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Ausstellung „Angezettelt“ : Klein, klebrig und infam

  • -Aktualisiert am

Rückseite eines Briefumschlages mit einem Klebezettel der NSDAP aus dem Wahlkampf 1930. Bild: Sammlung Wolfgang Haney

Im Frankfurter Museum für Kommunikation ist die bemerkenswerte Schau „Angezettelt“ zu sehen. Sie beschäftigt sich mit einer besonders perfiden Art der Propaganda im „dritten Reich“: mit antisemitischen Aufklebern.

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          Klebebildchen erfreuen sich, wie gerade in diesen Tagen während der Fußballweltmeisterschaft wieder klar wird, nach wie vor großer Beliebtheit. Sticker heißen sie heute oft, Spuckis wurden sie früher genannt. Und neben der harmlosen Variante mit Sportlern oder Tieren aus aller Welt, die sich vor allem in Sammelalben wohl fühlen, gab und gibt es auch eine politische, propagandistische, agitatorische Form der klebenden Zettel. Sie suchen die Öffentlichkeit. Im Stadtbild sind die Miniaturbotschaften, die für alles Mögliche werben, allgegenwärtig, sie pappen an Straßenschildern, Pfosten und Pollern, an Brief- und Verteilerkästen, Hauswänden und den zahllosen Stadtmöblierungs-Objekten. Vor allem extreme Parteien und Gruppierungen bedienen sich mit Vorliebe der kleinen klebrigen Methode zum Zweck der Indoktrination. Sie stehen damit in einer unrühmlichen Traditionslinie.

          Das Frankfurter Museum für Kommunikation führt jetzt in einer bemerkenswerten Ausstellung ein besonders perfides Kapitel der ideologischen Beeinflussung mittels eines, wie es heißt, „archivresistenten Massenmediums“ vor Augen: Die Schau „Angezettelt“ beschäftigt sich mit „Antisemitismus im Kleinformat“. In diesem Zusammenhang aber auch mit der Klebemarke und dem Aufkleber als solchem sowie mit den Zettel-Gegenoffensiven gemäßigter wie radikaler Kreise. Bestückt wurde die Schau, die das Kommunikationsmuseum gemeinsam mit dem Zentrum für Antisemitismusforschung realisiert hat, aus der Kollektion von Wolfgang Haney. Vor mehr als 30 Jahren begann er antisemitisches Material zu sammeln. Er trug unter anderem Hunderte von Klebemarken mit judenfeindlichen Sprüchen und Abbildungen zusammen. Kaum hatten bedruckte und gummierte Zettelchen im ausgehenden 19. Jahrhundert ihre außerordentliche Erfolgsgeschichte begonnen, kamen auch schon die ersten mit judenfeindlichem Inhalt auf den Markt.

          Briefsiegelmarke für Gäste des Hotels Kölner Hof am Frankfurter Hauptbahnhof.
          Briefsiegelmarke für Gäste des Hotels Kölner Hof am Frankfurter Hauptbahnhof. : Bild: Sammlung Wolfgang Haney

          Central-Verein reagiert mit Gegenaufklebern

          Am Anfang der Schau blickt der Besucher einigermaßen erstaunt auf einen Wust an fein säuberlich in Sütterlinschrift beschriebenen Briefumschlägen und -bögen in einer Vitrine. Hans und Trude haben sich zwischen 1920 und 1923 fast jeden Tag Liebesbriefe geschickt. Und ein jeder ist akkurat mit einer gezackten Briefverschlussmarke versiegelt. Sie ist etwas größer als eine gewöhnliche Briefmarke und ziert die Rückseite der Kuverts mit jeweils einer judenfeindlichen Äußerung, einem Spruch, einem Aphorismus, deren Autoren Martin Luther, Richard Wagner, Napoleon oder Heinrich von Treitschke heißen. Von dem Historiker stammt der unsägliche, von den Nationalsozialisten immer wieder benutzte Satz „Die Juden sind unser Unglück“ . So prangte er auch auf Briefen des Liebespaars. In einem davon freut sich Hans, dass der Briefträger auf die, wie Trude sie nennt, „Verschen“ aufmerksam geworden ist. „Der Herr ist wohl Antisemit“, habe der Postbeamte zu ihm gesagt, worauf er, Hans, stolz geantwortet habe: „Allerdings, und was für einer!“

          Der antisemitischen Klebezettelwut begegnete etwa der 1893 gegründete Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens mit Gegenaufklebern, auf denen Sätze wie dieser zu lesen waren: „Der Antisemitismus ist der Sozialismus der Dummköpfe“, ein Zitat von Kaiser Friedrich III., dem als liberal geltenden „99-Tage-Kaiser“. Aber das Unheil war nicht aufzuhalten: Von 1933 an haben die Nationalsozialisten auch die Macht über die Zettelwirtschaft im Reich, und sie nutzen sie weidlich aus für ihre infame judenfeindliche Propaganda. Vereinzelt allerdings existierte noch Gegenwehr: Einige wenige Beispiele von Aufklebern aus dem Widerstand sind in der Schau dokumentiert.

          Gegenwehr: Wider der antisemitischen Propaganda kamen  Gegenoffensiven aus gemäßigten wie auch radikalen Kreisen.
          Gegenwehr: Wider der antisemitischen Propaganda kamen Gegenoffensiven aus gemäßigten wie auch radikalen Kreisen. : Bild: Sammlung Wolfgang Haney

          Die Nazi-Parole „Kauft nicht bei Juden“ ist schon 1893 einem Mitarbeiter des Märkischen Museums aufgefallen. Einen Zettel mit dieser Aufforderung entfernte er in der Berliner S-Bahn, klebte ihn sorgfältig auf ein Blatt Papier, beschriftete es und machte das Objekt somit zum Museumsstück. Aufschlussreich auch die Abteilung der Schau, die vom Frankfurter Hotel Kölner Hof handelt, das sich Ende des 19. Jahrhunderts als „judenfrei“ anpries. Wüsste man nicht um die Konsequenzen, es wäre zum Lachen: antisemitische Tischdekorationen und Briefsiegelmarken für die judenfeindlichen Gäste. Dabei stolperten auch etliche jüdische Gäste in das Haus am Hauptbahnhof, die geschockt wurden und sich bei der Stadt beschwerten. Der Magistrat verbot dem Kölner Hof 1899 immerhin, draußen Stühle aufzustellen.

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