetzter Clip versteckt ist, der ebenso eine Ahnung von seinem Filmschaffen vermittelt wie der aus Einzelbildern montierte Film über die Kirche des Bildhauers Fritz Wotruba am Wiener Georgenberg. Aus Kunstgeschichte und Filmgeschichte nährt sich, was Draschan der Alltagskultur entlockt: Bausteine seiner Bildwelten.

          So könnte „Draschan loves you“, wie die große Schau heißt, beinahe schon als Retrospektive durchgehen. Zumal Draschan, der in seiner Wiener Wohnung unter dem Label „Appartement Draschan“ Ausstellungen seines Kollegenkreises veranstaltet, gleich noch fast alles gehängt hat, was für ihn als Wegbegleiter zumal in Frankfurt relevant war. Werke von Kai Teichmann, Sandra Mann und Manfred Peckl sowie Erinnerungen an die Galerie Fruchtig etwa sind vertreten. Damit ist „Draschan loves you“ auch eine Anknüpfung an die beinahe schon legendäre Schau „My Generation“, mit der Montez einst so richtig losgelegt hatte. Eine Liebeserklärung die, bei aller Skepsis, beinahe auch für die Welt gelten könnte.

          „Draschan loves you“ ist im Frankfurter Kunstverein Familie Montez, Honsellstraße 7, noch bis zum 24. Juli zu sehen und mittwochs bis freitags von jeweils 15 bis 18 Uhr sowie samstags und sonntags von 14 bis 19 Uhr. Weitere Informationen im Internet unter www.kvfm.de.

          Weitere Themen

          Deutschland muss weiter frieren Video-Seite öffnen

          Kälte und Neuschnee : Deutschland muss weiter frieren

          Handschuhe, Mütze und eine dicke Jacke gehören dieser Tage zur Grundausstattung. Denn der Winter zeigt sich von seiner hartnäckigsten Seite und die ganze Republik zittert trotz Sonnenschein bei frostigen Temperaturen.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.