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Auslandsstudium : Unter Zeitdruck in die Fremde

  • -Aktualisiert am

Andere Länder, andere Hörsäle. Voll können die dennoch sein. Bild: dapd

Bachelor- und Masterstudiengänge sollen mehr Studenten ins Ausland bringen. Vielerorts gelingt das noch nicht. In jedem Fall kommt es auf genaue Planung an.

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          Eigentlich wollte Henning Schmidt jetzt Masterstudent in Berlin sein. Stattdessen sitzt er auf dem Campus in Bockenheim. Ein Auslandssemester habe ihn gehindert, seinen Bachelor in der Regelstudienzeit abzuschließen, klagt er. Nun ist Schmidt (Name geändert) im siebten Semester. Im vergangenen Jahr war der Politikstudent für sechs Monate an der Universität in Madrid. Er habe zwar gewusst, dass im Ausland erbrachte Leistungen manchmal nicht angerechnet würden, Sorgen habe er sich aber nicht gemacht, sagt er. „Im Nachhinein müsste ich mir das Ganze zweimal überlegen.“ Nur ein Drittel seiner Noten habe die Uni Frankfurt ihm angerechnet.

          Laut einer Studie des Hochschul-Informationssystems und des Deutschen Akademischen Austauschdienstes gehen 25Prozent aller Bachelor- und Masterstudenten für mindestens ein Semester ins Ausland. Das entspricht etwa dem Anteil in den Diplom- und Magisterstudiengängen. Die Universität Frankfurt bestätigt das auf Anfrage. „Die Mobilität hat sicher nicht abgenommen“, teilt ein Sprecher mit. Anderes vermeldet die Mainzer Universität: Bachelor- und Masterstudenten entschließen sich hier seltener für ein Austauschsemester als ihre Kommilitonen in den alten Studiengängen.

          Studenten für das Ausland zu begeistern, ist ein wichtiges Ziel der Bologna-Reform

          Auf solche Untersuchungen angesprochen, schüttelt Schmidt nur den Kopf. Zahlen seien das eine, Bedingungen etwas ganz anderes. „Wer fragt, welchen Preis man für Auslandserfahrungen zahlt?“ Etliche Studenten seien bereit, ihr Studium zu strecken, manche nähmen gar in Kauf, später das doppelte Pensum an Kursen zu absolvieren, um ihre Regelstudienzeit einzuhalten. Denn hier liegt ein Kernproblem: Braucht jemand mehr als sechs Semester - wie für den Bachelor meist festgelegt - muss er mit Konsequenzen rechnen. Zum Beispiel kann nach Angaben des AStA der Uni Mainz vorübergehend der Bafög-Anspruch erlöschen. Daneben ist eine weitere Verzögerung möglich, etwa weil die Unis Veranstaltungen nur alle zwei Semester anbieten.

          Studenten für das Ausland zu begeistern, ist ein wichtiges Ziel der Bologna-Reform. Dafür müssen die Anforderungen aber grenzüberschreitend vergleichbar sein. Studentenvertreter bekräftigen, dass grundsätzlich großes Interesse am Auslandsstudium bestehe. Nach der Reform sei es aber schwieriger geworden, Leistungen anerkennen zu lassen, sagt Marcel Hüttel, Referent für Hochschulpolitik im AStA der Uni Mainz. Die Modularisierung der Lehrpläne habe nicht zur Angleichung geführt, sondern Unterschiede verstärkt. Einige Interessenten planten deshalb eine Verlängerung ohnehin ein, andere schrecke dies ab.

          in Austauschsemester verlange eben Engagement

          Ann-Kathrin Stork weiß um den Wert genauer Planung. Sie ist fast schon ein Musterbeispiel dafür, wie studentische Mobilität gelingen kann. Im Sommer hat sie an der Fachhochschule Frankfurt den Bachelorstudiengang Soziale Arbeit abgeschlossen. Ein halbes Jahr in Malmö verzögerte ihr Studium nicht. Sie habe früh Kontakt zu der schwedischen Uni aufgenommen, berichtet Stork. Weil einzelne Veranstaltungen in Schweden anders gewichtet würden, habe es lange gedauert, ihren Stundenplan zusammenzustellen. Dass alles anerkannt wurde, führt sie auf die funktionierende Abstimmung zwischen beiden Hochschulen zurück.

          Ein Austauschsemester verlange eben Engagement, sagt Larissa Lauth, die an der Universität Mainz im sechsten Semester Publizistik studiert. Ihr Aufenthalt an der Universität Bordeaux habe gewissermaßen „zwischen den Semestern“ gelegen: Von Januar bis April 2011 war sie dort. Auch ihr rechnete die Heimatuni alle Leistungen an. Um Module pünktlich zu beenden, sei sie zum Teil auf mündliche Prüfungen umgestiegen. „Wegen des großen organisatorischen Aufwands konnte ich alles schaffen“, erinnert sie sich. Lauth überrascht es, dass sich immer weniger Mainzer Studenten für ein Auslandssemester entscheiden. Sie kenne in ihrem Umfeld kaum jemanden, der den Schritt über die Grenze nicht gewagt habe. Dennoch hat sie ihre Vermutungen, woran die guten Vorsätze mitunter scheitern. Niemals stimme jedes wichtige Detail überein, „und andere Fachbereiche sind eventuell strikter als meiner“.

          Inzwischen befürworten viele Experten sieben oder acht Semester Bachelorstudium

          Auch Stork ist bewusst, dass viele Kommilitonen weniger Glück bei der Anerkennung erbrachter Leistungen haben als sie. An ihrem Fachbereich studiere kaum jemand im Ausland. „Die Idee, mehr Internationalität zu ermöglichen, ist gut, nur bislang nicht hinreichend umgesetzt.“ Statistisch ist an der Frankfurter FH nach Angaben eines Sprechers keine Abnahme der Auslandsaufenthalte erkennbar. Dass eigens für ein integriertes Erasmusjahr verlängerte Programme die Zahlen steigen lassen, bestreitet er nicht.

          Inzwischen befürworten viele Experten sieben oder acht Semester Bachelorstudium. Schmidt ist sicher: Er würde nur mit mehr Zeit noch einmal nach Spanien gehen. Lauth hingegen hält bei allen Unwägbarkeiten ihre Erfahrungen für überaus wertvoll. „Ich kann das Auslandsstudium nur jedem empfehlen.“

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