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Ausstellung in Frankfurt : Von Schönheit, Tradition und „Fake News“

30 Jahre lang hat er für die Literatur gearbeitet, jetzt eröffnet Peter Sillem seine Frankfurter Galerie mit Arbeiten Alia Alis.

          Donald Trump ist wieder mal an allem schuld. Nicht wirklich und persönlich vielleicht, doch exemplarisch. Als eine Figur, die dem erstarkenden Nationalismus, und der Tendenz, wie Alia Ali es formuliert, „rund um den Globus Mauern zu errichten“, vernehmlich ein Gesicht und eine Stimme gibt. Immerhin ist die 1985 als Kind bosnisch-jemenitischer Eltern in Österreich geborene Künstlerin selbst Amerikanerin. Mithin darf sich Ali von dem schon während des Präsidentschaftswahlkampfs zunehmend in den Fokus geratenen Diskurs um Immigration und „America first“ selbst gemeint und angesprochen fühlen. Und im Zweifelsfall auch betroffen.

          Christoph Schütte

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Nicht nur insofern freilich darf man die „Borderland“ überschriebene Ausstellung der Künstlerin, mit der nun Peter Sillem seine Frankfurter Galerie eröffnet, durchaus programmatisch nennen. Denn natürlich hat Sillem, der für seinen Traum von einer eigenen Galerie nach 30 Jahren Karriere beim S. Fischer Verlag gekündigt hat, zur Premiere kaum zufällig die Fotoarbeiten Alis ausgewählt. Und nicht etwa die bislang kaum bekannten Zeichnungen des britischen Schriftstellers John Berger, die er gleich im Anschluss von 19. Januar an zusammen mit Arbeiten Jitka Hanzlovás zeigen wird.

          „Andere Perspektive auf die Welt“

          Als in Deutschland noch weitgehend unbekannte Künstlerin, die „aus einer anderen Perspektive auf die Welt schaut“, wie Sillem sagt, als durchaus politisch zu lesende Position auch, lässt sich anhand der aktuellen Serie also auch schon einmal ahnen, was den ehemaligen Lektor und Programmgeschäftsführer als Galerist und Sammler vor allem interessiert. Dabei überrumpeln einen die digitalen, ausschließlich bei natürlichem Licht entstandenen Aufnahmen Alis zunächst mit ihrer schieren Schönheit. Mit prachtvoller, hier und da installativ den Raum erobernder Farbigkeit, traditionell anmutenden Mustern, Techniken und Ornamenten, dass man die in die Stoffe eingehüllten Menschen – Männer, Frauen, Kinder – mitunter um ein Haar übersieht.

          Neu-Galerist: Peter Sillem

          Und schon das, all die von Kopf bis Fuß verhüllten und schon mal im ornamentalen Allover verschwindenden Körper, mag man durchaus ein Statement nennen. Allein, in Alis Bildern bleibt noch stets alles wohltuend offen. Dass etwa die in aller Regel in kleinen, handwerklich organisierten Manufakturen hergestellten Textilien aus Mexiko und Indonesien, Japan und Usbekistan, Indien oder Kenia stammen – und auch die Fotos dort entstanden sind – muss man derweil nicht einmal wissen. Auch wenn dem Betrachter die hübsch boshafte Pointe schon einmal entgeht, dass es sich dabei zu einem Gutteil um gerade jene Länder handelt, gegen die sich abzuschotten Trump ein inneres Bedürfnis zu sein scheint.

          Nichts ist folkloristisch

          Dass es um Identität geht in diesen Bildern, um Individuum und Gesellschaft, um Tradition und Moderne, liegt derweil auf der Hand. Folkloristisch aber ist bei allem Schwelgen in verführerischer Pracht am Ende nichts in diesen Bildern. Vielmehr legt Ali mit den so traditionell anmutenden Stoffen subtil die aller Tradition und jeder Kultur immer schon eingeschriebenen Mechanismen des kulturellen Austauschs offen, sei es durch Reisen, Handel oder Emigration, im Zuge des Kolonialismus oder über die international operierenden Modekonzerne unserer postkolonialen Gegenwart.

          Wenn etwa die bezaubernden nigerianischen Stoffbahnen auf die aus Indonesien stammende Batiktechnik und mithin auf westafrikanische Söldner verweisen, die die Textilkunst einst aus dem fernen Osten mit nach Hause brachten; wenn ursprünglich fremde, aus anderen Kulturen übernommene Details zum festen Bestandteil „traditioneller“ Webtechniken und Trachten werden, dann erweist sich der Begriff der kulturellen Identität als per se prekär insofern, als er seit jeher vor allem offen ist für Einflüsse von außen. Und das Grenzland, von dem Alis Serie im Titel spricht, erweist sich nicht als Niemandsland und hochgesichert, sondern als ein offener Raum: der Begegnung, des Austauschs und der Aneignung kultureller Traditionen. Auch das darf man schon mal politisch nennen. Und einen Albtraum, „Fake News“ womöglich – aus der Sicht etwa des Präsidenten.

          Die Ausstellung in der Frankfurter Galerie Peter Sillem, Dreieichstraße 2, ist noch heute von 14 bis 16 Uhr, Mittwoch von 10 bis 16 Uhr und Donnerstag von 10 bis 18 Uhr geöffnet.

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