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Geschichte einer Briefmarke : Freundlich, grimmig, deutsch

Blechbusen-Dame: Germania auf Zehn-Pfennig-Marke Bild: Museumsstiftung Post und Telekommunikation

In der Ausstellung „Germania. Marke & Mythos“ im Frankfurter Museum für Kommunikation geht es um die 1900 eingeführte Briefmarkenserie. Und um viel Geschichte.

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          Andere haben Marianne oder Uncle Sam, wir haben, in Treue fest neben dem Deutschen Michel und dem Gartenzwerg, die Germania. Jahrzehntelang zierte die Frau mit den wehenden Haaren unter der klobigen Krone, eine robuste weibliche Gestalt mit „Blechbusen“, wie einer der damaligen Gestalter sagte, die Briefmarken des Kaiserreichs und auch noch der frühen Weimarer Republik. Am 1. Januar des Jahres 1900 kam das Postwertzeichen in den Verkauf, pünktlich zum neuen Jahrhundert, das freilich erst ein Jahr später begann, aber gefühlt begann ja auch 2000 das neue Millennium. 22 Jahre lang machten die Menschen ihre Postkarten und Briefe mit der Germania frei, ihr Konterfei prangte allerdings nur auf den Pfennigwerten. Die größeren, bis zu fünf Mark teuren Marken waren anderen Motiven vorbehalten. Fünf Mark – das war seinerzeit viel Geld. Das Porto wurde für größere Wertsendungen fällig.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Dame ist ein schönes Beispiel für eine Allegorie, die Personifizierung eines Begriffs, sie ist die Ver(sinn)bildlichung Deutschlands. In der kulturhistorisch aufschlussreichen Schau „Germania. Marke & Mythos“ im Frankfurter Museum für Kommunikation wird jetzt die Geschichte dieses Motivs aufgeblättert. Zu sehen sind etwa die Entwürfe, die seinerzeit erwogen und verworfen wurden, außerdem einige Belege, wie beliebt einst der Name „Germania“ für Bier, Brot, Fahrräder, Studentenverbindungen, Sportvereine und vieles andere war. Dass heute Migranten unter diesem Titel im Netz über ihre Erfahrungen mit der Deutschwerdung berichten, ist ebenso erstaunlich wie das Video zum „Rammstein“-Werk „Deutschland“ mit einer schwarzen Germania und einer, wie manche meinen, nicht unbedingt eindeutigen Botschaft. Die Verkörperung des deutschen Wesens und Strebens ist also präsenter, als man glauben möchte, auch Motorradclubs nennen sich nach ihr, ebenso wie nach wie vor viele Vereine. Sie sei durch die Geschichte diskreditiert, mögen da manche der Auffassung sein, tatsächlich aber spielte sie im Nationalsozialismus gar keine so große Rolle und hat, historisch gesehen, zwei ziemlich unterschiedliche Gesichter. Da ist zum einen die freundliche Germania, die 1848 in der Paulskirche die Nationalversammlung überblickte und Einheit sowie Freiheit anmahnte. Und dann ist da die grimmige Walküre, die am Vorabend des Ersten Weltkriegs die Deutschen zur Schlacht ermutigte.

          Der Coup wurde genau geplant

          Bis die Germania das Licht der philatelistischen Welt erblickte, dauerte es geraume Zeit. Der Coup wurde genau geplant. Zahlreiche Vorschläge kamen auf den Tisch, etliche gestalterische Ideen wurden geprüft, und das Ergebnis, auf das sich die Verantwortlichen der Reichspost letztlich verständigten, rief dennoch sofort die Kritiker auf den Plan. Ihr Haupt, hieß es etwa, habe überhaupt nicht den Raum, den es benötige, und die Spitze der Krone gehe durch den Rahmen und stoße oben am Bildrand an. Mit Schwert, Eichenlaub und einer Brustpanzerung mit nachgerade Op-artigen Effekten wurde sie dennoch zur besten Vertrauten des kommunikativen Untertans von Kaiser Wilhelm II.

          Die Kaiseryacht Hohenzoller: Post, die von den deutschen Kolonien aus verschickt wurde, schmückte dieses Schiff.

          In der Ausstellung erfahren wir unter anderem, dass das real existierende Vorbild für die Darstellung auf der Marke die Schauspielerin Anna Führing, verehelichte von Strantz, war. Auf den Mark-Werten sind repräsentative Darstellungen aus dem Kaiserreich zu sehen wie das Reichspostamt in Berlin und eine Szene aus der Reichsgründungsgedenkfeier im weißen Saal des Berliner Schlosses mit dem Herrscher in der Mitte. Dieses kleinteilige Motiv wurde ebenso wie das der Enthüllung des Denkmals für Kaiser Wilhelm I. in zahlreichen Versionen erstellt, bis auf der endgültigen der herrschende Monarch in der entsprechenden Pose und Größe, nicht als einer unter vielen, sondern als der Eine und Einzige zu voller Geltung kam. Kurios wirkt heute der Handschlag auf dem Zwei-Mark-Postwertzeichen, das die Personifikationen des Nord- und des Süddeutschen zeigt, der eine mit den Rügener Kreidefelsen, der andere mit den Alpen im Rücken.

          Post, die von den deutschen Kolonien aus in die Welt ging, schmückte nicht die Germania, sondern ein stolzes Schiff, die Kaiseryacht SMS Hohenzollern. Auch diese Marken, die jeweils mit dem Namen der Kolonien von Kamerun bis Kiautschou versehen waren, wurden im Jahr 1900 eingeführt. Sie sehen immerhin nach weiter Welt und froher Fahrt aus, auch wenn sie den von Reichskanzler Bernhard von Bülow 1897 erhobenen imperialistischen Anspruch ins Bild setzten, Deutschland brauche einen „Platz an der Sonne“. (Bis 31. Mai.)

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