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Ausstellung „(An-)Sichten“ : Spezifische Sichtweisen der Wirklichkeit

Real oder inszeniert: Die Ausstellung „(An-)Sichten“ im Art Foyer der DZ Bank Kunstsammlung fragt nach den Wahrnehmungen von Fotografie.

          2 Min.

          Was wir sehen, ist wirklich. Doch ist das wirklich so? Wie kommt Wirklichkeit eigentlich zustande und wer definiert sie? Solche Fragen stellen sich nicht erst, seitdem der sogenannte Präsident der Vereinigten Staaten überall „fake news“ wittert und twittert, sondern vermutlich schon seit früher Menschheitsgeschichte oder zumindest seit der Erkenntnis, dass es unterschiedliche Perspektiven und Ansichten gibt.

          Christian Riethmüller
          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Diese Fragen beschäftigen auch Thomas Rietschel, den ehemaligen Präsidenten der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt, der als diesjähriger Gastkurator der DZ Bank Kunstsammlung aus den reichen Beständen der Sammlung eine Fotoausstellung mit dem Titel „(An-)sichten. Vom Umgang mit der Wirklichkeit“ zusammengestellt hat, die anhand von 28 Arbeiten von 13 deutschen und internationalen Künstlern das Spannungsfeld zwischen Sein und Schein aufzeigt.

          Der Realität ganz nahe

          Schließlich gilt die Fotografie noch immer als jenes Medium, das die Realität scheinbar unverfälscht abzubilden vermag, auch wenn jeder weiß, wie einfach mittlerweile Fotos zu bearbeiten und damit auch zu manipulieren sind. Trotzdem wird gerade der Presse- und Dokumentationsfotografie der Vertrauensvorschuss gewährt, der Realität ganz nahe zu kommen. Zwar gehört die Pressefotografie nicht zu den Sammlungsschwerpunkten der Kunstsammlung, doch hat sie vorzügliche Beispiele des Genres in ihrem Bestand, darunter auch einige Arbeiten von Barbara Klemm, der langjährigen Redaktionsfotografin dieser Zeitung. Klemms berühmte Aufnahmen etwa vom Tag der deutschen Vereinigung am 3. Oktober 1990 in Berlin sind ja Zeugnisse eines unglaublichen Gespürs für den Moment, den man nicht inszenieren kann, weshalb die Bilder so wahrhaftig wirken.

          Ein ähnliches Talent, zur rechten Zeit mit der Kamera am rechten Ort zu sein, möchte man auch Michael Schäfer bescheinigen, dem etwa die beeindruckende Aufnahme eines jungen Mannes mit einem kleinen Kind auf dem Arm gelungen ist, der wie in Schockstarre eine Straße in einer von Krieg oder einem Erdbeben zerstörten Stadt hinunterblickt. Erst bei genauem Hinsehen fällt auf, dass der Mann möglicherweise gar nicht auf der Straße steht und seine teilnahmslose Beobachtung unserem eigenen Verhalten angesichts einer täglichen Flut von Katastrophenbildern aus aller Welt entspricht.

          Bearbeitete Screenshots

          Tatsächlich ist Schäfer kein Fotoreporter an vorderster Front. Der Künstler bedient sich vielmehr im Internet der Plattform „LiveLeak - Redefining the Media“, auf der, technisch vergleichbar mit Youtube, Videos von Ereignissen hochgeladen werden können. Von solchen Videos fertigt Schäfer Screenshots an, bearbeitet diese, kombiniert sie mit eigenen Bildmotiven und schleust diese umgearbeiteten Vorlagen wieder in die Bilderflut im Internet ein. Was uns besonders authentisch erscheint, ist eine inszenierte Wirklichkeit.

          Mit inszenierten oder gar simulierten Wirklichkeiten arbeiten auch der finnische Fotograf Ville Lenkkeri oder der amerikanische Künstler Gregory Crewdson, der eine, indem er in Wachsfigurenkabinetten und Dioramen arbeitet, der andere, indem er ganze Szenerien aufbauen lässt, die eher an ein Filmstandbild als an eine Fotografie erinnern. Aufwendige Vorarbeiten zeichnen auch die Werke Thomas Demands aus, der berühmte Tatort- und Pressefotografien bis ins kleinste Detail aus Papier nachbaut, um diese Nachbauten dann zu fotografieren.

          Der Bezug zur Pressefotografie ist bei Demand genau so offensichtlich wie jener zur Dokumentationsfotografie bei den Arbeiten des Katalanen Joan Fontcuberta. Dessen Fotos von Pflanzen bilden aber nicht einen Streifzug durch die Botanik ab. Es sind vielmehr Phantasiegebilde aus vorgefundenen organischen und anorganischen Materialien, versehen mit pseudolateinischen Namen. Führt Fontcuberta dem Betrachter das verräterische Moment der Fotografie und das Wechselspiel von Realität und Fiktion vor, überwältigt Barbara Probsts sehenswerte Arbeit „Exposure #56, NYC, 428 Broome Street, 06.05.08, 1:42 p.m.“, wie Schäfers Bilder übrigens eine Neuerwerbung der Sammlung, mit der schieren Zahl der Perspektiven. Im selben Moment haben dafür zehn in einem Raum verteilte Kameras andere Ausschnitte derselben Szene aufgenommen. Und statt eines umfassenden Einblicks verschwindet die Wirklichkeit, weil sich die vielen Ansichten nicht mehr fügen.

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