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Ausländische Fachkräfte : Im Leerlauf statt auf dem Arbeitsmarkt

Der Fachsprachkurs fehlt: Betriebswirt Ajmal Shirzai. Bild: Gilli, Franziska

Allenthalben ist vom Fachkräftemangel die Rede. Trotzdem leistet es sich Deutschland, ausländische Fachleute zu alimentieren, statt sie rasch in den Arbeitsmarkt zu bringen.

          3 Min.

          Wenn in Deutschland von Mazar-i-Sharif die Rede ist, hat das Gros Bilder von Bundeswehrsoldaten in Kampfausrüstung im Camp „Marmal“ vor Augen. Kaum aber die Stadt selbst. Bei Yama Luqmani ist das anders. Der Arzt war dort zu Hause, hat dort studiert. Er musste mit Frau und zwei Kindern fliehen, seine Arbeit bei einer westlichen Hilfsorganisation wurde ihm beinahe zum Verhängnis. Eine Bombe zerstörte sein Büro. Seit rund zweieinhalb Jahren lebt Luqmani nun in Maintal, würde nichts lieber tun, als in seinem Beruf zu arbeiten. „Egal wo, ein Arzt will helfen“, sagt er. Gern auch irgendwo auf dem Land, wo in Deutschland Ärzte inzwischen fehlen. Aber er darf nicht, er hat hier noch immer keine Zulassung.

          Jochen Remmert

          Flughafenredakteur und Korrespondent Rhein-Main-Süd.

          An der fachlichen Qualifikation liegt es nicht. Er hat sie längst belegt, bis ins Detail seine Ausbildung an der Universität von Mazar-i-Sharif dokumentiert, die Unterlagen übersetzen und beglaubigen lassen. Doch es fehlt an einem letzten Zertifikat namens C1, wie Luqmani in schon beinahe flüssigem Deutsch erläutert. Dahinter verbirgt sich ein Kurs, in dem die Teilnehmer die berufsspezifische Fachsprache lernen. Das Problem: Diesen letzten Vollzeitkurs bezahlt das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge nicht mehr, alle Kurse bis dahin schon.

          Bundesamt für Migration erstaunt

          Denn wenn jemand als Asylant anerkannt ist, fällt er in die Zuständigkeit des örtlichen Jobcenters. Und das übernimmt im Falle Yama Luqmanis die Kosten dieses letzten Kurses, den er für das Zertifikat benötigt, nicht. Ohne diese Bescheinigung wird er in Deutschland nicht als Arzt zugelassen.

          Zur Untätigkeit gezwungen: Yama Luqmani würde gerne als Arzt arbeiten.
          Zur Untätigkeit gezwungen: Yama Luqmani würde gerne als Arzt arbeiten. : Bild: Franziska Gilli

          Eine Sprecherin des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge zeigt sich verwundert, dass Luqmani keine Hilfe vom zuständigen Jobcenter bekomme, denn möglich sei das theoretisch schon. Vom Arbeitskreis Asyl in Maintal ist zu erfahren, dass das Jobcenter in aller Regel einen entsprechenden Antrag von Hartz-IV-Empfängern erst einmal ablehnt. Stattdessen ist in einem Papier des Kommunalen Centers für Arbeit des Main-Kinzig-Kreises vorgesehen, „zum Abbau des Vermittlungshemmnisses Sprachdefizit“ Gesprächsrunden mit ehrenamtlichen Helfern zu organisieren. Die sollen dann helfen, eine „qualifizierte berufliche Tätigkeit“ auszuüben, wie es in dem Papier weiter heißt.

          Kein Einzelfall

          Das Problem ist nur: Dieser Kurs würde den afghanischen Arzt kein Stück näher an das bringen, was die Gesundheitsministerkonferenz gerade erst im Juni in der Frage der Fachsprachprüfung für ausländische Ärzte beschlossen hat: Danach ist neben dem Nachweis der „allgemeinsprachlichen Deutschkenntnisse“ auch der Fachsprachnachweis gefordert, und zwar „mindestens auf dem Niveau C1“. Für den 32 Jahre alten Mediziner wäre also mit dem ehrenamtlichen Gesprächskreis zweimal in der Woche nichts gewonnen. Beim Jobcenter ist dazu bislang keine Stellungnahme zu erhalten gewesen.

          Ein Bildungsberater, der schon viele Migranten in ähnlicher Lage wie Luqmani im Rhein-Main-Gebiet begleitet hat, bestätigt, dass das kein Einzelfall ist. Er berichtet, dass Jobcenter immer wieder in Kurse vermittelten, die zwar nicht gänzlich sinnlos seien, speziell bei dem Versuch, ausländische Fachkräfte in den deutschen Arbeitsmarkt zu bringen, aber auch nichts nützten. Überhaupt leide die Integration von gut ausgebildeten Fachleuten aus dem Ausland oft daran, dass nicht die tatsächlichen Fähigkeiten der Leute in einer Art Profiling erfasst, sondern vor allem bürokratische Vorgänge abgearbeitet würden. Um nicht gar nichts zu tun, arbeitet Luqmani ehrenamtlich bei der Bürgerhilfe mit. Das lenke ihn auch von der Sorge ab, dass seine medizinische Expertise langsam leide, weil er nicht in seinem Beruf arbeiten könne.

          1500 Euro für Vollzeitkurs

          Sein Landsmann Ajmal Shirzai ist kein Arzt, sondern Betriebswirt und könnte sich mit seinen Sprachkenntnissen beispielsweise auch mit Indern und Iranern gut verständigen, wie er sagt. Doch die Probleme sind für ihn dieselben wie für Luqmani. Es fehlt ihm ein fachsprachlicher Kurs. Solange er den nicht hat, wird die Suche nach einem Arbeitsplatz in seinem Metier, die er längst via Internet betreibt, weiter keinen Erfolg haben. Das Absurde dabei ist nach Auskunft des Bildungsberaters, dass Jobcenter unter Umständen bereit sind, einen Kurs für berufsspezifische Sprache zu finanzieren, wenn ein Unternehmen bestätigt, dass man die betreffende Person nach einem solchen Kurs einstellen würde. Viele Unternehmen verlangen allerdings bei Bewerbern aus dem Ausland auch einen Nachweis in Sachen Fachterminologie, bevor sie sich überhaupt näher mit seinen sonstigen Qualifikationen befassen.

          Rund 1500 Euro mit Fahrkarte würde ein Vollzeitkurs kosten, keine extrem hohe Summe also eigentlich. Für den 38 Jahre alten Shirzai schon. Er hat 2011 gemeinsam mit seiner Frau Afghanistan in Richtung Deutschland verlassen - auch in dem Glauben, dass er hier als gut ausgebildete Fachkraft bald für sich und seine Familie gut aus eigener Kraft sorgen könnte. Doch sie leben nach wie vor von Hartz IV, inzwischen auch der hier geborene Sohn. Shirzai überlegt, ob er nicht seinem Bachelor of Business Administration noch einen Masterabschluss hinzufügen soll, um bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu haben. Doch auch das würde ohne den Fachsprachkurs nicht funktionieren. Also geht für ihn wie auch für seinen Landsmann Yama Luqmani das zermürbende Warten weiter.

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