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„Neuer Mensch, neue Wohnung“ : Das Frankfurter Bau-Märchen

Lesepause am Feierabend: In „Zickzackhausen“ in Niederrad darf auch die Frau die Beine hochlegen. Bild: Institut für Stadtgeschichte

Ist das „Neue Frankfurt“ schon auserzählt? Das Architekturmuseum beweist mit der Ausstellung „Neuer Mensch, neue Wohnung“ das Gegenteil. Sie stellt Fragen, die heute noch aktuell sind.

          Es war einmal, vor 94 Jahren, da war die Stadt Frankfurt dem Zeitgeist ganz dicht auf der Spur. Angeleitet von einem herrischen Stadtbaurat namens Ernst May und ausgeführt von hochmotivierten Architekten des Hochbauamts, stemmte die Verwaltung ein Stadtentwicklungsprogramm, das in Deutschland seinesgleichen suchte. In nur acht Jahren entstanden zwischen 1925 und 1933 Siedlungen mit rund 12.000 neuen Wohnungen. Hinzu kamen Schulen, Kirchen und monumentale Einzelbauten wie die Großmarkthalle von hoher architektonischer Qualität. Frankfurt war damals in baukultureller Hinsicht die Avantgarde und das Zentrum der Moderne. Das klingt wie ein Märchen? Ist aber keines. Wer sich einen Überblick über die Ära des Neuen Frankfurt verschaffen möchte, der sollte die Ausstellung „Neuer Mensch, neue Wohnung“ besuchen, die von morgen an im Architekturmuseum zu sehen ist.

          Rainer Schulze

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Der Anlass dieser Ausstellung ist natürlich das 100-Jahre-Bauhaus-Jubiläum. Doch während die Akademie in Dessau schon in diesem Jahr ihren runden Geburtstag feiert, jährt sich die Gründung der „Werkstatt der Moderne“, als die das Neue Frankfurt oft bezeichnet wird, erst 2025 zum hundertsten Mal. Damals wurde Ernst May von Oberbürgermeister Ludwig Landmann zum Stadtbaurat berufen, Martin Elsaesser wurde der für Großbauten zuständige Abteilungsleiter im Hochbauamt. Das Bauhaus und das Neue Frankfurt haben einander befruchtet.

          Deutliche Parallelen

          An der Kunstgewerbeschule lehrten Professoren aus Dessau, Architekten wechselten von dort ins Frankfurter Hochbauamt. Auch bei den sozialen und kulturellen Zielen gibt es deutliche Schnittmengen und Parallelen, von der Formensprache über den reformerischen Eifer und die Sozialutopie bis hin zum Lebensgefühl und dem Menschenbild ähneln sich die beiden Bewegungen. Frankfurt war mit dem Bauhaus damals auf Augenhöhe. „Neben Dessau gab es hier ein zweites Zentrum des Aufbruchs – kein Planet des Bauhauses, sondern einen eigenen Stern mit eigener Energie“, so lautet das Narrativ der Ausstellungsmacher.

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          In schöner Regelmäßigkeit widmet sich das Architekturmuseum dieser Epoche, zuletzt 2011 mit einer monographischen Schau über Ernst May. Doch das bedeutet nicht, dass das Neue Frankfurt auserzählt ist. Natürlich wiederholt sich auch in der aktuellen Ausstellung vieles, wie das bei architekturhistorischen Themen unvermeidbar ist. Wolfgang Voigt und Dorothea Deschermeier haben die Ausstellung jedoch so klug gegliedert und inszeniert, dass der Besuch auch für Kenner zu einer Wiederentdeckung wird.

          Der Hausfrau über die Schulter gucken

          Die ganz in das Farbkonzept der Zeitschrift „Neues Frankfurt“ gekleidete Ausstellung ist in Kapitel gegliedert, die beispielsweise die Protagonisten vorstellen und exemplarisch zehn Siedlungen behandeln. Unterkapitel widmen sich Großbauten und interessanten Aspekten wie der Typisierung des Bauens, der Elektrifizierung der Siedlungen und dem Menschenbild der Epoche. Die beiden Kuratoren haben einige neue Fundstücke ausgegraben, ein Ölgemälde der Römerstadt von Hermann Treuner und noch nie gezeigte Baupläne gehören dazu. Ein großes Vergnügen sind die historischen Filme, in denen die Kamera nicht nur der Hausfrau in der berühmten Frankfurter Küche – die das Museum auch im Puppenstubenmodell zeigt – über die Schulter guckt. Ein anderer Film führt auf die Baustelle der „Häuserfabrik“, in der durch serielle Bauweise preiswerte Wohnungen entstanden. Bis heute ist bemerkenswert, mit welchem Tempo damals aus Theorie Praxis wurde.

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