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Ausstellung : Schwarzweiße Ikonen mit surrealem Witz

Selbstinszenierung: eines der „Maskenfotos“, die Gertrud Arndt um das Jahr 1930 aufnahm und die jetzt in Darmstadt ausgestellt werden. Bild: Kunsthalle

Die Ausstellung „Bauhaus und Neues Sehen“ in der Darmstädter Kunsthalle zeigt drei Fotografinnen.

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          „Eigentlich wollte ich ja Architektin werden.“ Eingedenk ihrer Lehrjahre in einem Erfurter Architektenbüro und vor allem ihrer erst unlängst im Berliner Bauhaus-Archiv gezeigten Zeichnungen aus den frühen zwanziger Jahren erscheint der Wunsch der Weimarer Studentin im Rückblick keineswegs verwegen. Dass es anders gekommen ist und Gertrud Arndt (1903-2000), wie fast alle Frauen am Bauhaus, nach der Vorklasse umstandslos in der Webereiklasse gelandet ist, mag man insofern zunächst dem von macht- und karrierebewussten Männern dominierten Lehrkörper zuschreiben.

          Christoph Schütte

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Dass sich Arndt derweil zwar als Textilkünstlerin rasch einen Namen machte, als Fotografin aber erst in den achtziger Jahren überhaupt entdeckt und sogleich bekannt geworden ist, lässt sich dagegen vornehmlich aus der Haltung der Künstlerin erklären, die die Fotografie als Kunstform offensichtlich selbst nicht ernst nahm und nach eigener Aussage vornehmlich „aus Langeweile“ betrieb. Dabei, so zeigt die „Bauhaus und Neues Sehen“ überschriebene Ausstellung in der Darmstädter Kunsthalle, die mit Lucia Moholy, Gertrud Arndt und Elsbeth Juda drei herausragende fotokünstlerische Positionen der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts vorstellt, ist Arndts nur wenige Jahre umfassendes Schaffen ihrer Zeit weit voraus.

          Erfrischend unkonventionell

          Das gilt vor allem für ihre etwa 40 um 1930 entstandenen Arbeiten der „Maskenfotos“, für die sie sich selbst als Vamp und fromme Helene, als Geisha oder Stummfilmstar inszenierte und damit den von männlichen Projektionen gelenkten Betrachterblick als solchen fokussierte. Man kann kaum umhin, diese aus einer Laune heraus entstandene, aber erstaunliche Serie als eine Konzeptarbeit avant la lettre zu würdigen. Jenseits des biografischen Moments freilich stehen die beiden anderen Positionen dieser schlicht wunderbaren Schau dem Bauhaus deutlich näher. Besonders freilich Lucia Moholy (1894-1989), deren Fotografie laut Kunsthallenleiter Peter Joch nicht nur „gnadenlos besser ist“ als die ihres deutlich bekannteren Mannes László Moholy-Nagy. Sie war auch die Erste am Bauhaus, die überhaupt fotografierte und mit ihren Aufnahmen unser Bild der Avantgarde bis in die Gegenwart entscheidend prägte. Vor allem ihre in den zwanziger und dreißiger Jahren entstandenen, zu Ikonen gewordenen Schwarzweißfotos vom Bauhaus Dessau mit stürzenden Linien und kühnen Perspektiven, das subtile Spiel mit Raum und Fläche, Licht und Schatten, kurzum: ihr Blick auf die Architektur, ihre Porträts und die aufwendig und edel inszenierte Produktfotografie stehen exemplarisch für die Ästhetik des Bauhauses und das daraus hervorgegangene Neue Sehen.

          Der in Darmstadt geborenen, heute 102 Jahre alten Elsbeth Juda ist der von ihrer Lehrerin Moholy maßgeblich geprägte Stil auch in den von ihr bevorzugten Genres derweil schon selbstverständlich. Ihr Humor und ihr geradezu surrealer Witz aber, mit dem sie sich schon während des Zweiten Weltkriegs im englischen Exil und verstärkt in den vierziger und fünfziger Jahren als Werbe- und Modefotografin einen Namen machte, erscheinen auch heute noch erfrischend unkonventionell. Ob sie das damals weltberühmte Model Barbara Goalen auf einer Druckmaschine, im Trockenbecken oder gemeinsam mit einfachen Arbeitern in einem Setting inszeniert, ob sie mit ihrer zweiäugigen Rolleiflex Dandys, die Arbeiter einer Spinnerei oder den alten Winston Churchill fotografiert: Judas Blick ist stets konzentriert der eigenen Gegenwart verpflichtet. Und zugleich ganz und gar modern.

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