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Mexikanische Fotografin : Das Leben, vom Tod umfangen

Mach die Augen auf: „Eyes to fly with?“ Bild: Graciela Iturbide/Colecciones Fundación Mapfre, 2019

Alle Schattierungen der menschlichen Existenz: Das Fotografie Forum Frankfurt zeigt Arbeiten der Mexikanerin Graciela Iturbide. Im Zentrum steht dabei der Tod.

          In Mexiko gilt der Tod als Teil des Lebens. Einer der wichtigsten Feiertage in dem Land ist daher der Día de Muertos, der Tag der Toten, der mit viel Brauchtum vom 31. Oktober, dem Vorabend von Allerheiligen, bis zum Gedächtnis Allerseelen am 2. November gefeiert wird. Die Beschäftigung mit dem Tod als zentrales Motiv künstlerischer Arbeit ist im Fall der mexikanischen Fotografin Graciela Iturbide aber nicht allein nur dem Interesse am Brauchtum ihrer Heimat geschuldet. Eigentlicher Anlass war vielmehr ein persönlicher Schicksalsschlag: 1970 starb Iturbides Tochter plötzlich im Alter von gerade einmal sechs Jahren. Seither ist der Tod ein ständiger Begleiter im Werk der heute sechsundsiebzigjährigen Fotografin, die ihre Karriere als Assistentin des legendären mexikanischen Fotografen Manuel Álvarez Bravo, des Henri Cartier-Bresson Lateinamerikas, begann.

          Christian Riethmüller

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Bravos klare Formensprache in seinen dokumentarischen Serien, aber auch seine symbolisch-phantastischen freien Arbeiten, haben gewiss einigen Einfluss auf Iturbides konsequent in Schwarzweiß ausgeführten Fotografien gehabt, wenngleich sie weder ein mythisches Mexiko präsentiert noch eine, im streng wissenschaftlichen Sinne, ethnographische Perspektive einnimmt. Iturbides Arbeiten stellen sich in die dokumentarische Tradition und bleiben doch rätselhaft.

          Dieses Wechselspiel ist nun im Fotografie Forum Frankfurt zu betrachten, das die große mexikanische Fotografin derzeit in deren erster Retrospektive in Deutschland vorstellt und somit quasi zur Entdeckung einer Künstlerin einlädt, deren Arbeiten zwar auch in einigen hiesigen fotografischen Sammlungen, etwa in der Kunstsammlung der DZ Bank, zu finden sind, die aber in der spanischsprachigen Welt ungleich berühmter ist. Die bemerkenswerte Kollektion von immerhin 115 Fotografien Iturbides, die nun in Frankfurt zu sehen ist, stammt denn auch aus Madrid, wo die Fundación Mapfre, die Stiftung eines spanischen Versicherungsunternehmens, die europaweit größte Sammlung mit Arbeiten der mexikanischen Fotokünstlerin besitzt. Die ausgestellten Werke, die über einen Zeitraum von gut vier Jahrzehnten entstanden sind, stehen dabei für wichtige Phasen im Schaffen einer vielgereisten Fotografin, die sich vor allem mit der Langzeit-Serie „Die Frauen von Juchitán“, die zwischen 1979 und 1988 entstand, einen Namen gemacht hat. Hier dokumentierte sie eindrucksvoll die matriarchalische Gesellschaft im mexikanischen Bundesstaat Oaxaca. Zu den bekannt gewordenen Frauenporträts zählt etwa die poetische Arbeit „Our Lady of the Iguanas“, die eine Frau mit einem bizarren Kopfschmuck aus Leguanen zeigt.

          Eine dunkle Obsession

          Ähnlich eindrücklich sind die Bilder, die Iturbide zuvor im Norden Mexikos gelangen. Beauftragt vom Nationalen Institut für indigene Völker, war die Fotografin in die Sonora-Wüste gereist, um das Leben der dort ansässigen Seri-Indianer zu dokumentieren. Dort entstand im Jahr 1979 die Aufnahme „Angel Woman“, wobei die silhouettenhaft von hinten zu sehende Engelfrau, die da Richtung Wüste stapft, in einer Hinsicht doch sehr irdisch und menschlich wirkt: Sie trägt nämlich einen großen Radiorekorder in der Hand, was der Grund dafür sein dürfte, dass gerade dieses Foto Einzug in die Popkultur gefunden hat – es ziert das Cover der Single „Vietnow“ der amerikanischen Band Rage Against The Machine.

          Bei allem dokumentarischen Gehalt ihrer Bilder, auch jenen der Straßengang „White Fence“ oder jenen von Landschaften, Objekten, Tieren (vor allem Vögel), sind Iturbides Fotos stets von einem eigenen poetischen, mitunter auch surrealistischen Blick der Künstlerin geprägt. Zwar weist sie die Zuschreibung „surrealistische Fotografin“ von sich, doch gerade ihre Selbstporträts wie etwa „Eyes to fly with?“, für das sie sich Vögel an die Augen hält, verweisen auf die tieferen Schichten ihres Selbsts und gleichzeitig auf eine ihrer Obsessionen: Sie kann die Augen nicht verschließen. Auch nicht vor dem Tod.

          Die Ausstellung ist bis zum 30. Juni im Fotografie Forum Frankfurt, Braubachstr. 30–32, zu sehen. Öffungszeiten: dienstags bis sonntags 11 bis 18 Uhr, mittwochs 11 bis 20 Uhr.

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