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Ausbildung als Schreiner : Chef mit Mitte 20

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2015 folgt der nächste Schritt auf der Karriereleiter. Auf Empfehlung des Chefs meldet sich Schumacher für die Meisterprüfung an; mit 20 Jahren. Sein Meisterstück, ein „Massivholz-Tischkicker“, steht heute im Bellutschen Büro. Auf Anfrage könne er ihn auch nachbauen. Zwar hat das noch kein Kunde gewünscht, Schumacher befindet sich aber in der komfortablen Situation, eine konstant hohe Nachfrage für andere Stücke zu haben: Vor allem werden bei Bellut Holztreppen hergestellt, etwa 30 Stück gingen im vergangenen Jahr an die Kunden. Preislich fangen die Treppen bei etwa 4000 Euro an, je nach Räumlichkeit und individuellen Wünschen kann sich diese Summe auch schon mal verdoppeln. Das Holz bezieht der Betrieb hauptsächlich aus einem Sägewerk in Wald-Michelbach, vor allem Buche und Eiche werden verbaut.

Mit dem Camper durch die Vereinigten Staaten

Mit dem Meisterbrief in der Tasche scheint sich der Schritt in die Selbstständigkeit immer mehr abzuzeichnen. Zunächst aber möchte Schumacher nochmal raus aus der ländlichen Heimat, den jungen Mann zieht es nun doch in die Ferne. Anfang 2016 packen er und ein Freund die Rucksäcke und buchen einen Flug in die Vereinigten Staaten. Da die oft zitierten „unbegrenzten Möglichkeiten“ dort aber schon an einer Altersgrenze für das Führen eines Mietwagens ihre Grenzen haben, stehen die zwei Hessen vor einem Problem: Der geplante Roadtrip lässt sich nicht so einfach in die Tat umsetzen, wie sie ihn sich ausgemalt hatten. Doch auch in dieser Situation beweist Schumacher handwerkliches Geschick und technisches Knowhow: Ein ausrangierter Peugeot-Bus wird kurzerhand zum Campingmobil umgebaut, per Schiff gelangt das vollbeladene Fahrzeug von Antwerpen nach Baltimore und dann kreuz und quer durch Amerika.

Nachwuchssorgen in Handwerksbetrieben

Zurück in Deutschland macht Schumacher den nächsten Schritt auf dem Weg zum Chef. Wie etliche Handwerksbetriebe in ländlichen Regionen, plagen auch die Schreinerei Bellut Nachwuchssorgen. Der Geschäftsführer geht bald in den Ruhestand, potentielle Bewerber stehen nicht gerade Schlange. Was sich zuvor schon angedeutet hat, wird nun konkret. Geselle Schumacher wird die Position als Geschäftsführer in Aussicht gestellt. Er bespricht sich mit Freunden und Familie und sagt schließlich zu. Bereits wenige Monate später sind er und der Betriebsgründer, Jürgen Bellut, gleichberechtigte Inhaber. Während dieser Zeit lernt der Nachfolger in spe eigenständige Entscheidungen über Materialien, Maschinen und Produkte zu treffen, das kaufmännische Einmaleins stand bereits während der Meisterschulung auf dem Stundenplan. Im Januar 2019 übernimmt Schumacher mit 24 Jahren die Schreinerei.

Betriebsintern hat sich seit dem Eigentümerwechsel einiges geändert. Heute zeichnet Schumacher die Einbaumöbel mit Hilfe vom Computerprogrammen und Apps. Diese schicken die Daten direkt an die CNC-Fräsmaschine, was erhebliche Arbeitszeit einspart. Ein weiterer Vorteil in der nun teil-digitalisierten Schreinerei: Schumacher kann seinen Kunden auf dem Tablet-Computer mittels Ausmessung durch Lasertechnik genau zeigen, wie sich deren Räume durch die neuen Möbel optisch verändern. Ein virtueller 360-Grad-Rundgang ermöglicht, auf individuelle Wünsche einzugehen, und verhindert Missverständnisse.

Bei den Kunden kommt das gut an. Die Geschäfte laufen gut. „Genau da, wo ich heute stehe, bin ich zufrieden“, sagt Schumacher und erzählt dann von seinem Freundeskreis im Odenwald, alten Schulkameraden, die es mittlerweile wieder in die Heimat zurückzieht, und seinem Hobby, dem Gleitschirmfliegen. Zwischenzeitlich arbeitet ein weiterer Meister im Betrieb, der jüngste Auszubildende ist 16 Jahre alt. „Es ist ein gutes Team. Weiter wachsen müssen wir gar nicht“, meint der Chef. Einen kleinen Makel hat die Erfolgsgeschichte aber noch. Schumachers Betrieb trägt weiterhin den Namen des Vorgängers: Schreinerei Jürgen Bellut. Gerade für langjährige Stammkunden, die etwas weiter weg wohnten, sei der Name ein fester Begriff, der für Qualität und Zuverlässigkeit stehe, sagt Schumacher. Irgendwann in den kommenden Jahren soll das Unternehmen dann aber doch den Namen des eigentlichen Chefs tragen. Der Standort im tiefsten Odenwald werde allerdings beibehalten.

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