https://www.faz.net/-gzg-7bwqy

Aus Rumänien nach Deutschland : „Alleine, nonstop“

Gezeichnet: Nach sieben Jahren auf der Straße hat Ciprian Popescu das Vertrauen in sein Heimatland Rumänien verloren. Bild: Fiechter, Fabian

Er kam nur mit einem kleinen Rucksack auf dem Rücken. Was Ciprian Popescu aus Rumänien nach Deutschland verschlagen hat, wie er in Frankfurt sein Glück versucht und warum er es, bisher, nicht findet.

          5 Min.

          Es gäbe allen Grund, sentimental zu werden. Man könnte von seinem Hundeblick schreiben, denn Ciprian Popescu steht die Schwermut ins Gesicht geschrieben. Aber ist ihm damit geholfen? Man könnte auch einfach seine Geschichte erzählen, um zu verstehen, warum er hier ist und wohin er will.

          Rainer Schulze

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Herrn Popescus Reise begann in einem Heim, und da hat sie auch, vorläufig, geendet. Die Stationen seines bisherigen Lebens: Geburt am 5. November 1973 in Brasov, Kinderheim in Viktoria, Imbissbude in Bukarest, sieben Jahre auf der Straße in Brasov und anderswo, eine Zugfahrt nach Italien, eine Dönerbude in Trier, ein Obdachlosenheim in Hamburg, die Übernachtungsstätte für Wohnsitzlose im Frankfurter Ostpark. Dort sitzt er in seinem Container, zeigt Dokumente und erzählt.

          Viele Substantive und wenige Verben

          Es gibt Menschen, die starten mit einer Hypothek ins Leben. Warum er kurz nach der Geburt ins Kinderheim kam, weiß Herr Popescu selbst nicht so genau. Er hatte nie Kontakt zu seinen Eltern, weiß nicht, ob sie noch leben. Was es heißt, zu Ceausescus Zeiten in einem rumänischen Kinderheim zu leben, ist bekannt. „19 Jahre fertig Kinderheim“, sagt Herr Popescu. Jetzt ist er wieder im Heim, so schließt sich der Kreis. Sie sind zu viert im Zimmer. Zwei Stockbetten, zwei Stühle, das Nötigste halt.

          Herr Popescu spricht Deutsch mit vielen Substantiven und wenigen Verben. Aber man kann ihn ganz gut verstehen. Im Zeugnis des Jobcenters heißt das: „Bisheriger Spracherwerb: ungesteuert“. Er ist zwölf Jahre zur Schule gegangen, und „alphabetisiert“, wie die Behörde schreibt. Sprachniveau: „A2+ (mündlich). A1 (schriftlich).“ Fragt man ihn nach seiner Kindheit, sagt er so Sätze wie: „Alleine, nonstop.“ Vielleicht gehen sie deshalb so unter die Haut, weil die Fragmente den Kern dennoch transportieren. Weil sie ihn herausschälen.

          “Rumänien komplett Katastrophe

          Womit kommt so jemand über die Grenze? Was hat er für Erinnerungen dabei? Herr Popescu trug einen kleinen Rucksack, darin Wäsche, Rasierzeug, ein Handtuch, das war es. Keine Fotos, keine Briefe, keine Andenken. Mit 39 Jahren.

          “Rumänien komplett Katastrophe“, beschreibt er die letzten Jahre in der Heimat. „Viel Firma nicht Hilfe. Sieben Jahre schlafen Straße.“

          Er würde überall arbeiten

          Es ist 2010, als Herr Popescu „Tschüss, Rumänien“, sagt. Der Zug fährt nach Italien. Fünf Monate versucht er es dort, dann geht er nach Deutschland, landet irgendwie in dem kleinen Örtchen Konz bei Trier. Der türkische Betreiber einer Döner-Bude stellte ihn an, schwarz, für einen Hungerlohn. Auch ein Bett hat er dort. Der Chef verspricht, sich um Arbeitspapiere zu kümmern, aber nichts geschieht. Stattdessen wird er ausgebeutet wie ein Sklave. Zehn bis zwölf Stunden hat er gearbeitet, jeden Tag, für 150 Euro im Monat.

          Im Juni 2012 fährt er nach Hamburg, doch ohne Arbeitserlaubnis findet er nichts. Wer ihn einstellen will, muss belegen, dass es keinen adäquaten Inländer gibt, der den Job machen könnte. Das ist bei Herrn Popescus Qualifikation nicht leicht. Er würde alles machen: Kassierer im Supermarkt, putzen. „Egal, wasche Teller Restaurant, Straße Reinigung“, sagt er. Aber er landet im Obdachlosenheim.

          Vermutlich hat er nur dies einzige Hemd

          Am 3. Januar 2013 reist er weiter nach Frankfurt, schläft die ersten Tage in der Diakonie-Einrichtung Weserstraße 5. Am 15. Januar wird er in der Übernachtungsstätte im Ostpark aufgenommen. Dort im Heim hat er es ganz gut getroffen. Nach ein paar Monaten in einem lauten Vierbettzimmer ist er in ein ruhigeres umgezogen. Keine Spinner, keine Trinker. Herr Popescu säuft nicht. „Kein Alkohol, keine Drogen“, sagt er. Nur Zigaretten.

          Wir treffen ihn Freitag, Montag, Dienstag. Er ist immer da, immer freundlich, trägt immer dasselbe hellblaue Polohemd mit dunklen Querstreifen. Es ist vermutlich nicht sein Lieblingshemd, sondern einfach das einzige. Er hält sich ein bisschen krumm, spricht mit milder Stimme.

          90 Euro im Monat zum Überleben

          Sein Tag sieht so aus: Morgens Frühstück für 50 Cent im Franziskustreff, dem Frühstückstreff für arme und obdachlose Menschen im Kapuzinerkloster Liebfrauen. Dann „Straße gucken Pfand, nonstop“. Meistens am Hauptbahnhof, denn da gibt es viele durstige Menschen. Aber auch viel Konkurrenz. Manchmal begleitet er auch andere Rumänen zum Amt und hilft beim Übersetzen. Hat er genug Geld beisammen, geht er zur Tagesstätte der Caritas an der Bärenstraße im Ostend, wo der Teller Mittagessen einen Euro kostet. Das Abendessen kostet noch einmal einen Euro. Findet er nicht genug Pfandflaschen, fällt das Essen aus. Auch schon einmal zwei Tage hintereinander.

          Herr Popescu braucht im Monat also ungefähr 90 Euro zum Überleben.

          600 Unterrichtsseinheiten brauchte er

          Vom Staat bekommt er keinen Cent. Alle Anträge wurden abgelehnt. Wer noch nicht gearbeitet hat, hat keinen Anspruch auf Hartz IV. Wer keinen Anspruch auf Hartz IV hat, bekommt keinen Integrationskurs bezahlt. Wer schlecht Deutsch spricht, findet keine Arbeit. Wer noch nie Arbeit hatte, bekommt kein Hartz IV. So funktioniert sein Teufelskreis.

          Das Jobcenter hat nicht nur seine Sprachkompetenz eingestuft. Es hat auch eine Empfehlung gegeben: „Integrationskurs nötig, 600 Unterrichtseinheiten (6 Monate).“ Herr Popescu hat es schwarz auf weiß. Aber die Kosten dafür übernimmt das Jobcenter nicht und auch nicht das Sozialamt. Herr Popescu zeigt ein anderes Dokument. „Sie können keine Leistungen beantragen, weil sie lediglich ein alleiniges Aufenthaltsrecht zur Arbeitssuche in der Bundesrepublik Deutschland haben“, steht darauf.

          Er will nicht betteln

          Zum ersten Mal in unserem Gespräch klingt Herr Popescu verzweifelt: „Nicht bezahlen nicht funktionieren gar nichts“, sagt er. Dennoch: Der Integrationskurs ist seine Hoffnung. Er klammert sich daran. Macht er nur den Kurs, wird schon alles gut. Herr Popescu hat sich schon erkundigt, war bei der Berlitz School. Aber ein Integrationskurs eines privaten Anbieters würde 254 Euro kosten. Woher nehmen?

          Zu betteln kommt für ihn nicht in Frage. Auch Herr Popescu wurde von den organisierten Banden angesprochen, die das System der Demutsbettler auf der Zeil steuern. Damit will er nichts zu tun haben. „Viel, viel Mafia“, sagt er grimmig.

          Zu Roma-Familien hält er Abstand

          Ohnehin ist er auf seine Landsleute nicht gut zu sprechen. „Zammzaramm“, sagt er und macht eine eindeutige Geste. Alles Gauner, soll das wohl heißen. Sie wollten nicht arbeiten, sich „nicht integrieren“, das Fremdwort kennt er. Zu Roma-Familien, die er Zigeuner nennt, hält er Abstand. In der Obdachlosenunterkunft leben zurzeit acht Rumänen: „Hier eine Familie Zigeuner, aber nur hallo, hallo. Fertig.“

          Herr Popescu sagt, dass nicht alle Rumänen so sind.

          Herr Popescu ist krank, das ist sein Glüc

          Bei der Essensausgabe der Caritas geht es nicht immer höflich zu. Besonders andere Ausländer ärgern ihn. „Arschloch, Penner“ ist da noch milde. Einmal hat Herr Popescu drei Haare in seinem Teller gefunden. Das war Absicht, ist er sich sicher.

          Herr Popescu ist krank, das ist sein Glück. Normalerweise haben Bulgaren und Rumänen keinen Anspruch auf einen dauerhaften Schlafplatz im Ostpark und werden „zurückgeführt“, wie es im Behördendeutsch heißt. Das bedeutet, dass ihnen jemand einen Fahrschein kauft und sie in einen Bus oder Zug setzt mit dem Fahrtziel Heimat.

          Die AOK versichert ihn nicht

          Deutschland hat seinen Arbeitsmarkt abgeschottet. Bulgaren und Rumänen dürfen sich frei in Deutschland aufhalten, aber nicht umstandslos hier arbeiten. Man könnte auch sagen: Sie dürfen hier leben, aber nicht überleben. Weil, wer nicht ins Sozialsystem einzahlt, auch keine sozialen Leistungen beanspruchen kann, hat Herr Popescu auch keinen Rechtsanspruch auf Hilfe. Weil er Asthma hat, darf er trotzdem bleiben. Herr Popescu steht auf einer Liste „vital gefährdeter Personen“, wie das heißt. Darum hat er einen Sonderstatus. „Non-stop schlafen kein Problem“, sagt er.

          Zwar hat Herr Popescu keine Krankenversicherung, die AOK hat die Aufnahme abgelehnt. Doch die Elisabeth-Straßenambulanz der Caritas, die sich um Frauen und Männer in Wohnungsnot kümmert, versorgt ihn. Manchmal geht Herr Popescu nicht nur dorthin, wenn er neue Medikamente braucht. Am Montag hat ihm die Ärztin Antidepressiva verschrieben. Möglicherweise hat er auch ihr gesagt: „Vielleicht besser eine Tablette und dann tot.“

          „Sack und schlafen Straße“

          Würde man Herrn Popescu einen Fahrschein nach Rumänien geben, er bliebe trotzdem. „Ich nicht akzeptieren“, sagt er. Was aber, wenn er die Übernachtungsstätte im Ostpark doch verlassen muss? Wenn er bis dahin keine Arbeit findet? Wenn er wieder auf sich alleine gestellt ist? Was wäre sein Plan B? „Sack und schlafen Straße.“

          Am 1. Januar 2014 wird die Arbeitserlaubnispflicht für Bulgaren und Rumänen aufgehoben. Vielleicht hat er es dann leichter.

          Weitere Themen

          Die Wende der SPD

          Parteitag in Berlin : Die Wende der SPD

          Der Parteitag in Berlin ist ein historischer Bruch für die SPD. Sie verabschiedet sich endgültig von der „neoliberalen“ Schröder-Ära durch ein Programm für einen „neuen Sozialstaat“.

          Topmeldungen

          Klopps „Endspiel“ in Salzburg : „Oh, mein Gott!“

          Dem deutschen Trainer Jürgen Klopp droht mit seinem FC Liverpool in Salzburg das Vorrunden-Aus in der Champions League. Und die Österreicher wittern in ihrem „Finale dahoam“ die Chance ihres Lebens.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.