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Ausstellung „Facing Britain“ : Das war auch unsere Tasse Tee

Martin Parr, From „The Last Resort“, New Brighton, 1983-85 Bild: © Martin Parr/Magnum Photos

Die Ausstellung „Facing Britain“ in der Kunsthalle Darmstadt zeigt britische Dokumentarfotografie von den frühen Sechzigerjahren bis zum Brexit. Die Zeitspanne bildet die Phase einer besonderen Zugehörigkeit zu Europa ab.

          3 Min.

          Mit der im Jahr 1853 in London gegründeten Royal Photographic Society hat eine der ältesten der Förderung von Wissenschaft und Kunst der Fotografie verschriebenen Gesellschaften der Welt ihren Sitz in Großbritannien. Gleichwohl dauerte es im Vereinigten Königreich bis weit ins 20. Jahrhundert, bevor Fotografie und hier vor allem die dokumentarische Fotografie als eigene Kunstform wahrgenommen und gewürdigt wurden. Neben einem dem Augenblick verpflichteten Fotojournalismus und einer ihr jeweiliges Anliegen in den Mittelpunkt rückenden Sozialfotografie gewann von den Sechzigerjahren an eine neue dokumentarische Fotografie an Bedeutung, die vom individuellen Blick des Fotografen bestimmt war, der sich unabhängig von dem Objekt vor der Linse machte.

          Christian Riethmüller
          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Beeinflusst waren die britischen Fotografen jener Zeit von der amerikanischen Street Photography und von der französischen, humanistisch inspirierten Reportage-Fotografie etwa Robert Doisneaus oder Henri Cartier-Bressons und damit auch von den übrigen Fotografen der Agentur Magnum, zudem von älteren deutschen Vorbildern wie August Sander oder Otto Steinert. Vor diesem Hintergrund fanden Fotografen wie John Bulmer, David Hurn oder Tony Ray-Jones rasch ihre ganz eigene kraftvolle Bildsprache, die den Weg bereitete für eine ganze Generation herausragender Dokumentarfotografen. Unter denen finden sich Weltstars wie Martin Parr, aber auch etliche Namen, die eher in Fachkreisen bekannt sein dürften, deren Arbeiten aber allesamt eine gewisse „Britishness“ gar nicht erst verhehlen wollen.

          Eine kraftvolle Bildsprache

          Nicht weniger als 47 dieser Fotografinnen und Fotografen sind nun in der von Ralph Goertz kuratierten Schau „Facing Britain“ in der Kunsthalle Darmstadt mit einzelnen Arbeiten oder Serien vertreten, was sich zu einer beeindruckenden Werkschau britischer Dokumentarfotografie von den frühen Sechzigerjahren bis zum Jahr 2020 fügt. Die Zeitspanne ist dabei nicht zufällig gewählt, bildet sie doch die Phase einer besonderen Zugehörigkeit Großbritanniens zu Europa ab. 1963 erfolgte das erste Beitrittsgesuch des Vereinigten Königreichs zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG), und am 31. Januar 2020 vollzog sich der Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union („Brexit“). Seitdem hat der Inselstaat wieder eine Sonderrolle inne, was den Betrachter der rund 250 in der Kunsthalle hängenden Arbeiten daher auch auf ein abgeschlossenes Kapitel der Geschichte blicken lässt, das einem, je nach Alter oder Sozialisation mit Schüleraustausch und Sprachkursen, möglicherweise sogar sehr nah war.

          Dave Sinclair, „Black Copper“, London 1985
          Dave Sinclair, „Black Copper“, London 1985 : Bild: © Dave Sinclair

          Und selbst wenn nicht, führt die Ausstellung in mal berückenden, mal bedrückenden, mal humorigen, mal todernsten Bildern Facetten des britischen Alltags wie auch Ereignisse der Zeitgeschichte vor Augen. Allerdings verzichtete Goertz bei der Konzeption der Schau auf eine Chronologie der Ereignisse; auch hängen nicht etwa die Arbeiten von Zeitgenossen beieinander, sondern sind eher ähnliche Sujets die Verbindung zwischen den im Klein-, Mittel- und Großformat und analog wie digital entstandenen Schwarz-Weiß- und Farbfotografien, die Goertz oft von den Künstlern selbst geliehen hat.

          Peter Mitchell, „Mr and Mrs Hudson“, Leeds 1974
          Peter Mitchell, „Mr and Mrs Hudson“, Leeds 1974 : Bild: © Peter Mitchell

          In faszinierenden Serien lässt sich da mit Syd Shelton in die Tage von „Rock against Racism“ eintauchen, mit Paul Reas’ „I Can Help“ der alltägliche Konsumterror erleiden oder mit Roy Mehta die Welt karibischer Einwanderer in North West London kennenlernen; Peter Mitchell und John Bulmer zeigen den Niedergang von Bergbau und Industriestätten und Fran May mit ihrer Serie „London Brick Lane“ oder Tish Murtha mit „Youth Unemployment“ dokumentieren die Auswirkungen der wirtschaftlichen Krise der Siebziger- und Achtzigerjahre auf die britische Gesellschaft.

          Dass die Briten darüber nicht in Agonie erstarrten, zeigen famose Serien wie Tom Woods „Looking For Love“ von 1982, die feiernde Jugendliche zum Thema hat, und selbstverständlich auch Martin Parrs fast schon ikonische Fotografien „The Last Resort“ zur britischen Strandbäderkultur. Die hat auch Kevin O’Farrell fasziniert, der seine Motive in Nordirland fand, Ort sinnloser kriegerischer Auseinandersetzungen wie die Falkland-Inseln, denen Jon Tonks 2013 einen Besuch abstattete und dort eines der wirkmächtigsten Bilder der Schau schuf. Es zeigt einige Schafe, die sich auf einer einsamen Insel um einen Fahnenmast mit einem Union Jack versammelt haben. Es wirkt wie ein Sinnbild für das heutige Großbritannien.

          Die Ausstellung „Facing Britain“ ist von 4. September 2021 bis 9. Januar 2022 in  Darmstadt in der Kunsthalle, Steubenplatz 1, zu sehen. Öffnungszeiten: Mi bis So 11 bis 17 Uhr

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