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Ausstellung : Ein Himmelreich aus Nadeln

  • -Aktualisiert am

15.000 Ameisen krabbeln in Darmstadt die Wände hinauf. Bild: Gregor Schuster

Raumgreifende Installationen und winzige Eingriffe: Die Darmstädter Mathildenhöhe zeigt Kunst von Ankabuta.

          2 Min.

          Der Himmel hängt voller Nadeln. Aus gestickten Wolken, die auf milchig transparenten PVC-Bahnen vorüberziehen, regnen sie hinab in einen Ausstellungsraum des Darmstädter Museums Künstlerkolonie. Ihre schiere Zahl rechtfertigt den Titel des Werks: „7815“. Daraus hat Ankabuta ihr persönliches Himmelreich geschaffen. Am besten betrachtet man die Arbeit der südkoreanischen Künstlerin im Liegen. Drei monströse schwarze Kissen machen das möglich.

          Abgesehen davon, dass das Liegen die schönste Haltung ist, um in den Himmel zu gucken, erkennt man unter Umständen erst aus dieser Perspektive, dass es sich bei den Stick-Wolken nicht um abstrakte Gebilde handelt, sondern um berühmte Museumsgebäude wie den Prado in Madrid oder die Hamburger Kunsthalle. Sie fügen sich zu einem allegorischen Wunschzettel, mit dem sich die Künstlerin selbst anspornt. Ankabuta, die bürgerlich Songie Seuk heißt und das arabische Wort für „Spinne“ zu ihrem Künstlernamen gemacht hat, würde in all diesen Häusern gerne ausstellen. Eines von ihnen hat sich jetzt schon für ihre erste große Einzelschau geöffnet - auch der für die Silhouette der Mathildenhöhe charakteristische Hochzeitsturm gehört zu den mit vielen kleinen Stichen aus weißem Garn gezeichneten Bauten.

          Die Künstlerin bei der Arbeit treffen

          Die 1980 geborene Künstlerin, die zunächst an der Fine Art Chung-Ang University in Seoul, dann bei Dorothee von Windheim und Urs Lüthi an der Kunsthochschule Kassel studierte und deren zweijähriges Darmstädter Atelierstipendium jetzt mit der Ausstellung im Museum Künstlerkolonie abschließt, hat einen Hang zum Kleinstteiligen: Aus 15000 kaum fingergliedgroßen Ameisen, die sie aus Cellophan-Folie, schwarzer Acrylfarbe und Draht hergestellt hat, besteht eine weitere ihrer ebenso filigranen wie raumgreifenden Installationen.

          Schon mehrere Wochen vor Ausstellungsbeginn konnte man sie deswegen im Museumsgebäude bei der Arbeit treffen. Es dauert eben seine Zeit, bis ein solcher Insektenschwarm an den Wänden befestigt ist. Jetzt krabbeln die Tierchen das Treppenhaus hoch, und kein Winkel scheint vor ihnen sicher.

          Das künstlerische Prinzip funktioniert

          Ein natürlicher Drang, in jeder Lebenslage und unablässig etwas herstellen zu wollen und auch zu können, scheint in Ankabuta angelegt. Nur so konnten auch 20.000 vollplastische Sterne aus Aluminiumfolie und Klebestreifen entstehen, deren größte kaum zwei Zentimeter messen. Wie vom Himmel gefallen türmen sie sich jetzt in einer Vitrine der Schausammlung. Während sie am Boden hohe Dünen bilden, haben sich vereinzelte Trabanten zwischen und auf die Teile von Albin Müllers Jugendstil-Geschirr verirrt, wo sie das buchstäblich traumhafte Arrangement komplettieren.

          Ankabutas künstlerisches Prinzip, die kollektive Sehgewohnheit auf null zurückzustellen, funktioniert nicht nur mit raumgreifender Installation, sondern auch mit winzigen subversiven Interventionen in die Dauerausstellung. Ein mit haarfeinen Drähtchen zum bebrillten Mann gemachter Löffel, der sich zum Besteck von Peter Behrens gesellt hat, eine halbe Walnuss als das Gehirn eines Kunstharzköpfchens oder Urs Lüthi, der in Gestalt einer mit blankem Kügelchen gekrönten Kugelschreiberfeder durch das Modell der Mathildenhöhe spaziert, holen das Readymade von seinem Sockel, auf den es die Kunstgeschichte längst und wohl sicher gegen Duchamps Willen gehoben hat.

          Keine Klischees, eine Begegnung

          Spontan und schnell macht Ankabuta dafür alles zum künstlerischen Material, was sie umgibt: Tabakkrümel, Bierflaschen, Packpapier, die eigenen Haare und sogar der Schnee, der ein Rasenstück vor ihrem Fenster an der Kunsthochschule Kassel bedeckt. Für ein Video behandelte sie die weiße Fläche wie ein überdimensionales Blatt Papier, in das sie mit ihren Fußspuren ein Labyrinth „zeichnete“.

          Nicht dass sich in den Ausstellungsstücken, die in der Zeit seit Ankabutas Ankunft in Deutschland entstanden sind, die Klischees zweier Kulturen mischen würden. Es ist vielmehr die Begegnung mit einer neuen, fremden Umgebung an sich, die sie in künstlerische Energie umgewandelt hat. Ihre äußerlich so vielgesichtige Arbeit, zu der nicht zuletzt malerisch anmutende Zeichnung und energische Malerei gehören, wird durch feinen Hintersinn und heiteren Ernst zu einem stringenten Ganzen.

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