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Kunstverein Aschaffenburg : Im Windmühlenkampf ein glücklicher Mensch

Burchstückhaft: Vollrad Kutscher, Die Königin von Saba, Aschaffenburger Variation (1998/2019) Bild: NKV

Der Künstler als Ritter von der traurigen Gestalt: Die Ausstellung „Artist / Don Quixote“ in Aschaffenburg zeigt höchst individuelle Selbstporträts.

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          „Es ist schon eine Herausforderung, wenn man den Künstlern einen solchen Freiraum lässt.“ Und die das sagt, muss es selbstredend wissen. Immerhin ist Elisabeth Claus als Vorsitzende des Neuen Kunstvereins Aschaffenburg einiges gewohnt. Doch dass der Großteil der in der Ausstellung zusammengeführten Arbeiten eigens für das „Kunstlanding“ entstanden ist, dass, mehr noch, zahlreiche Positionen sich als im Kern performativ darstellen, ist dann doch einigermaßen ungewöhnlich. Dabei, so der Frankfurter Künstler Ahmad Rafi, der die Schau initiiert und entwickelt hat, handele es sich bei „Artist / Don Quixote“ im Grunde ausnahmslos um höchst individuelle Selbstporträts.

          Christoph Schütte

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Schließlich werde schon Cervantes’ Roman als Autoporträt gelesen. Und in der Tat ist die Figur des Don Quijote, sind seine Kämpfe, Träume, Lieben und ist mithin seine Welt den Künsten spätestens seit der Romantik immer wieder Thema und Motiv gewesen. Rafis Konzept freilich geht mit der Frage nach der Identifikation des Künstlers mit diesem Ritter von der traurigen Gestalt weit darüber hinaus. Entsprechend unterschiedlich stellen sich die zehn nach Aschaffenburg eingeladenen Positionen denn auch dar. Und entsprechend unterschiedlich wird sich die Schau, als Wanderausstellung mit insgesamt 22 teilnehmenden Künstlern konzipiert, an jeder der folgenden Stationen wie dem Frankfurter Kunstverein Familie Montez, dem Instituto Cervantes sowie im bulgarischen Stara Zagora immer wieder neu und anders präsentieren.

          Von der Werbung übernommene Projektion

          Das lässt „Artist / Don Quixote“ an den Rändern immer wieder mal ein wenig unscharf werden, bewahrt die Schau aber vor einem Abgleiten in die Illustration: Windmühlen, Sancho Panza und den hageren Ritter auf seiner Rosinante, wie ihn Picassos berühmte Tuschezeichnung zeigt, wird man hier meist vergeblich suchen. Und wenn er dem Betrachter doch einmal begegnet wie im „Bildlexikon“ Karin Hoerlers, einer Schülerin Peter Kubelkas, dann als längst von der Werbung übernommene Projektion. Am Ende geht es allen vertretenen Positionen von „Artist / Don Quixote“ weniger um die durchaus widersprüchliche Figur des Don Quijote als um die in ihren Arbeiten Form werdende Reflexion einer künstlerischen Haltung.

          Das gilt für die auf Video dokumentierte, zwei volle Tage dauernde Performance Amir Mobeds, der sich in Teheran selbst mit einem Seil in einen Kokon einspann, geradeso wie für die Frottagen, die Ana Sladetic von Mauern in aller Welt genommen hat; es gilt für Vollrad Kutschers unvorhergesehen, aber passend zur Eröffnung zersprungene Wachsskulptur der „Königin von Saba“ und selbst für Mehdi Naderis Dokumentarfilm „In Dalton’s Valley“ über einen jungen Mann, der sich vor der Welt in die Berge zurückzieht. Das sind durchweg starke, im künstlerischen Prozess selbst sich artikulierende Bilder, und doch sind es schließlich zwei sich nachgerade klassisch ausnehmende Positionen, die den Ritter entschlossen in die Welt der Gegenwart begleiten.

          Dabei erscheinen Christine Biehlers gleichsam den Dielenboden als raumhohe Welle à la Hokusai vor dem Betrachter auftürmende „Revolte“ oder Ea Bertrams’ auf dem Raster basierende Raumzeichnungen zunächst weitgehend abstrakt. Doch wie hier Fläche und Raum, Ordnung und Chaos, Form und Formlosigkeit, Traum und Albtraum Bild werden, sich zu verfestigen trachten und wieder aufzulösen scheinen und endlich alles immerzu von vorn beginnt, das scheint der Welterfahrung der Romanfigur allemal verwandt. Und ist als solche womöglich dennoch einem anderen Helden ungleich näher. „Il faut imaginer Sisyphe heureux“, heißt es bei Albert Camus. Und in der Tat, auch Don Quijote mag man sich kaum anders denn als glücklichen Menschen vorstellen.

          Die Ausstellung im Neuen Kunstverein Aschaffenburg, Landingstraße 16, ist bis 15. September dienstags von 14 bis 19 Uhr sowie mittwochs bis sonntags von 11 bis 17 Uhr geöffnet.

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