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Ausstellung : Literarische Bilder, malerische Texte

  • -Aktualisiert am

Milch in Cola-Flaschen: Szene aus Jordan Wolfsons Video-Arbeit „Con Leche“. Bild: Abbildung Nassauischer Kunstverein

Die Welt ist voller Poesie. Das zeigt auch eine Ausstellung im Nassauischen Kunstverein in Wiesbaden.

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          Die Welt ist voller Poesie. Nur bleibt diese Poesie bisweilen im Verborgenen. Das scheint Natalie Czech sagen zu wollen, wenn sie in Zeitungs-, Magazin- oder (Kunst-)Katalogtexten einzelne Wörter unterstreicht, einkringelt oder mit Leuchtstiften markiert, die zusammengenommen ein Gedicht ergeben. Das nimmt diesen Dokumenten viel von ihrer Nüchternheit. Es tröstet auch: Übersehenes geht nicht verloren, sondern wird bei Betrachtung und Lektüre unweigerlich mit aufgenommen. Der Titel von Czechs Ausstellung „Hidden Poems“ im Wiesbadener Nassauischen Kunstverein jedenfalls ist damit schon erklärt.

          Zwischen unlyrischen Worten spürt die 1976 geborene einstige Meisterschülerin von Thomas Ruff an der Düsseldorfer Akademie nicht nur Sprachbilder auf, sondern lässt auch konkrete Bilder entstehen: Die Worte aus Apollinaires „Pleut“ etwa oder Frank O’Haras „Small Bouquet“ nehmen Gestalt an und regnen buchstäblich über Buchseiten oder formen sich zu einem kleinen Strauß. In den Texten, die andere Autoren - in Czechs Auftrag - um die berühmte Lyrik herum geschrieben haben, würde sie sich verlieren, wenn die Künstlerin sie nicht mit rotem Stift wieder hervorgeholt hätte. Literarische Bilder, malerische Texte: Die Gattungen verschmelzen. So poetisch kann Konzeptkunst sein. Das gipfelt in einem monochrom weißen „Blatt“, das zunächst an Malewitschs Suprematismus denken lässt, aber das genaue Gegenteil dieses Sinnbilds absoluter Gegenstandslosigkeit ist. Statt dessen komprimiert die aus Ingeborg-Bachmann-Büchern geschöpfte Arbeit eine größer kaum denkbare metaphorische Fülle zu rechteckiger, flacher, fester Form. Der Titel „Adieu Ihr schönen Worte“ zitiert ein Gedicht aus dem Nachlass der Autorin, in dem sie ihre Schreibblockade zum Thema macht und dafür doch die schönsten Worte findet.

          Es lohnt der Weg bis unters Dach

          Parallel zu Natalie Czech stellt Florian Heinke auf der zweiten Etage der Kunstvereinsvilla aus. Die sehr viel radikalere Position des 1981 geborenen ehemaligen Städel-Schülers drückt sich schon in einer ausschließlich auf Schwarz beschränkten Palette aus. Auf bisweilen monumentalem Format dient ihm diese Extremform der Hell-dunkel-Malerei als Ausdruck einer politischen Haltung. In seinen an massenmedialen Vorlagen orientierten, aber trotz eines gleichsam nicht vorhandenen Farbspektrums beinahe altmeisterlich gemalten Bildern geht es um Straßenkämpfe, Revolten, Protest, sie hätten damit auch gut in die gegenwärtige Ausstellung „Demonstration“ im Frankfurter Kunstverein gepasst. Wenn man es nicht besser wüsste, käme man nicht auf die Idee, es mit dem jungen Werk eines jungen Künstlers zu tun zu haben - nicht nur wegen der reifen Malweise, sondern auch wegen einer Revolutionsästhetik, die Betrachter um Jahrzehnte zurückversetzt. Diesen Eindruck unterstützen nicht nur der „povere“ und bannertaugliche Malgrund aus Nessel-Stoff, sondern auch durch die Ausstellungsräume tönende Protestlieder wie Bob Marleys „Redemption Song“. Der Erlöser aber hält eine Kalaschnikow und trägt Palästinensertuch. Davon, dass die Welt vielleicht doch noch besser wird, kündet ein Bild voller Schmetterlinge.

          Es lohnt nicht zuletzt den Weg bis nach oben unters Dach, wo im Kabinett Jordan Wolfsons Video-Arbeit „Con Leche“ zu sehen ist und Cola-Flaschen zu Ton-Fragmenten aus dem Internet gegen den medialen Overkill aufmarschieren.

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