https://www.faz.net/-gzg-9wibm

Beuys in Darmstadt : Das Fett, das die Gedanken löst

Alter Bekannter: Beuys 1970 im Landesmuseum Darmstadt (Archivbild). Bild: Barbara Klemm; VG Bild-Kunst Bonn

Wie Aktionen und Objekte zusammenhängen: Das Hessische Landesmuseum Darmstadt präsentiert die Ausstellung „Kraftwerk Block Beuys“.

          3 Min.

          Er war ein Romantiker. Darin liegt der Schlüssel zum Werk von Joseph Beuys und nicht etwa in der Anthroposophie, auf deren Begründer Rudolf Steiner er sich allerdings immer wieder bezog, von der Vorliebe, auf Schiefertafeln mit Kreide die Welt zu erklären, bis zu einem Begriff wie „Christus-Impuls“. Aber auch von dieser bis heute so wirkungsmächtigen Reformbewegung des frühen 20. Jahrhunderts führt der Weg zurück in die Zeit um 1800, zur literarischen Frühromantik, als Friedrich Schlegel etwa die Idee einer „progressiven Universalpoesie“ entwickelte, was im Kern nichts anderes meint, als sämtliche künstlerische Gattungen zu mischen und zu verschmelzen, immer wieder zu versuchen, die Einheit von Kunst, Gesellschaft und Natur herzustellen, dabei jedoch aus einem reichen Bildungsfundus zu schöpfen und das Ganze mit Humor anzureichern. Und auch das ist ganz entscheidend: sich aller möglichen Mythologien zu bedienen, um eine neue daraus zu schaffen. All das gehört zum Wesenskern der Beuysschen Avantgarde.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Welt muss poetisiert werden, heißt es bei Novalis, und nichts anderes unternahm der mit der bloßen Fluxus-Provokation nicht zufriedene Beuys, als er aus banalen Materialien und Dingen, aus Alltagsobjekten und jedermann zugänglichen Ingredienzien von Zeitungen bis Würsten mit Bedeutungen aufgeladene Kunst schuf. Alles, was er berührte, änderte seinen Charakter. Während einer Aktion wandelten sich die Stoffe, und auch als Relikte wohnt ihnen eine Kraft inne, die sie dem gewöhnlichen Gebrauch entrückt. Die größte Sammlung von Überresten seiner nachgerade heiligen Handlungen findet sich im Landesmuseum Darmstadt. Der „Block Beuys“, den der Industrielle Karl Ströher einst kaufte und der vor allem dank der Hessischen Kulturstiftung mittlerweile zum Bestand des Hauses zählt, ist von dem Mann mit dem Hut, als der er der bundesrepublikanischen Bevölkerung bekannt war, eigenhändig im April 1970 eingerichtet und in späteren Jahren ergänzt worden. Anlässlich der 50. Wiederkehr des Initialereignisses widmet sich Darmstadt in diesem Jahr mit einem umfassenden Programm Beuys und seiner Hinterlassenschaft in der südhessischen Großstadt. Zudem feiert das Landesmuseum seine Gründung vor 200 Jahren. Das Doppeljubiläum beginnt heute mit einer großen Schau, die den Titel „Kraftwerk Block Beuys“ trägt und mit Fotografien, Filmen, Plakaten, Dokumenten und erläuternden Schrifttafeln in Beuys‘ OEuvre einführen und vor allem Zusammenhänge zwischen seinen Aktionen und Teilen des Beuys-Blocks herstellen möchte.

          Schöpferisches Chaos

          Die Angelegenheit ist komplex. Aber die Schau wirkt didaktisch überambitioniert. Es werden nicht wirklich Verständnisschneisen durch das Werk geschlagen, und es fehlt an Ansätzen, einen Zugang für nicht mit Beuys vertraute Besucher zu ermöglichen. Stattdessen findet eine Musealisierung statt, der man nur entgeht, wenn man die Räume mit den gelegentlich wie abgestellt anmutenden Beuys-Konglomeraten aufsucht. Hier blüht das schöpferische Chaos, nichts ist hübsch arrangiert. Auch wenn sich da und dort etwas als skulpturale Form begreifen lässt, gibt einem das Ganze doch zu verstehen, dass es um etwas anderes geht, als mit interesselosem Wohlgefallen Exponate zu betrachten. 

          Fach 10: Detail aus Hirschjagd von Beuys

          Es könnte auf Unbefangene beunruhigend wirken. Das wäre ein Anfang. Aus der Erklär-Ausstellung lässt sich nur mit einigem Aufwand das Wesentliche herausklauben, um beispielsweise das berühmteste und am meisten missverstandene Objekt aus der Sammlung zu begreifen: Die ungerichtete Energie, die im Fett-Stuhl steckt, appelliert an die Kreativität. Beuys, stets den Schalk im Nacken, war darauf aus, die Gedanken anzuregen. Und in den Leuten überhaupt erst einmal etwas in Bewegung zu setzen. Und sei es die blanke Wut.

          Urväter der Grünen: Plakat von 1979

          Die romantische Vereinigung der Gegensätze: auch dies ist ein Grundprinzip, das der Künstler mit großer Konsequenz verfolgte. Die sich wild ausbreitende Energie in Fett oder Kupfer wird gedämpft, abgeschottet, in einem bestimmten Feld gehalten mittels Filz. Reale stoffliche Eigenschaften und symbolische Bedeutungen überlagern sich. Am Ende aber geht es immer ums Ganze, um die „soziale Plastik“, an der nicht nur der professionelle Künstler, sondern alle arbeiten.

          Merkwürdig sterile Präsentation

          Selbst sein Volksbegriff ist ein romantischer: Er war von der Notwendigkeit von Volksentscheiden überzeugt und wandte sich gegen die „Parteiendiktatur“. So gehörte er auch zu den romantischen Urvätern der Grünen, wenn auch die Ausflüge ins Realpolitische künstlerische Äußerungen, die unter seinem Niveau waren, hervorbrachten: Der Song „Sonne statt Reagan“ ist zum Davonlaufen. Er wird in der Darmstädter Schau aber auch dokumentiert. Sie besticht vor allem mit den Videos von Aktionen wie der 1965 in der Düsseldorfer Galerie Schmela veranstalteten, in der er vorführte, wie man „dem toten Hasen die Bilder erklärt“. Immer wieder gerne sieht man auch die wunderbaren Fotografien von Abisag Tüllmann von einer Aktion im damaligen Frankfurter Theater am Turm mit Beuys und Schimmel auf der Bühne in „Iphigenie/Titus Andronicus“. Großartig die Aufnahmen einer 24 Stunden währenden Performance mit einer nur mühsam den Schlaf abwehrenden Charlotte Moorman.

          Arrangement: kleines Kraftwerk

          So haben die Ausstellungsmacher Etliches mit Fleiß zusammengetragen, und man findet viel Interessantes und Vergessenes. Doch ist die Präsentation merkwürdig steril. Dagegen begehrte der romantische Geist immer auf: Ihm liegt am Utopischen, am großen Weltentwurf, an der Wärme in einer kalten Wirklichkeit. Am Leben. Am lebendigen Geist. Adorno hat der bürgerlichen Gesellschaft Kälte attestiert. Beuys wollte sie überwinden. Umgestalten. Menschlicher machen. Es wäre wert gewesen, das klarer herauszustellen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          CDU-Vorsitz : Wer steht hinter den Kandidaten?

          Eine Kandidatur für den CDU-Vorsitz ist kein leichtes Unterfangen. Wer unterstützt und berät Merz, Spahn, Laschet und Röttgen im Hintergrund?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.