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Industriepark Griesheim : Trotz Aus für SGL-Fabrik guten Mutes

Wandel: Nur noch dieses Jahr steht SGL Carbon auf dem Schild am Eingang zum Industriepark Griesheim – andererseits kommen neue Namen bald hinzu. Bild: Esra Klein

Bald dürfte der Industriepark Griesheim weniger als 600 Beschäftigte zählen – ein Tiefpunkt. Und doch blickt der Betreiber mit Zuversicht nach vorne, auch wegen der Energiewende.

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          Wie kann die Chemiefirma Weylchem im Industriepark Griesheim künftig weniger Braunkohlestaub verfeuern als geplant? Geschäftsführer Rafael Reiser hat vor ein paar Wochen schon einmal laut über eine Möglichkeit nachgedacht, auch wenn die umstrittene Anlage zur Produktion von Dampf, die er mit Braunkohlestaub füttern will, noch gar nicht steht. Er könnte, so seine Idee, den Einsatz des Brennstoffs verringern, falls die Mainova Abwärme aus dem Griesheimer Betrieb von SGL Carbon in Dampf wandeln und an Weylchem liefern würde. Diese Idee ist nun aber tot, bevor sie mit Leben erfüllt werden konnte.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Denn SGL Carbon gibt bis Jahresende seinen schon seit drei Jahren nicht mehr ausgelasteten Betrieb auf dem früheren Gelände der Hoechst AG auf, der für die Stahlproduktion benötigte Graphitelektroden herstellt (F.A.Z. vom Mittwoch). Diese Nachricht weckt Erinnerungen an eine Reihe von Fabrikschließungen am Standort vor einigen Jahren – Industriepark-Manager Andreas Brockmeyer klagt aber nicht. Und das hat mehrere Gründe: Zum einen wusste der Geschäftsführer des Industriepark-Betreibers Infrasite Griesheim um die wirtschaftlichen Nöte des SGL-Betriebs mit 150 Mitarbeitern. Infolge der mangelnden Auslastung habe die Elektrodenfabrik in der jüngeren Vergangenheit etwa weniger Strom benötigt als zuvor.

          SGL-Rückzug sei ein herber Rückschlag

          So ist SGL für die Umsätze von Infrasite nicht mehr so bedeutend wie ehedem: „Das ist für uns nicht die Riesensäule“, sagt Brockmeyer. Zum Zweiten bedeutet der Rückzug von SGL aus der Produktion für den Manager nicht auch den vollständigen Verlust des Kunden. Solange SGL dort Gebäude gepachtet habe, blieben auch Verpflichtungen bestehen – der Kunde müsse für Grundleistungen wie Infrastruktur und Werkschutz weiterzahlen.

          Wie Brockmeyer weiter erläutert, ist für den Umsatz mit Kunden die jeweils im Industriepark belegte Fläche wichtig und nicht die Mitarbeiterzahl. Andernfalls bedeutete der Rückzug von SGL von heute auf morgen schon einen herben Schlag. Denn die Elektrodenfabrik beschäftigt mit 150 Mitarbeitern einen guten Teil der alles in allem 650 am Standort tätigen Männer und Frauen. Das ist eine sehr niedrige Zahl im Vergleich zu den Hochzeiten des Industrieparks: Noch 1990 waren dort 2700 Mitarbeiter tätig. Die Zahlenreihe spiegelt einen stetigen Abbau, aber auch eine Stabilisierung, wenn auch auf schwachem Niveau.

          Brockmeyers Pläne für den Industriepark

          Brockmeyer hat schließlich nicht nur Abgänge zu melden. Im vergangenen Jahr verlagerte die Infrasite-Mutter Infraserv Höchst 100 Stellen der Logistiktochter nach Griesheim. Dort haben sich zudem ein Start-up, das Laborversuche für das Verhalten von Materialien im Brandfall macht, und eine Firma für Werkstoffprüfung angesiedelt. Jüngst ist in dem östlichen, kleineren Gewerbetreibenden vorbehaltenen Teil des Geländes ein Messebaubetrieb hinzugekommen. Weitere Zugänge sind laut Brockmeyer absehbar: So wolle der Entsorger Veolia Meinhard auf dem Industrieareal künftig Abfälle auf chemisch-physikalischer Basis aufbereiten. Dabei gehe es etwa um Bohrflüssigkeiten, aus denen Wertstoffe wie Metalle vom Wasser getrennt werden. Gleiches gelte für Lösungsmittel. Das Wasser werde in die Kläranlage von Infrasite an der Stroofstraße fließen.

          Zudem will laut Brockmeyer der in der Schweiz ansässige Versorger PQ-Energy mit dem Finanzinvestor Blackstone ein sogenanntes Reservekraftwerk errichten. Dieses Kraftwerk würde dann benötigt, wenn Windräder, Solar- und Biogasanlagen sowie andere Kraftwerke einmal zu wenig Strom liefern sollten und das Netz zusammenbräche, wie der Industriepark-Manager erläutert. 300 Millionen Euro wolle PQ zu diesem Zweck investieren. Auch in diesem Fall schaut Brockmeyer nicht zuletzt auf Leistungen, die die Firmen bei ihm einkaufen werden. Chancen sieht er auch durch den Masterplan Industrie der Stadt und ihr Bekenntnis zum verarbeitenden Gewerbe. „Industrieflächen sind gefragt und nicht leicht zu schaffen.“

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