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Ausstellung: „Vergessene Körper“ : Androgyne und athletische Leiber

Im Frankfurter Städel-Museum ist derzeit die Kabinettausstellung „Vergessene Körper: Helmut Kolle und Max Beckmann“ zu sehen und erinnert so an einen fast vergessenen Maler.

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          Auf Vermittlung von Max Beckmann kam 1932 das erste Bild des heute nahezu vergessenen Malers Helmut Kolle ans Städel, sein Schöpfer war zu diesem Zeitpunkt schon tot. 1931 starb er an einem Herzleiden, gerade einmal 32 Jahre alt. 1937 wurde das Bild, das einen jungen Mann mit Baskenmütze darstellte, als „entartete Kunst“ von den Nationalsozialisten beschlagnahmt, seither ist es verschollen. Nach 1945 kamen mehrere Werke des Künstlers, der seinerzeit vor allem in Frankreich sehr gefragt war, in die Sammlung des Frankfurter Museums.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Aus den Weiten des Depots haben Städelschüler und Studierende des Masterstudiengangs Curatorial Studies der Goethe-Universität jetzt drei Ölgemälde Kolles hervorgeholt und konfrontieren sie in einer Kabinettausstellung mit zwei Bronzeplastiken von Beckmann. Dass der Maler auch dreidimensionale Werke geschaffen hat, ist weniger bekannt. Die aufschlussreiche und anregende kleine Schau auf der ersten Städel-Etage vereint somit eher Unbekanntes, das aber zum ästhetischen Erkenntnisgewinn bestens taugt. Beckmann nämlich, so die Kuratoren, habe in seinen Plastiken die Flächigkeit der Malerei aufgenommen, während Kolle mit seinem pastosen Farbauftrag ins Skulpturale dränge. Der Titel der Ausstellung „Vergessene Körper“ bezieht sich auf das Interesse beider Künstler an der Leiblichkeit.

          Das athletische Ideal der Toreros

          Kolle, der mit dem Kunsthändler Wilhelm Uhde liiert war, interessierte sich offensichtlich für die Rollenbilder, auf die das Männliche traditionellerweise fixiert ist, und konterkarierte diese auf vorsichtige Weise. Sein Harlekin etwa, der sich durchaus an Picassos Darstellungen von in sich gekehrten, in Augenblicken der Muße beobachteten Gauklern und Zirkusleuten orientiert, ist eine androgyne Gestalt. Der Hampelmann, den der Junge in der Hand hält, ist uniformiert, und so lässt sich unschwer die Botschaft erkennen, welche Idee von Männlichkeit vorzuziehen ist, die spielerische nämlich der militärisch-harten. „Die drei Toreros“ von 1925 machen, obwohl ihre Sportart einen Gipfel des Machismo darstellt, ebenfalls nicht den Eindruck, als wollten sie einer Virilität entsprechen, der Kampf und Ehre alles bedeuten. Vielmehr hat Kolle die Stierkämpfer in einem Augenblick der Gelöstheit dargestellt, sie wirken nicht wie Angreifer, sondern eher verletzlich. Dagegen zeigt Beckmann die „Tänzerin“ von 1935 in einer Situation äußerster Körperanspannung, und in der Arbeit „Adam und Eva“ von 1936 präsentiert er einen kraftvollen Männerleib und eine winzige Frau, die tatsächlich gerade aus einer Rippe entstanden sein könnte.

          Kolle, der zumeist verhaltene Farben verwendet, hat auch muskulöse maskuline Körper gemalt, deren Vorlagen er in fotografischen Männerakten aus Magazinen fand. In der Städel-Schau entsprechen die Toreros einem athletischen Ideal. Anders als das Selbstporträt, das Ausdruck einer labilen Körperlichkeit und der eigenen Verwundbarkeit zu sein scheint. Man kann darin Hinweise auf seine Herzkrankheit sehen: die verkrampfte Hand auf der Brust, das leuchtend rote Tuch.

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