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Ausstellung in Darmstadt : Auf Knien in die Liebeslaube

  • -Aktualisiert am

Gregor Schneider ist kein Skandalkünstler, er denkt nur konsequent. Das zeigt eine Ausstellung auf der Darmstädter Mathildenhöhe.

          Wer 2001 die Kunst-Biennale von Venedig gesehen hat, wird sich immer daran erinnern: an den Deutschen Pavillon, den man im Moment des Eintretens wieder zu verlassen schien. Plötzlich stand man auf fremdem, buchstäblich unsicherem Terrain. Gregor Schneider hatte den Ausstellungsort mit Teilen seines Elternhauses zugebaut, führte die Besucher in einem auch körperlich fordernden Auf und Ab über schmale Stiegen, durch enge Tunnel oder in tote Ecken. Er bekam dafür den Goldenen Löwen.

          Die Welt verbindet ihn seither mit seinem „Haus u r“, dem die Anfangsbuchstaben des Standortes in der Unterheydener Straße im Mönchengladbacher Stadtteil Rheydt den Titel geben. Nicht vergessen sind allerdings auch gescheiterte Pläne, einen der Kaaba in Mekka ähnelnden schwarzen Kubus auf dem Markusplatz zu errichten, einen sterbenden Menschen im Museum auszustellen und ähnliche Vorhaben, die Schneider den Ruf als Skandalkünstler eintrugen. Unter dem er leidet. Denn er ist kein Skandalkünstler. Er denkt nur sehr konsequent.

          Eines seiner Themen: Folter

          Ganz hervorragend führt das die bemerkenswerterweise erste Überblicksschau über das Werk des 1969 geborenen Bildhauers vor Augen, die ihm das Museum Künstlerkolonie auf der Darmstädter Mathildenhöhe aus Anlass der Verleihung des Wilhelm-Loth-Preises 2014 eingerichtet hat. Auch dieser Ort wirkt durch Schneiders Raum-im-Raum-Konstruktionen völlig verändert. Der Rundgang beginnt in einer Zelle. Kaltweiße Wände, brutales Neonlicht, Klo und Waschbecken aus Stahl, eine Pritsche, auf der der Gast es sich gern bequem machen darf.

          Krachend fällt die Schiebetür ins Schloss. Die Lüftung sendet einen Dauerton, während armdicke Schaumstoffdämmung dafür sorgt, dass andere Geräusche draußen bleiben. Totale Isolation. Dass die Situation von Fotos aus Guantánamo inspiriert ist, tut gar nicht viel zur Sache. Es geht darum, was Menschen imstande sind, anderen Menschen anzutun: um Folter. Das erfährt man allerdings nur dann am eigenen Leib, wenn man dort allein ist. Personal wacht deswegen streng darüber, dass sich nicht mehr als zwei Menschen auf einmal in diesem Environment aufhalten.

          Schneiders künstlerische Keimzelle

          Gleiches gilt für die „Liebeslaube“, in die man nur auf Knien gelangt und die ihren Namen freilich nicht verdient. Aus ihrer Einrichtung spricht Nachkriegskargheit: schmales Bett, Badewanne, zwei Kochplatten und im Wandschrank ein paar ohne erkennbaren Gestaltungswillen hergestellte Geschirrteile. Das Geheimnis, das auch dieser in seiner Banalität einerseits vertraut, andererseits fremd wirkende Raum zu bergen scheint, entsteht nicht durch Inszenierung, sondern im Gegenteil durch Authentizität: Es handelt sich um ein originales Zimmer, das Schneider in Rheydt aus- und in Darmstadt wieder eingebaut hat.

          Fotografien und Videos von sich öffnenden und schießenden Türen, von schwarzen Löchern und beschwerlichen Wegen durch entkernte Mauern vervollkommnen das Bild vom Raum als Schneiders künstlerischer Keimzelle und weisen ihn zugleich als klassisch komponierenden Fotokünstler aus.

          Der Rundgang führt dann aber auch wieder heraus aus den Räumen, in denen sich der Mensch seiner Existenz bewusst wird und Psychologie zu etwas Körperlichem zu werden scheint, hinauf zu den jugendstiligen Einrichtungsstücken der Schausammlung. Dort hat sich der aktuelle Loth-Preisträger zwei kleine Interventionen erlaubt: In einer der Vitrinen steht ein mit kruden Gegenständen gefüllter Karton zwischen historischem Porzellan. Eine weitere Qualität von Schneiders Werk kommt unterdessen mit der Fotografie eines heruntergekommenen Büroraums ans Licht, die wie ein Wohnzimmerbild über einem Ensemble aus genau 100 Jahre älteren Möbeln hängt: Ironie.

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