https://www.faz.net/-gzg-6u4uq

Ausstellung : Nahrungsmittel, Flugzeuge, Vögel in Massen

Ein Isländer in Paris widmet sich der unendlichen Fülle der Waren und Bilder: Die Ausstellung „Erró. Porträt und Landschaft“ in der Schirn.

          2 Min.

          Reduktion, Vereinfachung, Abstraktion, Gegenstandlosigkeit, Leere: Der Hauptstrom der Kunst hat sich nach 1945 an den Dingen vorbeibewegt. Die Pop-Artisten und andere Verfechter einer neuen Objektzugewandtheit schwammen seit Ende der fünfziger Jahre dagegen an. Mit großem Erfolg. Aber keiner hat sich den Sachen, die in den modernen Waren- und Medienwelten zur Verfügung stehen, derart obsessiv und bedingungslos hingegeben wie der 1932 im isländischen Ólafsvík geborene Guðmundur Guðmundsson. Ende der fünfziger Jahre zog der Künstler, der sich Erró nannte, nach Paris, machte sich das schon von den frühen Avantgardisten aus dem ersten Drittel des 20.Jahrhunderts propagierte Verfahren der Collage zu eigen, blieb dabei jedoch immer Maler und insofern einer Tradition verpflichtet, die auf Akkuratesse, altmeisterliche Pinselführung, exakte Darstellung Wert legte.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Errós Gemälde sind von einer Detailgenauigkeit, die ebenso überwältigend wirkt wie ihre Versessenheit auf Fülle. Davon kann sich das Publikum von heute an in der Frankfurter Schirn Kunsthalle überzeugen, wo die Schau „Porträt und Landschaft“ mit Arbeiten aus zwei großen Werkgruppen zu sehen ist. Seit 40 Jahren nicht mehr gezeigt wurde der Zyklus „The Monsters“ mit Porträts von Prominenten aus Geschichte und Gegenwart. Sokrates und Churchill finden sich darunter, Sophia Loren und Charlie Chaplin. Eine doppelte Doppelung zeichnet die Bilder aus: Jedes zeigt die wiedergegebene Person zweimal, und jedes dieser Bildnisse besteht wiederum aus einer eher alltäglichen und einer monströsen Antlitzhälfte.

          Das ohnehin schon große Format dieser Bilder fasst eigentlich nicht, was an Phänomenen vorhanden ist

          Der Horrorfilm stand offenbar Pate. Geschichten von Werwölfen bilden einen Hintergrund, denn oft sind die Monsteranteile durch struppige Behaarung aller möglichen Gesichtspartien gekennzeichnet. Erró arbeitet gleichermaßen das Tier in Beethoven und Stalin heraus, als handele es sich beim Homo sapiens um eine prinzipiell zu allem fähige Kreatur. Die plakative Hässlichkeit dieser Serie aus dem Jahr 1968 kann somit durchaus als politisch motivierte ästhetische Entscheidung und als Generalkritik an den Mächtigen, seien es solche im Staat oder in der Kulturindustrie, verstanden werden. Der serielle Charakter, den das gesamte Œuvre des Meisters aus Island hat, eignet auch den Monsterporträts: Sie lassen sich als beliebig fortsetzbar denken, es gäbe gewiss noch viele, die sich in dieser Art darstellen ließen.

          Die Masse der Gegenstände, die Vielzahl der Bilder, die Überfülle des Seienden sind das grundlegende Thema der „Scapes“. Es sind nicht wirklich Landschaften, die der Maler darauf präsentiert, sondern eng zusammengedrängte, unter einen Begriff gefasste Variationen von Motiven. Auf dem wohl bekanntesten und ersten Gemälde dieser 1964 begonnenen und über Jahrzehnte vorangetriebenen Serie sind lauter Nahrungsmittel zu sehen, es ist eine endlose Menge an Essbarem, gänzlich unübersichtlich und doch fein säuberlich geordnet. „Foodscape“ heißt das Werk, das schon einmal in der Schirn zu besichtigen war, bei der „Shopping“-Ausstellung nämlich, und Andreas Gurskys Großfotos mit dem gleichen Sujet malerisch vorweggenommen hat. Innereien, Vögel, Flugzeuge, aber auch kryptischere Objekte, etwa auf dem „Lovescape“, verteilen sich wie auf einer Pollockschen „All over“-Leinwand und können als endlos weiterzuführen gedacht werden.

          Das ohnehin schon große Format dieser Bilder fasst eigentlich nicht, was an Phänomenen vorhanden ist. Es gibt viel zu entdecken, fangen wir erst gar nicht an, alles aufspüren zu wollen. Kunst, Politik, Propaganda werden Teil eines collagierten Gegenwartskosmos. Isländisches ist dabei erst einmal nicht auszumachen. Aber man fragt sich, ob die Erfahrung eines dünnbesiedelten Landes mit einer monotonen, auf Außenstehende sehr beruhigend wirkenden Landschaft Erró einst motiviert hat, genau das Gegenteil davon zum Inhalt seiner Kunst zu machen. Bei allen grotesken, humorvollen und gesellschaftskritischen Anteilen, die sie auch hat, scheint sie doch einem tiefsitzenden Antrieb zu folgen: Sie wehrt sich manisch gegen die Leere, das Nichts, den Tod.

          Weitere Themen

          „Ein einfacher Einbruch“

          Prozess gegen Bankräuber : „Ein einfacher Einbruch“

          Schüsse, flüchtende Täter und eine Verfolgungsjagd: Ein spektakulärer Bankraub in Mitten von Frankfurt beschäftigt das Landgericht. Der Prozess gegen vier Sparkassen-Diebe beginnt mit einem Geständnis.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.