https://www.faz.net/-gzg-9l4ep

„Neuer Mensch, neue Wohnung“ : Das Frankfurter Bau-Märchen

Im Ausstellungskatalog ist ein Aufsatz von Julius Reinsberg besonders lesenswert, der das Neue Frankfurt als Produkt einer technokratischen Elite vorstellt. May erhielt als parteiloser Dezernent weitreichende Gestaltungskompetenzen, er wurde – freundlich formuliert – ein Missionar des modernen Bauens. Andere schildern ihn als „Baudiktator“ und „Mussolini der Architektur“, der Frankfurt zum Archetyp der modernen Großstadt umformen wollte. Seinem Ruf und seinem immensen Bauprogramm folgten zahlreiche Architekten, darunter so berühmte Namen wie Mart Stam, Margarete Schütte-Lihotzky und Hans Leistikow.

Das Hochbauamt wurde mit ihnen zu einer Art Thinktank, in dem sich in der „Abteilung T“ allein 60 Mitarbeiter um die Typisierung der Wohnungen kümmerten. Das ging bis in die Details der Möblierung: Neben der Frankfurter Küche, der „Mutter aller Einbauküchen“, gab es auch ein „Frankfurter Bett“, das platzsparend an die Wand geklappt werden konnte. Raum für Individualität blieb da kaum. Das Haus sollte seine Bewohner „edeln“, grüne Plüschsofas oder, noch schlimmer, Biedermeierschränke waren nicht erwünscht. Die 1926 ins Leben gerufene Zeitschrift „Das Neue Frankfurt“ war nicht nur Mays Propaganda-Organ, sondern auch ein Mittel des architektonischen Diskurses. Sämtliche Nummern sind in der Ausstellung zu sehen.

Das Neue Frankfurt widmete sich Fragen, die heute wieder erstaunlich aktuell sind. Wie lässt sich die Wohnungsnot lindern? Wie gelingt es, breite Schichten mit Wohnraum zu versorgen? Mitunter blieb die Bewegung hinter den eigenen Ansprüchen zurück. Für viele Arbeiter waren die Mieten zu hoch, der Mittelstand zog in die Siedlungen. Heute ist die Mittelschicht der Verlierer auf dem Wohnungsmarkt, der praktisch nur noch geförderte und hochpreisige Wohnungen bietet. Mit einem eigenen kleinen Wettbewerb wollen die Stadt, das Architekturmuseum und das Hochbauamt zeigen, dass auch unter heutigen Marktbedingungen bezahlbarer Wohnraum entstehen kann, und zwar ohne Subventionen. Es ist etwas schade, dass die Beiträge dieses Wettbewerbs nur vom 13. April bis 23. Juni zu sehen sind. Dass sich die beiden Ausstellungen, die thematisch aufeinander aufbauen, nicht überschneiden, ist unglücklich.

Die letzte May-Siedlung wurde 1933 unter einer Hakenkreuzfahne eröffnet, mit zum Hitlergruß erhobenen Armen. May war da längst über alle Berge, er suchte 1930 in Russland sein Glück, konnte aber nie wieder an die Leistungen des Neuen Frankfurt anknüpfen. Das Frankfurter Bau-Märchen aber hat er Wirklichkeit werden lassen. Und wenn die Mieter nicht gestorben sind? Dann wohnen sie noch heute.

Neuer Mensch, neue Wohnung. Die Bauten des Neuen Frankfurt 1925 - 1933

Die Ausstellung findet vom 23. März bis 18. August im Deutschen Architekturmuseum, Schaumainkai 43, statt. Der Katalog kostet 22 Euro.

Weitere Themen

Ausgeschlossen, abgepackt, angefasst

F.A.Z.-Hauptwache : Ausgeschlossen, abgepackt, angefasst

Daniel Schleidt und Helmut Fricke waren in Kenia und zeigen, wen die Aktion „F.A.Z.-Leser helfen“ dort unterstützen will. Was ist im Kampf gegen sinnlose Verpackungen schon alles erreicht worden? Auch gibt es Neues zur IAA. Die F.A.Z.-Hauptwache.

Topmeldungen

Abwärtstrend der Union : Die verlorene Heimat

Für viele in der Union war Schwarz-Grün mal eine moderne Idee. Jetzt wächst die Angst, dass die Grünen übermächtig werden – und sie selbst als Juniorpartner enden.
Unser Sprinter-Autor: Oliver Georgi

F.A.Z.-Sprinter : Wer kann SPD-Vorsitz?

Während es bei der SPD zum nächsten Duell um den Vorsitz kommt, läuft es bei den Grünen prächtig. Es steht sogar die Frage nach der Kanzlerkandidatur im Raum. Was sonst noch wichtig wird, der F.A.Z.-Sprinter.
Die Polizei nimmt an der Polytechnischen Universität in Hongkong Protestierende fest.

Krise in Hongkong : Unter Belagerung

Hunderte Hongkonger Aktivisten harren auf dem Campus der Polytechnischen Universität aus. Die Polizei hat das Gelände umstellt – und droht mit dem Einsatz scharfer Munition.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.