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Frankfurter Kunstverein : Künstliche Lebensformen

Kürzlich lief es noch am Strand von Den Haag: Theo Jansens „Umerus“ Bild: ©Theo Jansen, Media Force/Foto Loek van der Klis

Der Frankfurter Kunstverein zeigt Arbeiten von Yves Netzhammer, Theo Jansen und Takayuki Todo. In der Ausstellung „Empathische Systeme“ wird deutlich, dass den Betrachter weder künstliche Tiere noch entmenschlichte Gestalten kalt lassen.

          Er nennt sie „Tiere“, und das ist geradezu liebevoll, denn andere würden sie zunächst einmal als Maschinen bezeichnen. Sie bestehen vor allem aus Polyurethan-Röhren, Kabelbindern und Flaschen, besitzen zudem Segel und können, kommt Wind auf, am Strand entlanglaufen. Sogar das Meer als ein für sie unüberwindbares Hindernis zu erkennen, sind sie in der Lage. Da es im Frankfurter Kunstverein keine Böen gibt, muss ein Kompressor herhalten, um das „Strandbeest“ mit dem Namen Umerus des niederländischen Künstlers Theo Jansen in Bewegung zu setzen.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Das geschieht während der Ausstellung gelegentlich, sonst ruht das von der Anmutung her zwischen Riesentausendfüßler und Dinosaurier changierende Wesen. Aber auch ohne Luftzufuhr wirkt es wie sein kleinerer Gesell, an dem das Publikum ziehen darf, faszinierend, fremdartig, wie aus einer anderen Welt. Angetan von derlei Kreationen zeigte sich auch schon die amerikanische Weltraumbehörde Nasa, die nach künstlichen Geschöpfen fahndet, die auf fernen Planeten ohne Strom, rein mechanisch also, durch die Gegend wandern können. Jansen ist auch Physiker und Mathematiker, er berechnet seine phantastischen Kreaturen bis ins letzte Detail. Und hat eine große Gemeinde im Internet, war Gaststar bei den Simpsons.

          Nicht entschlüsselbare Logik

          Er ist einer von drei Künstlern, deren Werke in der Schau „Empathische Systeme“ zu erleben sind. In der es vor allem um unsere eigene Reaktion auf ein Gegenüber geht, das wir zwar als künstlich erkennen, zu dem wir aber dennoch in einem Verhältnis stehen. Und das womöglich unsere Emotionen herausfordert. Wie die gliederpuppenartigen Figuren von Yves Netzhammer, der auf drei Stockwerken Arbeiten ausgebreitet hat, kinetische Objekte, am Computer erzeugte Zeichnungen und ebendort entstandene Animationen bis hin zu einem fast eine Dreiviertelstunde dauernden Video. Er schafft einen glatt und klinisch rein wirkenden Kosmos, dessen Elemente an die Welt, wie wir sie kennen, erinnern, aber nach einer ganz eigenen und letztlich nicht entschlüsselbaren Logik handeln.

          Vieles wirkt verstörend gerade deshalb, weil die humanen, humanoiden Gestalten, die uns in diesen Arbeiten begegnen, keine Mimik zeigen, und auch das Fehlen von Handlinien beispielsweise hat an sich schon einen irritierenden Effekt. Es ist eine Art reduzierter Surrealismus, mit dem wir es hier zu tun haben, Formen aus der Alltagswelt werden verändert, umgedeutet, in rätselhafte und doch oft archetypisch emotionale Zusammenhänge gebracht.

          Takayuki Todos „SEER“ betiteltes Objekt kommuniziert mit dem Betrachter auf unmittelbare Weise: Die meisten werden in dem weißen Köpfchen wohl das eines kleinen Mädchens erkennen, aber der Künstler versteht es als geschlechtsneutral. Mit Hilfe winziger Elektromotoren kann der Kopf die Bewegungen der Besucher nachahmen und soll auch auf deren jeweiligen Gefühlsausdruck eine mimische Antwort parat haben. Diese Arbeit nimmt einen sofort gefangen, weil man in sie alles Mögliche hineinprojiziert.

          Das gilt aber auch für die anderen hier gezeigten Positionen: Kalt lassen einen überraschenderweise weder künstliche Tiere noch entmenschlichte Gestalten. Mit dem Eigenleben artifizieller Lebensformen und Intelligenzen werden wir uns wohl oder übel auseinandersetzen müssen. Und mit unseren eigenen gemischten Gefühlen.

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