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Auschwitz-Prozess in Frankfurt : Der Vater hat noch einmal Frau und Kinder geküsst

Monströse Verbrechen: Der erste Auschwitz-Prozess wurde am 20.Dezember 1963 im Plenarsaal des Römer eröffnet und später im Haus Gallus fortgesetzt. Dabei wurde die Öffentlichkeit zum ersten Mal mit dem industriellen Morden in Auschwitz konfrontiert. Bild: Foto Lutz Kleinhans

Die Zeugen im Frankfurter Auschwitz-Prozess berichten von der Selektion auf der Rampe, und jeder kann ihre Aussagen hören. Denn die Tonbandaufnahme der Verhandlung steht jetzt im Internet.

          Plötzlich ist man – 50 Jahre später – mittendrin im Frankfurter Auschwitz-Prozess. „Sind Sie damit einverstanden, dass ich Ihre Aussage aufnehme auf ein Tonband zur Stützung des Gedächtnisses des Gerichts?“, fragt der Vorsitzende Richter Hans Hofmeyer. Der Zeuge Mauritius Berner stimmt zu, und wir hören seine Aussage, die er flüssig und nur mit wenigen Stockungen in seinem Wiener Dialekt vorträgt. Berners Worte gehen einem durch Mark und Bein.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Hunderte oder Tausende von Gepäckstücken habe er vor den Waggons in Auschwitz gesehen, alle aufeinandergestapelt, erzählt der Arzt aus Siebenbürgen, der gerade zusammen mit seiner Frau und seinen drei Kindern in dem Vernichtungslager angekommen war. Auch sie müssen jetzt ihr Gepäck abgeben. „Tut nichts“, sagt Berner zu seiner Familie, „Hauptsache dass wir fünf zusammen sind.“ Da tritt ein Soldat zwischen sie und befiehlt: „Männer nach rechts! Frauen nach links!“ Er habe nicht einmal Zeit gehabt, seine Frau zu umarmen, gibt der Arzt Berner, der aus Israel ins Haus Gallus zum Auschwitz-Prozess gekommen war, zu Protokoll. Seine Frau habe ihm nachgeschrien: „Komm, küsse uns!“ Er sei durch den Kordon wieder zu ihnen gelaufen und habe seine Frau und seine drei Mädchen noch einmal geküsst.

          Die Familie vergast, nur der Vater überlebt

          Auf der Rampe bei der Selektion trifft Berner einen Bekannten. „Der zweite Offizier, das war der Doktor Capesius“, sagt er zwei Jahrzehnte später im Gerichtssaal. Der sei oft bei ihm und den anderen Ärzten gewesen als Vertreter der IG-Farben-Industrie. Jetzt entscheidet Victor Capesius, Chef-Apotheker von Auschwitz und ein hoher SS-Mann, der nach dem Krieg die Markt-Apotheke in Göppingen und einen Kosmetiksalon in Reutlingen betreiben wird, über Leben und Tod. 1959 wird Capesius festgenommen und verbringt acht Jahre in Untersuchungshaft. Er, der im Auschwitz-Prozess wegen Mordbeihilfe in vier Fällen an jeweils mindestens 2000 Menschen zu neun Jahren Zuchthaus Verurteilte, wird, als er 1968 wieder freikommt, am Tag seiner Haftentlassung bei einem Konzertbesuch mit Beifall begrüßt. Sein Geschäft hatte Capesius rechtzeitig seiner Ehefrau überschreiben lassen.

          An diesen ihm aus Siebenbürgen bekannten Doktor Capesius habe er sich also auf der Rampe von Auschwitz gewandt und ihn gebeten, bei seiner Frau und seinen drei Töchtern, darunter einem Zwillingspaar, bleiben zu dürfen, berichtet der Zeuge Berner. „Zwillingskinder?“, fragt Capesius. „Wo sind sie?“ Und dann empfiehlt er zynisch dem alten Bekannten, der jetzt ein rechtloser Häftling ist, sich an den zweiten Offizier auf der Rampe zu wenden, an Doktor Mengele. Denn dieser ist, wie Capesius weiß, an Zwillingen interessiert, weil er Zwillingsforschung betreibt und Material für seine bestialischen Experimente sucht. Aber Mengele hat an diesem Morgen keine Zeit. So werden denn die Zwillinge von Mauritius Berner sowie seine Frau und seine dritte Tochter ins Gas geschickt. Nur der Vater überlebt. Am 17.August 1964 steht er vor den Richtern im Haus Gallus und erzählt seine grauenhafte Geschichte.

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