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Ausgezeichnete Arbeit: Katharina Iskandar berichtet über Fälle von Rechtsextremismus und Terrorismus im Rhein-Main-Gebiet.

Kommentar : Aus den Anschlägen Lehren ziehen

Aufmarsch: Nach dem Amoklauf in München zeigte die Polizei auch in Frankfurt verstärkte Präsenz Bild: Silber, Stefanie

Es wird auch in Hessen für Polizei und Verfassungsschutz die größte Herausforderung sein, den Fokus auf diejenigen zu richten, die sich im Stillen radikalisieren. Doch außer Sicherheitsbehörden müssen auch andere ran.

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          Man hat bisher nicht den Eindruck, als hinterließen der Amoklauf in München sowie die Anschläge in Würzburg, Reutlingen und Ansbach größere Spuren. Diejenigen, die in diesen Tagen zu Tausenden auf der Zeil einkaufen wollten, ließen sich nicht abhalten. Und auch die Feste und Festivals in der Rhein-Main-Region waren wie sonst auch gut besucht. So soll es auch sein. Denn die Anschläge, die in Bayern verübt wurden, weisen nach allem, was bisher bekannt ist, keine Verbindungen nach Hessen auf. Und auch, wenn es anders wäre: Es wäre falsch, sich aus dem öffentlichen Leben zurückzuziehen. So erschreckend die Taten in den vergangenen Tagen gewesen sind - die Angst zu schüren und die Menschen in ihrer Freiheit einzuschränken, das ist das Ziel von Amokläufern und Terroristen.

          Dennoch bleibt ein fader Beigeschmack. Denn die Gewalttaten weisen beängstigende Parallelen auf, die nun politisch aufgearbeitet werden müssen. Sowohl der Anschlag in dem Regionalexpress bei Würzburg als auch die Attentate von Reutlingen und Ansbach wurden von Flüchtlingen verübt. Mindestens zwei der Taten haben einen islamistischen Hintergrund. Zugleich spielten psychische Erkrankungen eine Rolle. Die Deutsche Polizeigewerkschaft spricht von einer Gemengelage an Motiven, die auch für die Polizei ein neues Phänomen darstelle. Die Frage ist nun, welche Lehren daraus gezogen werden.

          Was geht - und was nicht

          Denn die Erkenntnis, dass sich auch unter Flüchtlingen solche finden, die für die Ideologie des „Islamischen Staats“ empfänglich sind, ist nicht neu. Auch in Hessen sind schon vereinzelt salafistische Akteure im Umfeld von Flüchtlingsunterkünften aufgetreten, die versucht haben, Asylbewerber für ihre Zwecke anzuwerben.

          Die Sicherheitsbehörden haben dieses Problem im Blick, wissen aber auch, dass die Beobachtung dieser Szene in hoher Intensität gar nicht aufrechterhalten werden kann. Für die Erstaufnahmeeinrichtungen mag das noch gelingen. Nicht aber, wenn die Flüchtlinge auf kleinere Unterkünfte verteilt werden und auch die Behörden mehr und mehr den Überblick verlieren, wer dorthin zum Missionieren kommt.

          Es wird deshalb auch in Hessen für Polizei und Verfassungsschutz die größte Herausforderung sein, den Fokus auf diejenigen zu richten, die sich im Stillen radikalisieren. Eine der Lehren, die sich möglicherweise aus den jüngsten Attentaten ziehen lässt, ist, zu schauen, ob es ein typisches Täterprofil gibt und welche Rolle die psychische Labilität derer spielt, die sich offenbar leicht von Gewaltphantasien auf der einen und einem islamistisch motivierten Wahn auf der anderen Seite beeindrucken lassen. Das können aber die Sicherheitsbehörden nicht allein leisten. Dazu bedarf es auch der sozialen Einrichtungen und ihrer Mitarbeiter. Sie müssen mehr als bisher bereit sein, Auffälligkeiten zu melden.

          Katharina Iskandar

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

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