https://www.faz.net/-gzg-8c85c

Ausstellung in Friedberg : Alle Farben dieser Erde

„Meine Poesie ist die Welt“: Blick in die Ausstellung mit Arbeiten der Serie „from earth“ von Herman de Vries Bild: Hannes Siller

Seit Jahrzehnten sammelt Herman de Vries auf der ganzen Welt Erden - ein paar tausend sollen es inzwischen sein. In der Friedberger Galerie Hoffmann sind die monochromen Blätter zu sehen.

          Da hat er sich was eingebrockt auf seine alten Tage. Auch wenn es keinen Zweifel geben kann, dass Herman de Vries den gewaltigen Rummel allemal verdient hat, der über ihn hereingebrochen ist, seit feststand, dass er auf der vor wenigen Wochen zu Ende gegangenen Biennale in Venedig den niederländischen Pavillon bespielen würde. Seither folgt Ausstellung auf Ausstellung, aber auch, wie er gelegentlich beklagte, Interview auf Interview mit den im Grunde immer gleichen Fragen. Wo sich doch das ganze Werk des mittlerweile 84 Jahre alten, zurückgezogen in Unterfranken lebenden Künstlers darum dreht, vom Autor und der eigenen Person zu abstrahieren.

          Christoph Schütte

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Das galt schon für seine frühen Arbeiten, wie sie erst im vergangenen Frühjahr im Rahmen der großen Berliner Zero-Ausstellung zu entdecken waren. Und mit frühen, im Kontext der Gruppe „nul“ einzuordnenden Papierarbeiten wie „random objectivation“ aus dem Jahr 1968 oder den „random dots“ setzt auch die höchst sehenswerte, retrospektiv angelegte Schau ein, die ihm nun die Friedberger Galerie Hoffmann in der Ausstellungshalle Ossenheim eingerichtet hat. Freilich kann auch die schlicht „Zufall“ überschriebene Werkschau nicht erklären, wie de Vries von den noch wesentlich konkreten, vom gelenkten Zufall bestimmten Zeichnungen über die weißen Bilder zu jenem Punkt gelangte, an dem es einfach nicht mehr weiterging. Und alles gleichsam noch einmal von vorn begann.

          Vries geht es noch immer um die Form

          Dabei erscheint der Zusammenhang zwischen den Werkphasen evident. Das Vokabular aber und die bevorzugten Materialien sind nun gänzlich andere. „Terre, vie et poésie“, war eine von de Vries früheren Ausstellungen überschrieben, und das trifft den Geist, der seine Kunst im Grunde immer schon beseelt, bei genauerer Betrachtung recht genau. Der Schritt aber von den ganz und gar abstrakten, nach klaren Prinzipien organisierten Werken der sechziger und siebziger Jahre hier zu den beinahe ausschließlich aus dem Umgang mit natürlichen Materialien - Blätter, Ästchen, Rosenknospen - entstandenen Bildern und Installationen der vergangenen 40 Jahre dort ist nichtsdestotrotz gewaltig.

          Zwar lösen sich die strengen Raster etwa in den Skizzenbüchern schon Mitte der siebziger Jahre allmählich auf. Doch so sehr er sich zurücknimmt, am Ende geht es auch de Vries in seiner Kunst noch immer um die Form. Das gilt selbst für die Sammlung der „Objets trouvés“ des „Journal de Palma“, das wie ein Herbarium zwar allerlei Farne, Gräser, Wurzeln und dergleichen in Objektrahmen versammelt, aber eben auch zerbrochenes Glas, ein Stückchen Pappe oder eine plattgetretene Getränkedose. Und es gilt naturgemäß für die Auswahl der Papierarbeiten der schlicht großartigen Werkgruppe „from earth“, mit denen er in Friedberg-Ossenheim geradeso wie auf der Biennale in Venedig eine ganze Wand bespielt.

          Kein Bild gleicht dem anderen

          Seit Jahrzehnten schon sammelt de Vries Erden aus der ganzen Welt, ein paar tausend sollen es inzwischen sein, und es brauchte Jahre, bis er sich entschließen konnte, sie nicht nur in seinem „Erdmuseum“ aufzuheben und in Kartons zu archivieren, sondern auch etwas damit zu machen. Seither entstehen ganze Serien von Blättern, von mit bloßen Händen ins Papier geriebenen Erden, die er mal nach Farben und Verläufen, mal nach der Herkunft anordnet und präsentiert.

          Von Kalk- und Cremeweiß über Beton- und Schiefergrau bis Anthrazitfarben und Schwarz, von Zartgelb über Lehmig schweres Ocker, Orange und Lachsfarben bis zu einem tiefen warmen Ziegelrot und Hell- und Dunkel- und endlich Schokoladenbraun reicht die Palette. Und nie gleicht unter Dutzenden oder auch Hunderten von monochromen Blättern eins dem anderen. „Meine Poesie ist die Welt“ ist eines von de Vries‘ zahlreichen Büchern überschrieben. Doch in Wahrheit ist es umgekehrt. Es ist die Kunst, die erst die Welt und all die Wunder der Natur in nichts als Poesie verwandelt.

          Weitere Themen

          „Omas gegen rechts“ kontern mit Respekt

          Demokratie verteidigen : „Omas gegen rechts“ kontern mit Respekt

          Auch Großmütter wenden sich gegen Rechtsextremismus. In Gießen hat Dorothea von Ritter-Röhr einen Ableger der Bewegung gegründet, die aus Österreich stammt. Zusammen mit 180 anderen Frauen will sie die Demokratie verteidigen.

          Topmeldungen

          Miet- und Kaufpreise in Europa : Schlimmer geht immer

          Deutschland ächzt unter hohen Mieten und teuren Immobilien. Doch anderswo in Europa ist die Lage weitaus dramatischer – kein gutes Zeichen.

          Ich und das Klima : Du sollst verzichten

          Die Deutschen müssen ihr Leben ändern, sagen die einen. Was die Deutschen machen, ist der Welt egal, behaupten die anderen. Was kann der Einzelne wirklich bewirken?

          Umstrittener Backstop : Was will Boris Johnson?

          In einem Brief an EU-Ratspräsident Donald Tusk kritisiert der britische Premierminister die „Backstop“-Regelung zur irischen Grenze und schlägt „alternative Vereinbarungen“ vor. Er stößt jedoch auf wenig Gegenliebe.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.