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Ausstellung in Wetzlar : Als Hitler vor Gericht nervös wurde

Zu sehen in Wetzlar: 1930 stehen der Pazifist Ernst Friedrich (Mitte) und der Schriftsteller Erich Mühsam (rechts) wegen sittenwidriger Schilderungen vor Gericht; links ihr Verteidiger Hans Litten Bild: Landesarchiv Berlin

In Wetzlar zeigt das Reichskammergerichtsmuseum erstmals Fotos des Gerichtsreporters Leo Rosenthal. Es will fortan mehr Ausstellungen zur deutschen Rechtsgeschichte zeigen.

          Angespannte Gesichtsmuskeln, starrer Blick, den Oberkörper nach vorn gebeugt: Die Haltung entspricht so gar nicht dem, wie sich der Demagoge später bei Massenaufmärschen inszenierte. In dieser Pose zu sehen ist Adolf Hitler auf einem Foto, das ihn im Gerichtssaal zeigt. Anlass für das Verfahren vor einem Berliner Gericht im Mai 1931 war der bewaffnete Überfall eines SA-Trupps auf die Teilnehmer einer Veranstaltung des Arbeitervereins Wanderfalke im Tanzpalast „Eden“. Der renommierte Anwalt Hans Litten hatte als Vertreter der Nebenklage im sogenannten Edenpalast-Prozess erwirkt, dass Hitler als Zeuge vorgeladen wurde. Der Jurist wollte nachweisen, dass die brutalen Überfälle von Nazi-Rollkommandos eine genau geplante Taktik der NSDAP zur Destabilisierung der Weimarer Republik darstellten. Die Vernehmung hatte zur Folge, dass gegen Hitler wegen Meineids ermittelt wurde. Er hatte sich vor Gericht gewunden und behauptet, die SA habe keine Waffen. Hitler rächte sich übrigens später und ließ Litten gleich nach der Machtübernahme in „Schutzhaft“ nehmen.

          Wolfram Ahlers

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für Mittelhessen und die Wetterau.

          Die Aufnahme des nervös wirkenden Hitler stammt von dem Gerichtsreporter Leo Rosenthal, der zu den bedeutenden seiner Zunft in der Weimarer Republik zählte. Eine Auswahl seiner Fotos von Prozessen aus den späten zwanziger Jahren bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 ist derzeit im Reichskammergerichtsmuseum in Wetzlar zu sehen. Die Exponate stammen aus dem Landesarchiv Berlin.

          Neues Konzept für das Museum

          Anlass für die Schau gab nach Angaben von Anja Eichler, Leiterin der städtischen Museen und Gestalterin der Präsentation, ein neues Konzept für das Museum. Man will öfter als bislang Ausstellungen zu verschiedenen Themen rund um die deutsche Rechtsgeschichte aufbauen, um noch mehr Besucher in dieses Spezialmuseum zu locken.

          Obwohl Rosenthals Fotografien in der Weimarer Zeit ein breites Publikum hatten und für Aufsehen sorgten, weil ihm häufig ungewöhnliche Motive gelangen, geriet sein Werk weitgehend in Vergessenheit. In den späten sechziger Jahren hatte Rosenthal seinen aus etwa 3000 Fotos und Glasnegativen bestehenden Nachlass aus den Berliner Jahren zum Kauf angeboten, aber erst nach einigem Zögern erwarb die Landesbildstelle Berlin die Bestände. Als brauchbar erwies sich allerdings nur die Hälfte der Fotos.

          Bis vor wenigen Jahren harrte die Sammlung Rosenthal der Aufarbeitung. Erst 2009, anlässlich des 40. Todestages von Rosenthal, widmete sich im Berliner Landesarchiv erstmals eine Ausstellung seinem frühen fotografischen Werk. Durch eine aus dieser Präsentation hervorgegangene Publikation wurde die Wetzlarer Museumsleiterin auf Rosenthal aufmerksam und war fasziniert von der kaum bekannten zeitgeschichtlichen Dokumentation, wie sie sagt. Sie nahm Kontakt mit Berlin auf und stellte in Kooperation mit den Kuratoren der Sammlung gut 40 Exponate für die Präsentation in Wetzlar zusammen, darunter auch einige, die speziell für die Ausstellung im Reichskammergerichtsmuseum aufgearbeitet wurden.

          Außer politischen Prozessen war es eine zunehmende Zahl von Kapitalverbrechen und spektakulären Betrugsdelikten, die Richter und Öffentlichkeit in den späten zwanziger und frühen dreißiger Jahren beschäftigten. So etwa der Prozess gegen den Mörder der Opernsängerin Gertrud Bindernagel im Moabiter Gerichtssaal Anfang 1933, wo es Rosenthal gelang, den der Tat überführten Ehemann, den Bankier Wilhelm Hintze, bei der Urteilsverkündung in den Fokus seiner Kamera zu rücken.

          Gefälschte Bilder im Stil von Vincent van Gogh boten schillernde Motive für eine Fotoserie in der Verhandlung gegen den Kunsthändler Otto Wacker im Sommer 1932, bei der nicht nur prominente Fachleute wie Julius Meier-Gräfe aussagten, sondern dem Gericht sogar der Neffe des Malers, Wilhelm van Gogh, Rede und Antwort stehen musste. Einen Platz in der ersten Reihe ermöglichte Rosenthal dem Betrachter auch beim Prozess gegen den Pazifisten Ernst Friedrich Anfang 1930, dem sittenwidrige Schilderungen in einem Zeitschriftenbeitrag vorgehalten wurden und der zu seiner Verteidigung unter anderem den Schriftsteller Erich Mühsam aufgeboten hatte.

          Es war freilich nicht nur die Prominenz im Verhandlungssaal, die Rosenthal vors Objektiv holte. Er blickte auch gern hinter die Kulissen, lichtete beispielsweise Reinigungspersonal beim Säubern der Gerichtsflure ab und hielt das Treiben in der Gerichtskantine mit der Kamera fest. Auch das zeigt die Ausstellung.

          Für den „Vorwärts“ tätig

          Rosenthal, 1884 geboren, wuchs in einer bürgerlichen jüdischen Familie in Riga auf und arbeitete zunächst als Jurist. Viele Jahre lang war er als Anwalt in Moskau tätig, wo er nach der Machtübernahme der Kommunisten als bürgerlicher Intellektueller aus dem Ausland mit Berufsverbot belegt wurde. Also ging er nach Berlin, wo sich in den zwanziger Jahren viele Juden aus Osteuropa niedergelassen hatten.

          Rosenthal schloss sich der SPD an und begann eine Karriere als Journalist. Von 1920 bis 1933 war er vor allem für den „Vorwärts“ als Gerichtsberichterstatter tätig. In dieser Zeit machte er sich als Pionier der Gerichtsfotografie einen Namen. Denn während der Verhandlungen zu fotografieren war seinerzeit noch weitgehend untersagt. So tat er es meist heimlich, was immer wieder zu bemerkenswerten Schnappschüssen führte, die von Zeitungen mit liberaler und sozialdemokratischer Ausrichtung gern genommen wurden. Der Verfolgung durch die Nazis entging er, weil er sich zeitig in seine alte Heimat absetzte. Als er auch dort nicht mehr sicher war, emigrierte Rosenthal 1942 über Frankreich und Marokko nach Amerika. Dort begann er nach 1945 seine dritte Karriere - als Fotograf für die Vereinten Nationen.

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