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Gegen den Branchentrend : Immer weniger Ausbildung im Werk Höchst

Die Lehrlinge der anderen: Rund 100 000 Euro kostet die Ausbildung eines jungen Menschen. Doch nicht nur deshalb halten sich Chemieunternehmen im Frankfurter Industriepark Höchst zurück, den Nachwuchs im eigenen Betrieb zu schulen. Bild: Michael Braunschädel

So niedrig wie seit den fünfziger Jahren nicht ist die Zahl der neuen Lehrlinge im Industriepark Höchst. Das läuft dem Branchentrend zuwider. Betriebsräte sprechen von einer dramatischen Lage. Das hat mehrere Gründe.

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          Wenn Frank Niebergall mit Stirnrunzeln und drastischen Worten über die Ausbildung im Industriepark Höchst und einen absehbaren Mangel an Fachkräften spricht, ist Obacht angesagt. Denn kaum jemand kennt das Stammwerk der früheren Hoechst AG so gut wie der Vorsitzende des Betriebsrats der Betreibergesellschaft Infraserv. „Gemessen an dem Aderlass der nächsten Jahre werden wir bald auf den Brustwarzen durch die Betriebe hier robben“, warnt Niebergall, der seit gut vier Jahrzehnten im Werk arbeitet.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Das meint der Arbeitnehmervertreter zwar nicht wörtlich. Doch illustriert er die Worte mit dramatischen Zahlen. Allein die 2700 Beschäftigte starke Infraserv-Gruppe werde aufgrund der Altersstruktur ihrer Belegschaft in den nächsten zehn Jahren 1100 erfahrene Mitarbeiter verlieren: Diese Beschäftigten werden in Rente gehen. Die verfügbare Menge der Nachrücker reicht laut Niebergall längst nicht aus, um die Lücke zu füllen.

          Immer weniger Lehrlinge

          Personalleiter Wolfhart Burdenski versucht zu beruhigen. „Es ist der Job eines Betriebsrats, darauf hinzuweisen, was sich da tun könnte“, sagt er. Infraserv-Chef Jürgen Vormann habe ein offenes Ohr für die Belange der Ausbildung, hebt er hervor – und Niebergall bestätigt das. Die Betreibergesellschaft habe in den vergangenen Jahren stets zwischen 60 und 70 Lehrlinge angeheuert. „Wir haben hier das Glück, eine gewisse Kontinuität der Ausbildung zu haben“, sagt der Personalleiter.

          Das gilt aber längst nicht für alle Unternehmen an diesem Standort mit gut 22 500 Beschäftigten in 90 Firmen. Das machen Zahlen aus dem Büro von Udo Lemke deutlich. Wie der Geschäftsführer des Ausbildungs-Dienstleisters Provadis sagt, haben die Unternehmen im Industriepark zum laufenden Lehrjahr alles in allem 269 Auszubildende eingestellt. 2007 seien es 355 gewesen und zehn Jahre zuvor sogar noch 500 (siehe Grafik). Innerhalb von nur zwei Jahrzehnten hat sich also die Zahl der neuen Lehrlinge im Werk Höchst beinahe halbiert.

          Und nicht nur das: Sie liegt so niedrig wie seit den fünfziger Jahren nicht mehr, sagt Lemke. Er muss es wissen. Schließlich rekrutiert Provadis für viele Firmen im Höchster Werk Lehrlinge und bildet sie aus.

          Kontrast zu Erfolgsmeldungen

          Lemkes Erfahrung und seine Zahlen stehen in scharfem Kontrast zu den Erfolgsmeldungen, mit denen die Chemie-Arbeitgeber regelmäßig aufwarten: Laut Hessenchemie und den Lobbyisten vom Verband der Chemischen Industrie haben die mehr als 300 Mitgliedsfirmen in den vergangenen Jahren stets zwischen 1430 und 1600 neue Lehrlinge eingestellt. Sie übertreffen in der Regel die tarifvertraglich geforderte Zahl. Lemke weiß zudem zu berichten: An dem von Provadis ebenfalls betreuten früheren Hoechst-Werk in Marburg haben in der jüngeren Vergangenheit mehr Auszubildende angefangen als in den Vorjahren.

          Der Industriepark Höchst verliert also gegen den Branchentrend.

          So erachtet Michael Klippel, der Betriebsratsvorsitzende von Sanofi, die Aussichten sogar als „sehr dramatisch“ – obwohl der Arzneimittelhersteller nicht zu den Sündern bei der Ausbildung zählt. Nach eigenen Angaben hat die deutsche Tochter des gleichnamigen Konzerns mit Sitz in Paris über die Jahre ziemlich stabil ausgebildet. Seit 2008 stellte sie demnach jährlich zwischen 120 und 166 Lehrlinge am Standort neu ein. Zwar datiert die niedrigste Zahl vom vergangenen September, doch waren es ein Jahr zuvor nur fünf Neuzugänge mehr bei Sanofi in Höchst. Daraus erklärt sich der Niedergang der Ausbildung im Werk also nicht. Ralf Erkens, Bezirksleiter der Industriegewerkschaft Bergbau-Chemie-Energie, sagt, „dass einige sich auf andere verlassen“.

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