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Ausstellung im Psychiatriemuseum : Mit Foltermethoden therapieren

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Ein Zellenbett, wie es noch um 1970 in Gebrauch war. Bild: Rüchel, Dieter

Das Psychiatriemuseum in Riedstadt zeigt, wie psychisch kranke Menschen in der Vergangenheit behandelt wurden. Sie mussten Qualen erdulden.

          Nur der Kopf ragte aus der massiven Holzkiste heraus. Für die Beine und Füße waren schmale Schächte vorgesehen, in denen man sich kaum bewegen konnte. Stundenlang mussten Menschen mit psychischen Krankheiten im 19. Jahrhundert auf solchen Zwangsstühlen ausharren. Auf der Sitzfläche war deshalb eine runde Öffnung, damit sie ihre Notdurft verrichten konnten. „Das war Folter“, sagt der ärztliche Direktor des Vitos Klinikums Riedstadt, Hartmut Berger. Die Klinik unterhält seit den siebziger Jahre ein eigenes Museum, in dem Behandlungsmethoden für Menschen mit geistiger Behinderung und psychischen Krankheiten aus den vergangenen Jahrhunderten ausgestellt sind.

          Zu den gängigen Behandlungen habe bei Tobsuchtsanfällen die Fixierung auf den Zwangsstühlen gehört, sagt Berger. Im 19. Jahrhundert habe es außer Opium kein Beruhigungsmittel gegeben. Psychopharmaka seien noch nicht erfunden gewesen. In den Stühlen sollten die „Insassen“, wie sie damals hießen, müde werden. Aus heutiger Sicht sei die Fixierung eine „furchtbare“ und menschenunwürdige Behandlung gewesen, sagt Berger. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts wurden diese Stühle in Riedstadt eingesetzt, einer steht noch in dem Museum.

          Therapie und Disziplinierungsstrafe in einem

          Landgraf Philipp I. von Hessen gründete 1535 das „Hohe Hospital Hofheim“, das heute Philippshospital heißt. Es gehört damit nach eigenen Angaben zu den ältesten psychiatrischen Krankenhäusern der Welt. Ursprünglich sollte die Klinik arme, alte und kranke Menschen im Ried versorgen. Mit der Anstellung des Arztes Ludwig Franz Amelung 1821 entwickelte sich das Krankenhaus zu einer psychiatrischen Einrichtung. Der Arzt wurde 1849 von einem Patienten erstochen. Die Tatwaffe ist in einer Vitrine im Museum ausgestellt. Zeitweise waren in dem Hospital bis zu 1600 Patienten untergebracht. Heute sind es nur noch 190.

          Welche Qualen psychisch Kranke in vorherigen Jahrhunderten erleiden mussten, wird in dem Museum anschaulich gezeigt. Neben den Zwangsstühlen war das Zwangsbad um 1870 eine häufige Behandlungsmethode. Mehrere Stunden hätten die Patienten im warmen Wasser sitzen müssen, an Armen und Beinen in den Wannen fixiert, sagt Psychiater Berger. Über den Körper sei ein Tuch gespannt worden, in dem ein Loch war, um den Kopf durchzustecken. „Das war nicht nur Therapie, sondern auch Disziplinierungsstrafe“, sagt Berger. In anderen Kliniken sei zu dieser Zeit ein Holzbrett mit einer Aussparung für den Kopf zum Abdecken des Körpers benutzt worden.

          Talent der Patienten

          In Vitrinen an den Wänden sind Zwangsjacken und Zwangskleider ausgestellt, bei denen die Arme auf den Rücken gebunden werden können. „Auch wenn man diese Jacken in Filmen häufig noch sieht, wir benutzen so etwas schon lange nicht mehr“, sagt Berger. Fixierbetten sind dafür immer noch im Einsatz, wenngleich die Menschen nicht mehr mit Eisenketten und Lederriemen an Händen und Füßen an das Bett gefesselt werden, wie es im Museum zu sehen ist, sondern mit Spanngurten. Bei extremen Erregungszuständen verursacht etwa durch Schizophrenie, Drogenmissbrauch und Persönlichkeitsstörungen wie Borderline sei die Fixierung am Bett nötig, sagt Berger. Das Festmachen am Bett sei aber in der Fachwelt umstritten, auch weil während der Fixierung das Pflegepersonal die ganze Zeit beim Patienten bleiben müsse. In Riedstadt würden Patienten daher eher in ihren Zimmern eingeschlossen bis sie sich beruhigten. Dabei würden Gegenstände aus den Räumen entfernt, an denen sie sich verletzen könnten.

          Das Museum stellt vor allem die dunkle Vergangenheit der Behandlung von psychisch Kranken dar. Fotos und historische Dokumente zeigen auch wie die Nationalsozialisten psychisch Kranke in Riedstadt sterilisieren ließen und etwa 600 Patienten des Philippshospitals vor allem in die Tötungsanstalt Hadamar brachten und dort ermordeten.

          Doch auch der Wandel im Umgang mit Menschen mit geistiger Behinderung und psychischen Krankheiten wird hier gezeigt. Gemälde an den Wänden, die Patienten während der Kunsttherapie gemalt haben, zeigen deren großes Talent. Auch handwerkliches Geschick war gefragt, denn das Philippshospital war auch ein großer Handwerksbetrieb. Die Patienten konnten einer regelmäßigen Arbeit nachgehen. Alte Webstühle, Strohbindemaschinen und Druckwalzen stehen im Museum. Die Klinik habe das Handwerk in das ländliche Ried gebracht, sagt Berger. Das Krankenhaus habe sich bis in die siebziger Jahre dank eigener Viehzucht und Landwirtschaft autark versorgt. Dies sei aber aus hygienischen Gründen nicht mehr erlaubt.

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