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Anwälte aus dem Ausland : Zweite Chance für Juristen

  • -Aktualisiert am

Neuanfang: Fazela Sediqy (Mitte) mit weiteren Kursteilnehmern Bild: Ricardo Wiesinger

Wer im Ausland einen Abschluss als Jurist gemacht hat, kann in Deutschland oft wenig damit anfangen. Der Verein Berami will den Betroffenen einen Weg aufweisen.

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          Fazela Sediqy hat ein Ziel: Sie will als Juristin arbeiten. Genauer müsste man sagen: wieder als Juristin arbeiten. Denn ihr Ziel hatte sie schon einmal erreicht, Sediqy war laut eigenen Angaben in ihrer ehemaligen Heimat Afghanistan Staatsanwältin. Dort hatte sie studiert und einen vollwertigen juristischen Abschluss erworben. Dann floh sie nach Deutschland. Dass ihr Abschluss dort wertlos sein würde, wusste Sediqy damals nicht. Das war im Oktober 2013.

          An diesem Nachmittag sitzt die 30 Jahre alte Afghanin gemeinsam mit vier Frauen und einem Mann im 14. Stockwerk eines Hochhauses am Nibelungenplatz. In dem kleinen Konferenzraum geht es gerade um die Feinheiten des deutschen Arbeitsrechts. Was ist der Unterschied zwischen einem Aufhebungs- und einem Abwicklungsvertrag? Und wann ist eine fristlose Kündigung gerechtfertigt? Für Laien ein eher trockenes Thema, aber Sediqy und die anderen Teilnehmer des Kurses hören aufmerksam zu. Sie kommen aus der Ukraine, Mexiko oder dem Nahen Osten, alle haben sie in ihrem Heimatland nach abgeschlossenem Studium schon als Juristen gearbeitet. Bei der Staatsanwaltschaft in Afghanistan, beim Justizamt in Kiew oder in den Rechtsabteilungen von großen Unternehmen. In Deutschland bringt ihnen diese Erfahrung nichts. Für Juristen, die im Nicht-EU-Ausland ihren Abschluss gemacht haben, ist es in Deutschland nicht möglich, als Rechtsanwalt zugelassen zu werden.

          Keine Mandanten beraten, aber in Rechtsabteilungen arbeiten

          Deshalb hat der Frankfurter Verein Berami das Projekt „Ready – Steady – Go“ ins Leben gerufen, das seit diesem Jahr Juristen mit ausländischen Abschlüssen auf den deutschen Arbeitsmarkt vorbereitet. „Wir können aus den Kursteilnehmern keine anerkannten Juristen machen, aber wir wollen sie immerhin vorbereiten auf eine Arbeit mit möglichst juristischer Tätigkeit“, sagt Irina Lagutova, eine der Organisatorinnen des Projekts. Das heißt, dass die Teilnehmer nach Abschluss des Kurses zwar weiterhin keine Mandanten in Rechtsdingen beraten dürfen. Sie sollen aber in der Lage sein, in größeren Unternehmen zu arbeiten, etwa in einer Rechts- oder Personalabteilung eines Unternehmens.

          Fünf Monate lang stehen für Sediqy jetzt Themen wie Wirtschaftsrecht und das deutsche Steuerwesen auf dem Stundenplan. Sie besucht Workshops zum Arbeitsrecht oder Compliance-Regeln und sitzt mit den anderen Kursteilnehmern in Vorlesungen der Frankfurt University of Applied Sciences. In einem zweiten Teil des Kurses werden Soft Skills aufgefrischt. Es geht darum, die Verhandlungsfähigkeit zu verbessern, ein Bewerbungstraining zu absolvieren oder auch einen fachbezogenen Deutschkurs zu absolvieren. Fast jeden Tag, von morgens bis in den Nachmittag, sind Sediqy und ihre Mitstreiter damit beschäftigt. Wesentlich mehr Zeit müssten die Teilnehmer des Kurses aufwenden, um eine eigene Kanzlei eröffnen zu können – ein komplettes Jurastudium in Deutschland nämlich, inklusive Rechtsreferendariat. Für Sediqy und die anderen Teilnehmer ist das keine Option. Zu schwer würde die Enttäuschung wiegen, noch einmal bei null anfangen zu müssen. „Es ist traurig, wenn man schon Erfahrungen im Heimatland gesammelt hat, aber dann in Deutschland neu anfangen muss“, sagt Sediqy.

          Eine berufliche Perspektive

          Ein Gefühl, das alle Teilnehmer nur zu gut kennen. Bei Berami, sagen sie, hätten sie zum ersten Mal den Eindruck gehabt, trotzdem eine berufliche Perspektive zu haben. Seit 1990 bemüht sich der Verein um die berufliche Integration von Einwanderern. „Das Projekt für die Juristen ist das Produkt unserer Arbeit über viele Jahre“, sagt Lagutova. Zusammen mit den Anwältinnen Vania Griessl und Maria Dimartino, die auch selbst einige der Workshops halten, entwickelte Berami den Kurs. Finanziert wird er vom Europäischen Sozialfonds und dem Bundesarbeitsministerium.

          Dass sie auch nach dem Kursende nicht als selbständige Anwälte arbeiten können, ist für die Teilnehmer zweitrangig. Vielen sei es eine Motivation, sich wieder mit „ihrer“ Materie beschäftigen zu können, meint Lagutova.

          Sich wieder als Juristen fühlen

          „Natürlich bringt uns das Projekt keine formale Anerkennung unserer Abschlüsse, aber es hilft uns, dass wir uns im deutschen Rechtssystem zurechtfinden“, sagt die 29 Jahre alte Ioana Precup aus Rumänien. Dass das Land in der EU ist, bringt ihr in diesem Fall wenig. Denn auch Absolventen aus anderen EU-Staaten müssen entweder eine äußerste schwierige Eignungsprüfung absolvieren oder de facto drei Jahre warten, ehe sie deutschen Anwälten gleichgestellt sind. Und so hat Precup sich für das Projekt von Berami entschieden. Sie arbeitet parallel in der Personalabteilung eines Bauunternehmens. Dort habe sie viel mit Landsleuten zu tun und somit sogar einen Vorteil gegenüber deutschen Juristen. Sie kennt die Mentalität der Rumänen sehr gut, spricht ihre Sprache.

          Einen Nutzen bringt der Kurs den Teilnehmern schon heute: Sie fühlen sich wieder als Juristen. Denn bei vielen hat zwischenzeitlich das Selbstvertrauen gelitten. „Eine Zeitlang habe ich bei Vorstellungsgesprächen sogar verschwiegen, dass ich einen Juraabschluss habe“, erzählt Sediqy. Seit sie die Gewissheit hat, auf dem Weg zu ihrem Ziel nicht bei null anfangen zu müssen, hat sich das aber geändert.

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