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Ausbildung als Schreiner : Chef mit Mitte 20

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Ich und mein Holz: In den Werksräumen arbeitet Schumacher nur noch selten. Chef-Allüren legt er aber nicht an den Tag. Statt eines Anzugs trägt er meistens Arbeitsklamotten. Bild: Carlos Bafile

Als Moritz Schumacher 24 ist, übernimmt er einen Betrieb. Ein Studium hat er dafür nicht gebraucht. Nach oben geschafft hat er es mit einer Ausbildung zum Schreinermeister.

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          Keine sieben Jahre ist es her, dass Moritz Schumacher die Entscheidung getroffen hat, die ihn wenig später in den Chefsessel befördern sollte: nein zu Abitur und Studium, ja zur Ausbildung als Schreinerlehrling. Was damals aus reiner Karriereperspektive wenig einleuchtend geklungen haben mag, hatte folgendes Ergebnis: Moritz Schumacher ist 25 Jahre alt, Geschäftsführer der Schreinerei Bellut im Odenwald und beschäftigt fünf Angestellte. Er ist damit wahrscheinlich einer der jüngsten Chefs Deutschlands. Sein Betrieb hat so viele Aufträge, dass er zeitweise keine neuen mehr annimmt. Über seine Zukunft muss sich der ehemalige Realschüler Moritz Schumacher mit Mitte 20 keine Gedanken mehr machen.

          Die Werkbank hat der Jungunternehmer mittlerweile gegen einen Schreibtisch ausgetauscht. War der Fünfundzwanzigjährige vor knapp vier Jahren noch als Geselle im Impressum der Schreinerei aufgeführt, steht nun das Wort Inhaber vor seinem Namen. Statt in den Werksräumen des Betriebs Holzlatten abzuhobeln, verbringt der junge Mann die meiste Zeit nun damit, ein Stockwerk weiter oben mit Kunden zu telefonieren, Zeichnungen anzufertigen und Rechnungen zu schreiben. Wenige Meter tiefer arbeiten die fünf Angestellten des Betriebs in der Werkstatt – der älteste Schreiner ist fast doppelt so alt wie Schumacher.

          „Die Alten sterben, die Jungen ziehen weg“

          Wer den Schreinerei-Chef in seinem Betrieb rund 80 Kilometer südlich von Frankfurt treffen möchte, muss über die engen Landstraßen des Odenwalds anreisen. Dichte Wälder wechseln sich mit grünen Kuhwiesen und Rapsfeldern ab. Die Durchfahrtsstraßen der Stadt Oberzent sind gesäumt mit Schildern, die Botschaften wie „Hausmacherwurst zu verkaufen“, oder „Kutschenfahrt“ verkünden.

          Es ist das Bild eines Landkreises, dessen Bevölkerungszahl über mehrere Jahre sank.  Zwar ist der Schwund mittlerweile ein wenig abgeebbt, die lokalen Unterschiede sind aber immens. Unter anderem deshalb schlossen sich zum 1. Januar vergangenen Jahres 19 Dörfer zur neuen Stadt Oberzent zusammen, Einwohnerzahl knapp 10.000. In zahlreichen Dörfern fehlt es an Infrastruktur, mancherorts hat nicht ein einziger Bäcker oder Metzger überlebt. „Die Alten sterben, die Jungen ziehen weg“ – viele Geschichten über den Odenwald sind von diesem Narrativ geprägt. Und dann gibt es Menschen wie Moritz Schumacher.

          Angekommen in der Schreinerei, ist der Chef gar nicht so leicht auszumachen. Denn rein optisch ist er nicht von seinen Angestellten zu unterscheiden. Auch wenn er nur noch selten Hand an den Maschinen anlegt, trägt Schumacher weiterhin eine beige Arbeitshose und das graue T-Shirt mit Firmenlogo – genau wie die Kollegen. „Anzüge trage ich kaum, darin fühle ich mich unwohl“, sagt er in breitem Hessisch und lacht. Schumacher, blonde Haare, gebräunte Haut, fester Händedruck und breites Kreuz, bittet ins Büro – draußen von der Wiese hört man Schafe blöken, es riecht nach frisch gemähtem Gras, ein Stück bergauf beginnt der Wald.

          Abitur oder Ausbildung?

          Etwa zehn Autominuten von hier ist Schumacher zur Schule gegangen, in der Gemeinde Wald-Michelbach, wo er die Realschule besuchte. Keine zehn Jahre ist das nun her, schon damals entwickelte der Schüler ein Faible für Holz und handwerkliche Arbeiten. Schumachers Eltern sind beide Akademiker, der Vater führt eine Firma, die Solaranlagen herstellt, die Mutter ist Lehrerin. „Von ihrer Seite kam aber kein Druck, unbedingt das Abitur zu machen und zu studieren“, erinnert sich der gebürtige Heppenheimer. Bis 2012 besucht er die Realschule, als Jugendlicher habe er aber eher mit Freunden, die auf das Gymnasium gingen, abgehangen. „Meine Lehrer haben dazu geraten, nach der mittleren Reife das Abitur zu machen.“ Schumacher entschied sich anders.

          In dieser Zeit seien viele aus der Clique zum Studium weggegangen, die Freunde zieht es vor allem nach Hamburg. Auch Schumacher zog diese Möglichkeit in Betracht, entscheidet sich aber dann, im Odenwald zu bleiben. Was durchaus kein üblicher Schritt sei: „Vielen jungen Leuten ist es in der Region einfach zu langweilig. Es hält sie wenig hier.“

          Moritz Schumacher ist Schreinermeister und mit 25 Jahren sein eigener Chef. Bilderstrecke

          Schumacher ist damit eine Art Gegenbild eines immer stärker werdenden Trends: Mehr und mehr Schüler machen das Abitur und ziehen anschließend zum Studium in eine andere Stadt – aus Perspektivgründen, wegen des Images und auf Druck der Eltern. Mehr als 50 Prozent eines Jahrgangs erwerben in Deutschland heute die Studienberechtigung. Als Schumacher geboren wurde, lag dieser Wert noch bei etwa 37 Prozent. Für ihn heißt es 2013 anstatt Studium in Hamburg allerdings zunächst Ausbildung bei der Schreinerei Bellut im heutigen Oberzent. Und auch wenn er es damals noch nicht ahnt – es ist die Entscheidung, die ihn keine sechs Jahre später in den Chefsessel befördern soll.

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